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Präsentismus: Mehr als jeder Vierte geht oft krank zur Arbeit

Präsentismus ist hierzulande ein weit verbreitetes Phänomen. Anstatt sich auszukurieren, arbeiten zahlreiche Angestellte, obwohl sie krank sind. Wie eine Studie der Techniker Krankenkasse zeigt, gehen sechs von zehn Beschäftigten (rund 60 Prozent) zumindest manchmal auch im Krankheitsfall zur Arbeit. Mehr als ein Viertel (knapp 27 Prozent) gibt an, das sei sogar häufig oder sehr häufig der Fall. 15 Prozent haben auch bei schweren Krankheitssymptomen wie etwa Fieber, Schüttelfrost oder Schmerzen schon oft oder sehr oft gearbeitet; bei 40 Prozent trifft dies immerhin manchmal oder selten zu.

Lediglich circa jeder oder jede Sechste (rund 17 Prozent) bleibt nach eigener Aussage immer zu Hause, wenn er oder sie krank ist. Und auch wenn sich jemand krankschreiben lässt, bedeutet das noch lange nicht, dass er oder sie sich auch wirklich bewusst erholt. Selbst bei einer offiziellen Krankschreibung arbeiten noch rund 12 Prozent häufig oder sehr häufig weiter.

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Um trotz Krankheit weiterarbeiten zu können, nehmen viele Mitarbeitende Medikamente ein. Mehr als ein Viertel der Befragten (gut 28 Prozent) nimmt bei akuten Beschwerden oft oder sehr oft Medikamente, um dem Job nachgehen zu können. Selbst bei schweren Symptomen oder wenn der Arzt davon abrät, greifen immer noch 15 Prozent der Mitarbeitenden darauf zurück. Bei den Führungskräften sind es mit 21 Prozent noch mehr, die ihre Symptome häufig mit Pillen und ähnlichem unterdrücken oder lindern.

Frauen und jüngere Beschäftigte arbeiten oft krank

Eine nähere Betrachtung nach Beschäftigtengruppen zeigt, dass Frauen stärker zu Präsentismus neigen: Von ihnen gibt rund jede Dritte (rund 36 Prozent) an, selten oder nie krank zur Arbeit zu gehen, während es bei den Männern fast jeder zweite ist (knapp 47 Prozent).

Neben Mitarbeiterinnen sind es oft auch jüngere Beschäftigte, die sich bei einer Krankheit nicht auskurieren, sondern weiterhin ihrer Tätigkeit nachgehen. Von den Befragten unter 29 Jahren sagen 30 Prozent, dass sie oft oder sehr oft auch bei Krankheit ihren Job ausüben. Bei den Beschäftigten ab 60 Jahren sind es demgegenüber lediglich 17 Prozent.

Wer ein Team leitet und für Personal zuständig ist, neigt zudem eher zu Präsentismus. Von den Führungskräften mit Personalverantwortung arbeiten knapp 11 Prozent, wenn sie krank sind, sehr häufig den ganzen Tag oder die volle Schicht durch, das sind mehr als bei den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen ohne Personalverantwortung (knapp 7 Prozent).

Unbefristete Beschäftigte und solche, die noch neu im Unternehmen sind, arbeiten tendenziell auch häufig, wenn sie krank sind. Schließlich spielt auch die Unternehmensgröße eine Rolle: In großen Unternehmen ist Präsentismus weniger verbreitet als in kleineren. In Betrieben mit 50 bis 499 Beschäftigten arbeiten elf Prozent nach eigener Angabe nie im Krankheitsfall, im Vergleich zu gut 23 Prozent in Firmen von 500 bis 1.000 Beschäftigten.

Trend zum Homeoffice fördert Präsentismus noch mehr

Das Homeoffice, das sich in den vergangenen Jahren immer mehr verbreitet hat, verstärkt laut den Studienergebnissen den Präsentismus. 46 Prozent der Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen geben an, dass sie im Homeoffice häufiger arbeiten, obwohl sie sich krank fühlen. Zwölf Prozent arbeiten Zuhause trotz Krankschreibung häufig oder sehr häufig weiter und 30 Prozent nehmen oft bis sehr oft Medikamente, um arbeitsfähig zu sein. Interessant ist, dass 38 Prozent ein schlechtes Gewissen hätten, nicht zu arbeiten, obwohl ein Rechner in der Nähe ist.

Die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen wurden gefragt, warum sie ihrer Arbeit auch nachgehen, wenn sie krank sind. Dabei kristallisierten sich vor allem drei Gründe heraus: Es fehlt eine Vertretung, es gibt dringende Termine oder Fristen und der Wunsch, den Kolleginnen und Kollegen nicht zur Last fallen.

Belegschaft sensibilisieren und aufklären

Die Ergebnisse würden auch Arbeitgeber in die Pflicht ziehen, so die Studienverfasser und -verfasserinnen. Arbeitgeber müssten in die Verantwortung gehen und ihre Belegschaft schützen, damit sie auch langfristig gesund und leistungsfähig bleibt. Dafür seien Aufklärung und Sensibilisierung nötig. Etwas, das momentan vielerorts nicht geschieht: Tatsächlich haben bislang zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) noch nie mit ihren Führungskräften über das Thema gesprochen. Dabei wünschen sich die Mitarbeitenden klare Regeln für den Krankheitsfall.

Was explizit die Arbeit im Homeoffice betrifft, wurden die Befragten gebeten, verschiedene Maßnahmen zur Verringerung des Präsentismus zu bewerten. Am hilfreichsten empfinden sie es mit rund 53 Prozent der Nennungen, wenn die Führungskraft direkt kommunizieren würde, dass man nicht arbeiten soll, bis man wieder gesund ist.

Etwa 49 Prozent schätzen es als unterstützend ein, wenn eine starke Vertrauenskultur herrsche und alle Beschäftigten selbstbestimmt handelten. Und knapp 43 Prozent würden es befürworten, wenn es eine konkrete Vereinbarung zum Verhalten bei Krankheit im Homeoffice gebe.


Die vollständige Studie steht hier zum Download zur Verfügung.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.