KI-Arbeitswelt: Was Führungskräfte wollen und was die Praxis zeigt

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Führt Künstliche Intelligenz in Unternehmen eher zu einem Stellenabbau oder zu einem stärkeren Fokus auf die Mitarbeitenden? Die aktuelle Studie „AI at Work“ des Nürnberger Instituts für Marktentscheidungen (NIM) und des St. Gallen Symposiums (einer Plattform für Generationendialog) zeigt klar, was Führungskräfte bevorzugen: Sie wollen Jobs und Rollen zukünftig so gestalten, dass Menschen mehr Eigenständigkeit bekommen und mit KI lernen können. Gleichzeitig sollen Menschen in der zukünftigen Arbeitswelt Aufgaben haben, für die sie Fähigkeiten brauchen, in denen sie der KI überlegen sind. Einen Abbau von Personal durch die KI-Transformation wünschen sich nur wenige.

Wie tragfähig dieser Anspruch in der Praxis ist, zeigt sich jedoch erst bei genauerer Betrachtung von Unternehmen. Dann zeigt sich, dass der Umgang mit KI in der Realität oft zweigleisig ausfällt.

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Einigkeit bei Investitionen in Mitarbeitende

Für die Studie wurden junge Führungskräfte unter 35 Jahren sowie erfahrene Topmanager gefragt, wie sie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen bewerten. Trotz unterschiedlicher Perspektiven in vielen Aspekten gibt es einen klaren gemeinsamen Nenner der knapp 700 Befragten: Wenn KI die Arbeit effizienter macht, soll der Vorteil nicht einfach beim Unternehmen hängen bleiben, sondern den Mitarbeitenden zugutekommen.

Konkret bedeutet das, dass die Zeit- und Kostengewinne durch KI genutzt werden sollen, um Beschäftigte weiterzubilden, ihnen neue Aufgaben zu geben und sie auf veränderte Anforderungen vorzubereiten. Dafür spricht sich ein großer Teil der befragten Führungskräfte aus: über 80 Prozent insgesamt, darunter 87 Prozent der Jüngeren und 81 Prozent der Älteren.

Innerhalb dieses Fokus auf Investitionen in Mitarbeitende zeigen sich nochmals unterschiedliche Schwerpunkte zwischen den Generationen. So setzen erfahrene Führungskräfte mit 42 Prozent stärker auf Weiterbildung und interne Wechsel im Unternehmen als jüngere Führungskräfte (29 Prozent). Nachwuchstalente hingegen legen mit 35 Prozent mehr Wert darauf, Arbeit insgesamt sinnvoller zu gestalten und stärker auf menschliche Fähigkeiten auszurichten, während es bei den älteren Führungskräften 22 Prozent sind.

Kaum Rückhalt für Personalabbau durch KI

Ganz anders sieht es am unteren Ende der Skala aus. Wenn Unternehmen durch KI effizienter werden, soll dies laut den meisten Führungskräfte bevorzugterweise nicht zu einem Stellenabbau führen. Nur zwei Prozent der Nachwuchsführungskräfte und drei Prozent der erfahrenen Manager und Managerinnen halten eine Reduzierung des Personals für sinnvoll, um im KI-Zeitalter wettbewerbsfähig zu bleiben.

Sie erwarten vielmehr, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen und ihre Beschäftigten aktiv begleiten, wenn sich Aufgaben durch KI verändern.

Prioritäten der Führungskräfte: So sollen Unternehmen Effizienzgewinne durch KI nutzen

PrioritätMaßnahmeJunge Führungskräfte (unter 35 Jahren)Ältere Führungskräfte
1.Jobs und Rollen neu gestalten (mehr Autonomie, Lernen, Stärken nutzen)35 %29 %
2.Stark in Weiterbildung und interne Mobilität investieren29 %42 %
3.Arbeitszeit reduzieren bei stabiler Bezahlung12 %11 %
4.Gewinne an Mitarbeitende weitergeben (Lohn, Boni, etc.)11 %6 %
5.Mehr Output mit gleicher Belegschaft erzielen9 %16 %
6.Personal reduzieren zur Wettbewerbsfähigkeit2 %3 %

Realität: Zwischen Weiterentwicklung und Jobverlust

So eindeutig der Anspruch der Führungskräfte auch wirkt, so gemischt ist das Bild in der Unternehmenspraxis. Viele Firmen passen zwar Aufgaben und Rollen ihrer Beschäftigten parallel zu den Veränderungen, die mit Künstlicher Intelligenz einhergehen, an. Gleichzeitig spielt, entgegen den Prioritäten der Führungskräfte, auch der Stellenabbau in der Realität eine spürbare Rolle.

Eine Umfrage des Münchner ifo-Instituts aus dem Juni 2025 kommt etwa zu dem Ergebnis, dass mehr als ein Viertel der Unternehmen davon ausgeht, dass KI bis 2030 zu einem Stellenabbau von durchschnittlich acht Prozent führen werde. Lediglich rund fünf Prozent rechnen mit zusätzlichen Jobs, während etwa zwei Drittel keine Veränderung beim Personalbestand erwarten.

Das Beispiel Ergo zeigt: Weiterentwicklung und Stellenabbau greifen häufig ineinander

Wie eng dieser Umbau mit konkreten Personalentscheidungen verknüpft ist, zeigt das Beispiel der Munich-Re-Tochter Ergo (Eigenschreibweise ERGO). Das Versicherungsunternehmen verknüpft den Einsatz von KI nämlich bewusst mit einem geplanten Stellenabbau. Im Februar 2026 kündigte das Unternehmen an, bis 2030 rund 1.000 Stellen zu streichen, was jährlich 200 Mitarbeitende betrifft. Hinter dieser Entscheidung steht der technologische Wandel durch KI, den das Unternehmen mit großem Automatisierungspotenzial verbindet. Während vor allem einfache, repetitive Tätigkeiten wegfallen, entstehen in anderen Bereichen wiederum neue Aufgaben und Jobs.

Gleichzeitig verfolgt das Unternehmen eine doppelte Strategie: Neben dem Abbau von Stellen und einfacher Tätigkeiten, investiert Ergo in die Qualifizierung der eigenen Belegschaft. Über eine interne „Reskilling-Academy“ sollen Beschäftigte für neue Aufgaben vorbereitet und möglichst im Unternehmen gehalten werden.

Das Beispiel macht deutlich: KI führt nicht zu einem klaren Entweder-oder, sondern zu einem parallelen Umbau. Während einige Tätigkeiten verschwinden, entstehen an anderer Stelle neue, und Unternehmen versuchen, diesen Prozess zu steuern. Dieses Muster zeigt sich auch in anderen Branchen. So gab etwa der Facebook-Mutterkonzern Meta laut Medienberichten bekannt, umfangreiche Entlassungen zu planen, während das Unternehmen gleichzeitig massiv in KI investiert und neue Strukturen aufbaut.

Info

Mara Marx ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.