„Null-Bock-Tage“: Medienhype oder echter Trend?

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Die Briten sind schuld. Denn es war die Unternehmensberatung MTD aus England, die den vermeintlichen Trend identifiziert hat, über den auch hierzulande diskutiert wird: die „Can’t be arsed days“, zu Deutsch die „Null-Bock-Tage“. In dem Workplace-Trend-Report des Beratungsunternehmens für das 3. Quartal 2024 und folgende wird das Angebot an zusätzlichen freien Tagen als einer der zukünftigen Arbeitstrends erkoren. „Can’t be arsed days“ sind demnach freie Tage, die sich Mitarbeitende spontan freinehmen können, wenn sie nicht die Energie oder die Bereitschaft für produktives Arbeiten haben. Und zwar auf Kosten des Arbeitgebers.

Egoismus und mangelndes Durchhaltevermögen?

So zeigt sich Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen, auf Linkedin entsetzt über die neue Form des Sonderurlaubs: „Was für ein Egoismus! Nicht nur gegenüber dem Arbeitgeber und den Kunden, sondern vor allem gegenüber dem Team.“ Wer sich aufgrund von mangelnder Lust freinehme, stoppe Prozesse für Kunden, schiebe seine Arbeit auf den Rest des Teams ab und koste seinen Arbeitgeber Geld. „Wenn wir uns schlecht fühlen, sollten wir uns krankmelden“, sagt sie.

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Sonja Schlärmann, Recruiterin bei der STILL GmbH, sieht die Null-Bock-Tage differenzierter. Einerseits schreibt sie auf Linkedin: „Sie könnten helfen, Überlastung und Burn-out zu verhindern, und tatsächlich Krankmeldungen reduzieren. Menschen, die wirklich mal eine mentale Auszeit brauchen, könnten so ehrlicher damit umgehen.“ Andererseits merkt sie an: „Was passiert dadurch mit Disziplin und Durchhaltevermögen? Manchmal muss man auch die Zähne zusammenbeißen und durch Phasen geringerer Motivation hindurcharbeiten. Arbeit ist eben manchmal unangenehm und anstrengend.“

Aber wie wurde aus einer Aussendung einer britischen Beratung ein Diskussionsthema in der deutschen HR-Szene? RTL griff das Thema als eines der ersten Medien auf. Der Fernsehsender zitierte den MTD-Chef, welcher betonte, dass schon zahlreiche große Tech-Unternehmen in den USA und der UK das Konzept eingeführt haben – darunter Linkedin, Google und Microsoft. Von dort aus schafften es die „Null-Bock-Tage“ in zahlreiche andere deutsche Medien. Der Tenor: Wer mal keine Lust hat zu arbeiten, kann dies weltweit immer mehr bezahlt tun.

Allerdings: Die globalen Software-Riesen wollen von „Null-Bock-Tagen“ nichts wissen. Linkedin sagte auf Anfrage unserer Redaktion, dass es dort keine Null-Bock-Tage gebe. Google hat zwar sogenannte Reset Days. Doch diese unterscheiden sich leicht von den Null-Bock-Tagen. Googles Reset Days sind Tage, an denen sich Mitarbeitende bezahlt freinehmen können, um ihre mentale Gesundheit zu fördern und von stressigen Phasen herunterzukommen. Gleichzeitig hatte es im März 2024 einen Global Reset Day beim Software-Konzern gegeben, an dem alle Mitarbeitende weltweit frei hatten – eine Art Firmenfeiertag.

Die „Null-Bock-Tage“ beim deutschen Start-up Einhorn

Auch in Deutschland gibt es die Null-Bock-Tage nur in sehr vereinzelten Unternehmen. Eines davon ist Einhorn, ein Hersteller von Kondomen und Periodenprodukten. Das Start-up hat bereits vor acht Jahren die „Null-Bock-Tage“ bei sich eingeführt – und dürfte mitverantwortlich für die Bezeichnung hierzulande sein. „Wir wollen damit zeigen, dass es grundsätzlich okay ist, nicht zur Arbeit zu kommen, solange es offen und ehrlich kommuniziert wird“, sagt ein Einhorn-Sprecher. Eine kurze Nachricht am Morgen reicht, und schon kann die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter der Arbeit fernbleiben.

Dahinter stecke auch bei Einhorn ein höheres Ziel: Krankheiten und Überlastungen im Team sollen vorgebeugt werden und Mitarbeitende die Null-Bock-Tage dazu nutzen, um wieder Energie zu tanken und leistungsfähig zu sein. Es gehe nicht darum, auf Kosten des Arbeitgebers zu faulenzen. „Wir geben unserem Team das Vertrauen, sinnvoll und mit gesundem Menschenverstand mit ihrer Zeit umzugehen – und das wird nicht ausgenutzt“, sagt der Einhorn-Sprecher. Durchschnittlich würde ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ein bis fünf Null-Bock-Tage pro Jahr nehmen. Auf den Vorwurf, dass die Null-Bock-Tage zu einem erhöhten Egoismus in der Belegschaft führen könnten, antwortet der Unternehmenssprecher: „Es macht überhaupt keinen Spaß, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die keinen Bock zum Arbeiten haben. Menschen ohne Energie und Lust auf Arbeit sind eher schädlich fürs Team.“

Fokus auf mentaler Gesundheit

Was es aber immer häufiger zu geben scheint, sind zusätzliche freie Tage für die mentale Gesundheitsförderung. Dabei läuft das Angebot unter den unterschiedlichsten Begriffen – von Reset Days, über Mental Health Day zu Wellbeing Day. Teilweise können diese Tage spontan und je nach Bedarf genommen werden, teilweise sind sie an feste Daten gekoppelt und gelten für das gesamte Unternehmen. Wie auch immer der Name und die Regelung im jeweiligen Unternehmen sein mag; die zusätzlichen freien Tage sind meist in andere Bemühungen zur mentalen Gesundheitsförderung des Arbeitgebers eingebettet. Das war beispielsweise auch bei SAP der Fall. Während der Corona-Pandemie gab es beim Software-Konzern einen Tag mehr Urlaub für die Mitarbeitenden, um die mentale Gesundheit zu fördern. Mittlerweile gibt es dieses Angebot für die Beschäftigten allerdings nicht mehr. Auch Linkedin hat zusätzliche Firmenfeiertage eingeführt, den Year End Company Shutdown. Zwischen Weihnachten und Neujahr bekommen alle Mitarbeitenden zusätzlich frei (ausgeschlossen sind kritische Funktionen), „um sich erholen zu können“, wie eine Unternehmenssprecherin sagt.

Was erschwerend hinzukommt: Nicht überall, wo das Gleiche draufsteht, ist auch das Gleiche drin. So sind Reset Days bei Google wie erwähnt freie Tage für die mentale Gesundheit. Beim britischen Frauenmagazin Stylist werden so allerdings Tage bezeichnet, an denen sich Mitarbeitende aus Meetings ausklinken, über Chats und Telefon nicht erreichbar sind und auch keine anderen Office-Verpflichtungen nachgehen müssen und so konzentriert sowie ungestört in tiefe Arbeitsphasen abtauchen können. Wiederum andere sehen Reset Days (innerhalb und außerhalb des Arbeitskontexts) als Zeit an, in der man aufräumt, organisiert und plant und sich um all die Dinge kümmert, die im Alltagsstress untergegangen sind.

Ursachenforschung wird so nicht betrieben

Ob „Null-Bock-Tage“ oder Reset Days: Ihre Einführung könnte dazu führen, dass Arbeitgeber die Symptome von wenig Antrieb lindern wollen, sich aber nicht auf die Ursachenforschung begeben. So plädiert Führungskräftetrainer Stephan Schmitt auf Linkedin dafür, sich lieber mal zu fragen, wo das „Null-Bock-Gefühl“ der Mitarbeitenden herkommt, statt sie indirekt nach Hause zu schicken, wenn sie lustlos sind. Gleichzeitig könne es Teams zerstören, wenn Top-Leistungsträgerinnen und -träger mehr arbeiten müssen, weil einige Kolleginnen und Kollegen lieber daheim bleiben.

Zu Konflikten innerhalb der Belegschaft oder der Arbeitergesellschaft könnten die Null-Bock-Tage auch führen, weil sie nicht in jeder Berufssparte gleichgut umgesetzt werden können. Beate Riemer, CHRO von AMC International, stellt auf Linkedin die Frage, was beispielsweise mit Notärztinnen, Bäckern und Mitarbeitenden in E-Werken sei: „Schon interessant, wie die Schere aufgeht zwischen denen, die unbeschränkte Flexibilität einfordern und denen, die einfach da sind.“

Vielleicht ist der Begriff aber auch nur clever gewählt und die sprichwörtliche Sau, die durchs HR-Dorf getrieben wird. Zumindest steht auf der MTD-Trend-Liste auch, dass Unternehmen zukünftig sogenannte „Furwell Leaves“ anbieten – freie Tage, damit Mitarbeitende um ihr verstorbenes Haustier trauern können – sowie „Pawternity Leaves“ – zusätzliche Freizeit, um das neue Haustier eingewöhnen zu können.

Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch das Thema Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit und das HR Forum Banking.