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So können Arbeitgeber Kreativität durch Achtsamkeit fördern

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Frage an die HR-Werkstatt: Wir können Unternehmen Achtsamkeit fördern?

Es antwortet: Dr. Carsten Stephan, Geschäftsführer Team Gesundheit

Wieder einmal macht die Konkurrenz mit einer genialen Idee auf sich aufmerksam – neu, innovativ und kreativ. Wie machen die das nur? Vielleicht haben sie einfach die kreativeren Talente. Nicht umsonst ist Kreativität die Nummer eins unter den Soft Skills, die sich Unternehmen von ihren Beschäftigten wünschen. Zu diesem Ergebnis gelangt jedenfalls das soziale Netzwerk LinkedIn, das dafür Tausende von Stellenanzeigen ausgewertet hat. Mögliche Gründe, warum das so ist, liefert eine Studie von Adobe. Diese besagt, dass Unternehmen, die in Kreativität investieren, unter anderem eine höhere Mitarbeiterproduktivität und ein besseres Kundenerlebnis haben. Und auch sonst scheint Kreativität in Unternehmen in einer Zeit, in der ständiger Wandel die neue Norm ist und Innovationen oft über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, wichtiger denn je. Wie unfair also, dass Kreativität so ungleich verteilt ist, oder? 

Soft Skill Kreativität oder ein Produkt des richtigen Umfelds

Dass Kreativität uns einfach nur angeboren ist, ist viel zu kurz gedacht. Denn Kreativität im Unternehmen hängt von vielen Faktoren ab. Während Unternehmen sie häufig als persönliche Kompetenz eines Mitarbeitenden betrachten, wird sie in der Wissenschaft eher als Prozess verstanden. Und ein Prozess steht und fällt mit dem Umfeld: mit der Unternehmenskultur, der Organisation, den Führungskräften, den Beschäftigten, den Räumlichkeiten, den zeitlichen Ressourcen und den eingesetzten Tools. Unternehmen haben also direkten Einfluss darauf, inwieweit sie das kreative Potenzial ihrer Beschäftigten nutzen und fördern. Sie müssen einen kreativen Raum schaffen, damit neue Ideen und Innovationen entstehen können.

Neurobiologie der Kreativität: Wie Achtsamkeit unser Denken beeinflusst

Unser Arbeitsalltag ist häufig geprägt von langen To-do-Listen, Fristen und Vorgaben. Bis zu einem gewissen Grad setzt der dadurch entstehende Stress Energie frei, kann unsere Aufmerksamkeit erhöhen und auch unser Denken schärfen. Bei einem zu hohen Ausmaß davon kommt es allerdings schnell zu einem Wendepunkt: Unsere mentale Leistungsfähigkeit sinkt rapide ab. Und ja, das ist nicht förderlich für kreatives Schaffen.

Im Umgang mit den allgegenwärtigen Stressoren und dem, was viele von uns als Reizüberflutung erleben, lohnt es sich, besondere Fähigkeiten zu stärken, die helfen, mit dem ständigen Input umzugehen. Dazu gehören eine hohe Aufmerksamkeitsregulation, eine verbesserte Selbstwahrnehmung und eine gesteigerte Emotionsregulation.

Die Forschung zeigt, dass das wiederholte Praktizieren von Achtsamkeitsmethoden dazu führt, dass sich Hirnareale funktionell und strukturell verändern. Durch diese Veränderungen wiederum werden besagte Fähigkeiten gefördert. Dadurch gelingt es uns, einen Zustand von Gegenwärtigkeit und auch Gelassenheit zu erlangen, in dem gedankliche „Freiheitsgrade“ entstehen können. Das wiederum ist Voraussetzung dafür, dass wir vorhandenes Wissen, Perspektiven, Erfahrungen und Impulse von außen neu kombinieren können und so innovative Ideen und Lösungen entwickeln.

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Wie Unternehmen Kreativität durch Achtsamkeit fördern können

Kein Wunder also, dass Unternehmen wie Google, Siemens oder SAP schon seit vielen Jahren auf das Konzept der Achtsamkeit setzen. Die positiven Effekte von Achtsamkeitstrainings zeigen sich, wenn das Erlernte gelebt wird. Damit das geschieht, braucht es einen Kontext, in dem das möglich ist. Und „möglich“ heißt vor allem „erlaubt“ und „erwünscht“.  Es ist also klug, nicht allein auf verhaltensorientierte Maßnahmen für Mitarbeitende zu setzen, sondern zugleich in eine achtsamere Kultur zu investieren.

Eine achtsame Unternehmenskultur zeigt sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen. Sehr greifbar geht es los bei der Frage: Wie ist unsere Arbeitsumgebung gestaltet? Wo signalisieren wir, dass Achtsamkeit Raum gegeben wird? Gibt es störungsfreie Rückzugszonen?

Nicht weniger gegenwärtig wirkt die Kommunikationskultur: Wo und wie lenken wir bewusst und routinemäßig die Aufmerksamkeit auf den Augenblick? Der Ansatz, Regel-Meetings mit der Frage zu starten „Wie geht es Dir – jetzt gerade?“, mag zunächst gewöhnungsbedürftig sein, hilft über die Zeit allerdings den Bezug zum Moment herzustellen, der uns in der Alltagshektik schnell verloren gehen kann.

Eine weitere Einstiegsübung ist die 5,4,3,2,1-Methode, die dabei hilft, die Basis der Achtsamkeit, nämlich die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit, zu erlernen. Hierbei gilt es, sich auf die unmittelbare Umgebung zu konzentrieren: Was sehe ich? Was höre ich? Was spüre ich? Die Aufmerksamkeit wird auf fünf Dinge gelenkt, die man sieht, fünf Dinge, die man hört und fünf Dinge, die man körperlich spürt. Nach dem ersten Durchlauf geht es mit je vier Dingen weiter, dann mit drei Dingen und immer so weiter. So einfach das klingt, so wirkungsvoll zeigt sich diese Übung oftmals.

Gelingen kann Achtsamkeit vor allem auch dann, wenn ein Einstieg ins Thema gewählt wird, der nah am Alltäglichen ist. Eine Genussmeditation, benötigt nicht viel mehr als das, was ich zwischendrin genießen kann. Das kann der Kaffee zum Arbeitseinstieg sein, das Stück Schokolade nach dem Mittagessen oder auch der Apfel kurz vor Feierabend. Wichtig hierbei ist, sich mit voller Konzentration auf den Moment einzulassen und Geschmack, Geruch und Texturen bewusst wahrzunehmen. Denn häufig verpassen wir das eigentliche Genusserleben, weil wir mit all der Ablenkung lediglich in kürzester Zeit konsumieren. Also legen Sie Ihren Beschäftigten doch ein kleines Stück Schokolade für einen genussvollen Achtsamkeitsmoment an den Arbeitsplatz.

Die Investition in die Achtsamkeit und die veränderte Haltung setzt aber bei der Führung an. Mindful Leadership beinhaltet, im Sinne einer achtsamen Selbstführung, dass auch Führungskräfte Achtsamkeitsmethoden praktizieren. Darüber hinaus versteht sich Achtsamkeit als eine Haltung, die bei der Mitarbeiterführung auf Interesse an den Bedürfnissen der Beschäftigten, Wertschätzung und Vertrauen setzt. Diese Haltung ist Voraussetzung, um Befürchtungen wie „Wenn ich zum Meditieren unsere Ruheräume nutze, denken doch alle, ich habe nichts zu tun“ aufzulösen.

Auf der Ebene von mitarbeiterorientierten Maßnahmen empfiehlt es sich neben dem Angebot von Achtsamkeitstrainings klein anzufangen und einen Rahmen zu schaffen, der dabei hilft, die erworbenen Achtsamkeitsfertigkeiten umzusetzen.

Anregungen hierzu sind:

  • Starten Sie eine Achtsamkeits-Challenge: Zu Beginn kann es hilfreich sein, das Thema spielerisch zu platzieren und eine Challenge, bestehend aus verschiedenen Atemübungen, auszurufen.
  • Setzen Sie auf Reminder: Schicken Sie automatisierte Nachrichten an Ihr Team, die sie daran erinnern, tief durchzuatmen und Momente bewusst wahrzunehmen.
  • Integrieren Sie achtsame Pausen: Stärken Sie die Pausenkultur und planen Sie feste Zeiten für kurze Achtsamkeitspausen. 5 Minuten, mehr braucht es erstmal nicht. Was insbesondere denen, die sich bis dahin kaum mit dieser Art von achtsamen Auszeiten beschäftigt haben und häufig zunächst skeptisch sind, entgegenkommt.
  • Reduzieren Sie Ablenkungen: Sensibilisieren Sie Beschäftigte für Ablenkungen und deren Auswirkung. Manchmal hilft es auch sich auf „Nicht stören“ oder direkt offline zu stellen. Kommunizieren Sie Beschäftigten, dass Sie nicht jederzeit erreichbar sein müssen.
  • Stellen Sie ruhige Räume für Achtsamkeit zur Verfügung: Spezielle Bereiche oder Räume, die frei von Ablenkungen sind, helfen Mitarbeitenden sich in aller Ruhe auf kreative Prozesse zu konzentrieren.
  • Optimierung durch Feedback: Werten Sie in regelmäßigen Umfragen und Workshops aus, was gut ankam und wo es noch Verbesserungspotenzial gibt. Optimieren Sie Prozesse fortlaufend.

Um die volle Kraft der Achtsamkeit in der Kreativitätsförderung zu entfalten, ist es entscheidend, dass Unternehmen diesen Ansatz nicht als einmaliges Ereignis, sondern als kontinuierlichen Prozess begreifen. Die erfolgreiche Integration von Achtsamkeitspraktiken in die Unternehmenskultur erfordert Engagement, Geduld und die Bereitschaft, gewohnte Arbeitsweisen zu überdenken.

Der wahre Nutzen von Achtsamkeit zeigt sich in der kontinuierlichen Anwendung. Unternehmen, die in diese Praxis investieren, öffnen die Tür zu einem Arbeitsumfeld, in dem Stress bewältigt, das Wohlbefinden der Mitarbeitenden gefördert und die Kreativität auf ein neues Niveau gehoben wird. Achtsamkeit mag kein Allheilmittel sein, aber sie ist ein mächtiges Werkzeug, das, wenn es richtig eingesetzt wird, Unternehmen helfen kann, sich in einer von Wandel geprägten Welt zu behaupten und nachhaltigen Erfolg zu sichern.

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