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Ist die Vier-Tage-Woche die Zukunft der Arbeit?

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Sie ist in aller Munde, aber wird die Zukunft der Arbeit wirklich eine flächendeckende Vier-Tage-Woche sein? Was sind die Argumente dafür oder dagegen? Diese und andere Fragen diskutierten drei Expertinnen und ein Experte beim diesjährigen Deutschen Personalwirtschaftspreis. Die Diskussionsrunde moderierten Catrin Behlau und Matthias Schmidt-Stein, Redaktionsleitung der Personalwirtschaft.

Martin Gaedt, Autor des Buchs „4-Tage-Woche“, stieg in die Diskussion mit einem Beispiel aus seinem Buch ein: Eine Steuerberatung, mit der er gesprochen habe, habe vor Einführung der verkürzten Arbeitszeit „stille Stunden“ eingeführt, in denen das Telefon der Mitarbeitenden nicht klingeln durfte. Auch E-Mails habe die Kanzlei nur zweimal am Tag zugestellt. Durch diese Maßnahmen habe das Unternehmen den Stress der Mitarbeitenden reduzieren können, und sie seien produktiver gewesen. „Dann konnte die Arbeitszeit bei vollem Gehalt von 40 auf 34 Stunden reduziert werden“, resümierte Gaedt. Und obendrein habe das Unternehmen zwei Jahre in Folge 20 Prozent mehr Umsatz gemacht.

Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager*innen und Vorständin für Arbeit und Soziales bei BP Europa SE, hielt dagegen: Es seien oft die kleinen Unternehmen, die die Vier-Tage-Woche erfolgreich umsetzen könnten. Bei größerer Komplexität und Besonderheiten wie verschiedenen Zeitzonen werde das schwierig, denn „einen Tanker zu manövrieren, dauert auch länger als ein Speedboot“. Außerdem warf sie die Frage ein: „Was könnte an dem fünften Tag, der bei diesem Modell wegfällt, geleistet werden?“ Diese Leistung bräuchten wir in Zukunft.

Flexibilität statt starrer Vier-Tage-Woche

Die Personalvorständin der Techniker Krankenkasse, Karen Walkenhorst, findet, dass Flexibilität wichtiger sei als eine starre Vier-Tage-Woche. Diese müsse allerdings mit Kundenwünschen vereinbar sein, denn in einigen Branchen müsse man rund um die Uhr verfügbar sein. Daher sei gerade beim Blick auf die demografische Entwicklung die Vier-Tage-Woche „keine Antwort“ auf den Arbeitskräftemangel. Im Gegenteil: Das Arbeitszeitmodell vergrößere nur die Lücke am Arbeitsmarkt.

Auch Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability der Hochschule Ludwigshafen, lenkte den Blick auf die Demografie: Zu viele Menschen gingen in Kürze in Rente, nicht genug kämen nach. Dennoch sei ihr allgemein die Debatte um die Vier-Tage-Woche zu eindimensional. Die individuelle Komponente könne sie verstehen: In den vergangenen Jahren habe es eine erhebliche Beschleunigung der Arbeitswelt gegeben. Durch diese werde „Zeit zu einer eigenständigen Währung“. Doch, wenn alle Beschäftigten bei acht Stunden Arbeit am Tag nur noch vier Tage die Woche arbeiteten, fehlten dem Arbeitgeber 20 Prozent der zuvor geleisteten Arbeitsstunden pro Woche. Das sei ein nicht lösbarer Zielkonflikt.

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Gaedt hielt dagegen, dass er nicht fordere, dass die Vier-Tage-Woche zum Gesetz werde, sondern dass sie weiterhin eine unternehmerische Entscheidung bleiben solle. Er brachte noch einen anderen Punkt zur Sprache: die Gesundheit der Beschäftigten. Diese würde durch die verkürzte Arbeitszeit geschont, so dass die Mitarbeitenden länger leistungsfähig blieben. Ein Unternehmen, das er in seinem Buch vorstellt, habe die Krankheitsstände bei sich halbieren können.

„Das Pflegesystem steht am Rande des Wahnsinns“

Rump widersprach dieser Ansicht. Ihrer Auffassung nach sind die Krankheitsstände lediglich eine Momentaufnahme und gerade mal „ein halbes Jahr alt“. Weiterhin hätten Unternehmen, die das Modell ausprobierten, ja auch Interesse an dessen Erfolg. Auch Dransfeld-Haase vertrat die Meinung, dass es auf das Unternehmen ankomme – und besonders auf die Branche. „Das Pflegesystem steht jetzt schon am Rande des Wahnsinns“ und würde eine Arbeitszeitverkürzung nicht schaffen.

Gaedt antwortete: „Die Ausgestaltung des Arbeitszeitmodells sieht in jeder Branche und jedem Unternehmen anders aus.“ Die Unternehmen, die das Modell mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen entwickelt hätten, seien am erfolgreichsten damit. So gebe es auch Unternehmen, die die Arbeitszeit nicht reduzieren, sondern stattdessen zehn Stunden am Tag an nur vier Tagen arbeiten. Dazu warf Dransfeld-Haase die Frage auf, ob sich Beschäftigte wirklich zehn Stunden am Tag konzentrieren könnten, gerade in kreativen Berufen wie dem des Programmierers oder der Programmiererin?

Doch was sind nun die Themen der Zukunft der Arbeit der kommenden zehn Jahre, wollte Moderatorin Catrin Behlau zum Abschluss wissen. Rump findet, dass Arbeitgeber nach innen und außen attraktiv sein müssten und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Privatleben und Beruf vereinen können müssten. Außerdem werde ihrer Ansicht nach die digitale Transformation eine große Rolle spielen. Dransfeld-Haase dagegen will Leistung wieder als etwas Positives gesehen wissen: „Was die einzelnen Zukunftsthemen sind, ist gar nicht so wichtig, sondern das, was wir leisten müssen.“ In Deutschland sei Wissen die Ressource. Einen anderen Schwerpunkt setzt Walkenhorst: Sie findet, dass Veränderungsbereitschaft wichtig sei: „Lebenslanges Lernen und auch das Erlernen neuer Berufe werden unabdinglich sein.“ Zuletzt blickte auch Gaedt auf die Transformation der Arbeit. Die „kann nicht funktionieren, wenn wir nicht Altes ausmisten“, wie – seiner Meinung nach – beispielsweise die Fünf-Tage-Woche.

Stefanie Jansen war 2022 und 2023 Volontärin in der Redaktion der Personalwirtschaft. Ihre Themenschwerpunkte waren Aus- und Weiterbildung, der Job HR und neue Arbeitszeitmodelle.