Teilzeitquote mit 40,3 Prozent auf Rekordhoch – arbeiten wir zu wenig?

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Aktuell arbeiten 40,3 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit – so viele wie noch nie zuvor. Das geht aus einer neuen Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Demnach stieg die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten im Vergleich zum Vorjahresquartal um 0,5 Prozent. Parallel dazu sank die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten um 0,9 Prozent.

Auf den ersten Blick bestätigen die Zahlen Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), wonach Menschen in Deutschland immer weniger arbeiten und somit der Wohlstand des Landes nur schwer aufrechterhalten werden könnte. Anfang des Jahres schlug der CDU-Wirtschaftsflügel vor, „Lifestyle-Teilzeit“ zukünftig nicht mehr zu ermöglichen. Das aktuelle Recht auf Teilzeit solle nur noch gelten, wenn es einen triftigen Grund gebe – etwa die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder Weiterbildung.

Welche Branchen treiben die Teilzeitquote nach oben?

Auf den zweiten Blick geht aus den Zahlen allerdings hervor, dass die höhere Teilzeitquote nicht durch den Wunsch nach mehr Teilzeit entstanden ist. Grund, so das IAB, sei ein struktureller Wandel der Arbeitswelt.

In seiner Erhebung nennt das IAB als Gründe für die hohe Teilzeitquote vor allem den Beschäftigungsabbau in Branchen mit einem hohen Vollzeitanteil. Dies trifft insbesondere auf das verarbeitende Gewerbe zu, darunter auch die Automobilbranche. Hier bauen aktuell einige der größten Arbeitgeber in Deutschland eine große Menge an Stellen ab. Gleichzeitig findet in Deutschland der stärkste Beschäftigungszuwachs in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil statt. Zu diesen Branchen zählen unter anderem das Gesundheits- und Sozialwesen sowie der Bereich Erziehung und Unterricht.

Spannend ist auch: Altersteilzeit wird in die Teilzeitquote mit einberechnet. Genaue Zahlen zur Altersteilzeit hat das IAB aber in diesem Zuge nicht untersucht.

Warum sinkt das Arbeitsvolumen trotz leicht steigender Wochenarbeitszeit?

Die Art des Beschäftigungszuwachs sorgt nicht nur für eine höhere Teilzeitquote. Sie schafft es auch nicht, gegen den Beschäftigungsabbau anzukommen. Laut IAB ist der Erwerbstätigenanteil im Vergleich zum Vorjahresquartal um 0,5 Prozent auf knapp 45,7 Millionen Beschäftigte gesunken. Deshalb ist auch das Arbeitsvolumen gesunken und es wurden im zweiten Quartal 2026 rund 69 Millionen Arbeitsstunden weniger geleistet als im Vorjahresquartal.

Was der IAB-Report jedenfalls nicht nachweisen kann, ist der Mythos der „Lifestyle-Teilzeit“: Menschen entscheiden sich für Teilzeit, weil sie grundsätzlich weniger Stunden arbeiten wollen. Das wird auch durch folgende Zahlen sichtbar: Die Wochenarbeitszeit ist leicht angestiegen, weil Teilzeitbeschäftigte ihre Wochenarbeitszeit durchschnittlich leicht auf 18,8 Stunden angehoben haben und sie parallel dazu bei Vollzeitbeschäftigten konstant bei 38,32 Stunden geblieben ist.

„Die Konjunktur hat sich zuletzt gefestigt, die Arbeitszeit der Beschäftigten zieht deshalb wieder etwas an. Aber die Krisenbranche Industrie verliert viele Vollzeitstellen, so dass insgesamt dennoch weniger Stunden gearbeitet wurden“, sagt Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“. „Eine Rekord-Teilzeitquote allein ist noch kein Beleg dafür, dass Deutschland kollektiv die Lust auf Arbeit verliert“, ordnet Tim Verhoeven, Senior Manager Talent Intelligence bei Indeed, die Zahlen auf Linkedin ein. Auch er meint: „Manchmal steckt hinter einer vermeintlichen Arbeitszeitdebatte schlicht ein Strukturwandel.“

Wie viele Vollzeitstellen fehlen im öffentlichen Dienst?

Teilzeitstellen in Vollzeitstellen umzuwandeln – dafür plädieren neben Politikerinnen und Politikern auch Forschende. Gerade auch, weil der Fachkräftemangel (wenn auch aktuell ausgebremst durch die Wirtschaftskrise und die KI-Transformation) das derzeitige Arbeitsvolumen womöglich noch mehr verringern könnte. „Der Personalmangel im Öffentlichen Dienst ließe sich fast vollständig durch mehr Vollzeitarbeit ausgleichen“, sagt Dr. Björn Kauder, Senior Economist für Finanz- und Steuerpolitik beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Würden alle Teilzeitbeschäftigten in Bund, Ländern und Kommunen auf Vollzeit wechseln, entstünden rund 634.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente. Laut dem Beamtenbund liegt der Personalmangel im Staatsdienst bei 631.000 Stellen.

Dass dieser Wechsel von Teilzeit in Vollzeit stattfindet, sei allerdings äußerst unrealistisch. Dafür müsste auch die Kinderbetreuung weiter ausgebaut werden – und genau hier zeige sich der Fachkräftemangel aktuell mit am stärksten im öffentlichen Dienst.

Wie kann die Vollzeitquote erhöht werden?

Was kann nun aber getan werden, um die Vollzeitquote trotz des aktuellen Strukturwandels in der Wirtschaft ansteigen zu lassen? Dafür müssen sich zunächst die Gründe für Teilzeit angeschaut werden. Laut Enzo Weber vom IAB ist der Anstieg der Teilzeitquote auch darin begründet, dass immer mehr Frauen und ältere Menschen Teil des Arbeitsmarktes sind. Ältere Menschen würden aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes oft in Teilzeit arbeiten, Frauen, weil sie immer noch weitaus häufiger als Männer für die Care-Arbeit (Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen) zuständig sind. Der Frauenanteil aller Teilzeitbeschäftigten lag 2024 in Deutschland laut IAB-Zahlen bei 72,5 Prozent.

Auch das Statistische Bundesamt hat sich damit beschäftigt, warum Menschen einem Teilzeitjob nachgehen, und bezieht sich dabei auf Zahlen aus dem Jahr 2025. Hier zeigt sich: Die Gründe sind vielfältig und kommen bei Frauen und Männern unterschiedlich zum Tragen. So übten Frauen deutlich häufiger eine Teilzeitbeschäftigung wegen familiärer Pflichten – Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen – aus als Männer. 2025 nannten 32,4 Prozent der Frauen einen der beiden genannten Gründe, aber gerade einmal 9,0 Prozent der Männer. Gefragt danach, warum sie in Teilzeit arbeiten, gaben die Befragten folgende Antworten am häufigsten an: eigener Wunsch (28 Prozent), Betreuung von Angehörigen (23 Prozent), Fortbildung (12 Prozent) sowie Krankheit und Behinderung (5 Prozent).

An all diesen Stellen können Arbeitgeber mit Angeboten zu einer besseren Vereinbarkeit – etwa flexibleren Arbeitszeiten und -orten sowie Unterstützungsangeboten in Form von Kinderbetreuung oder der Hilfe bei der Organisation der Pflege von Angehörigen – ansetzen, und so den Anteil an Vollzeitstellen bei sich erhöhen. HR-Experte Tim Verhoeven sieht vor allem bei einer besseren Infrastruktur für Kinderbetreuung, Änderungen von Steuern und Abgaben sowie bei der Schaffung von Anreizen für längere Arbeitszeiten Hebel, um das Arbeitsvolumen zu steigern. Andere HR-Experten kommentieren auf Linkedin, dass wir unsere Arbeitswelt womöglich auch zukünftig mehr auf Teilzeit ausrichten müssen – und etwa auch Entwicklungs-, Karriere- und Vergütungsthematiken dementsprechend neu ausrollen sollten.

Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch das Thema Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit und das HR Forum Banking.