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Wie gut tut die Vier-Tage-Woche der mentalen Gesundheit wirklich?

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Studien wie die der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigen, dass viele Mitarbeitende weniger arbeiten wollen. Ein Weg, das zu tun, ist die Einführung der Vier-Tage-Woche. Die meisten Menschen erhoffen sich dadurch mehr Erholung und Wohlbefinden. Mit Blick auf die mentale Gesundheit ist die Rechnung aber nicht ganz so einfach.

Gerade auch, weil sich viele Unternehmen nicht die richtigen Fragen bezüglich der Vier-Tage-Woche stellen. Bekämpfen wir damit vielleicht eher Symptome als die Ursache? Und sollte nicht lieber gefragt werden: Warum ist der Wunsch nach weniger Arbeit(-szeit) derzeit so groß?

Die Vorteile der Vier-Tage-Woche für unsere mentale Gesundheit

Spätestens seit dem größten Pilotprojekt der Vier-Tage-Woche in Großbritannien wissen wir: Eine Vier-Tage-Woche verringert messbar unser Stresslevel und unser Burnout-Risiko. Die zusätzliche Erholungszeit ermöglicht es, unseren Hormonhaushalt wieder besser zu regulieren, sodass wir uns entspannter und regenerierter fühlen.

Ein Tag mehr Freizeit bedeutet für viele mehr Zeit, Dinge zu tun, die ihnen guttun. Zum Beispiel mehr Zeit mit der Familie verbringen, mehr Sport machen oder ein gutes Buch lesen. Verbringen wir mehr Zeit mit Selbstfürsorge, wirkt sich das positiv auf unser Wohlbefinden aus.

Auch für Unternehmen ist nachgewiesen, dass sich die verkürzte Arbeitswoche positiv auf Krankheitstage (65 Prozent Rückgang) und Fluktuation (57 Prozent Rückgang) auswirkt. Mit mehr Erholungsphasen sind wir auch produktiver. Zusätzliche Freizeit ermöglicht es vielen von uns darüber hinaus, neue und kreative Ideen zu entwickeln. Zudem kann sich das Arbeitsmodell positiv auf die Talentgewinnung auswirken.

Warum uns die Vier-Tage–Woche nicht nur guttut

Klingt erstmal so, als spreche vieles dafür, dass sich die Vier-Tage-Woche positiv auf die mentale Gesundheit auswirkt. Doch die Medaille hat zwei Seiten. Denn zunächst bedeutet für die meisten Mitarbeitenden eine verkürzte Arbeitszeit nicht weniger Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Das heißt, um das Arbeitspensum weiterhin zu schaffen, brauchen sie mehr Disziplin und eine neue Arbeitsroutine. Für viele kann das zur Herausforderung werden.

Unternehmen sollten bei der Einführung des neuen Arbeitsmodells beachten, dass auch eine Anpassung oder Neugestaltung von Arbeitsabläufen und Aufgaben erforderlich ist, um Mitarbeitende in der komprimierten Arbeitszeit nicht zu überlasten. So können beispielsweise Meetings verkürzt oder in asynchrone Formate übertragen werden.

Ob ein zusätzlicher Tag Freizeit sich positiv auf unsere mentale Gesundheit auswirkt, hängt zudem davon ab, wie wir die gewonnene Zeit nutzen. Tun wir uns selbst etwas Gutes? Nutzen wir die Zeit für mehr Erholung? Oder verwenden wir die Zeit, um noch mehr von unserer privaten To-do-Liste abzuarbeiten oder neue Projekte zu starten?

Neue Herausforderungen vermeiden

An beiden Beispielen wird deutlich: Wie Unternehmen, aber auch Mitarbeitende die Rahmenbedingungen gestalten, beeinflusst maßgeblich den Erfolg der Vier-Tage-Woche – auch was eine Förderung der mentalen Gesundheit betrifft. Arbeitgebende sollten folgendes beachten:

  1. Kompensation: Bedeutet die Vier-Tage-Woche finanzielle Einbußen für Mitarbeitende? Wenn ja, muss dies klar kommuniziert und mit den Beschäftigten abgewogen werden, ob das abbildbar ist oder zu zusätzlichem finanziellen Stress führt.
  2. Urlaub: Ist eine Konsequenz der reduzierten Arbeitszeit auch weniger Urlaub? Ist das für Beschäftigte ein akzeptabler Preis? Zudem ist es wichtig zu wissen, dass die höchstmögliche Erholung sich erst nach 7 bis8 Urlaubstagen einstellt. Sind solche längeren Urlaube nicht mehr oder weniger oft möglich, kann sich das gegebenenfalls negativ auf die mentale Gesundheit auswirken. 
  3. Wahrnehmung im Unternehmen: Unzureichende Kommunikation zum Modell kann dazu führen, dass Beschäftigte im „klassischen“ Modell als arbeitsamer und leistungsstärker gesehen werden. Das kann sich negativ auf Gehalts- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten auswirken.
  4. Teamarbeit: Unternehmen sollten sich fragen: „Ist das Modell für alle Mitarbeitende möglich, ohne den Arbeitsfluss negativ zu beeinflussen?“ Je nach Unternehmen und Abteilung sind gewisse Erreichbarkeiten notwendig, schnelle Kommunikation wichtig oder gewisse Beteiligte für reibungslose Prozesse unabdingbar.
  5. Nicht jede und jeder kann und will: Nicht für jede Branche ist das Modell ohne Komplikationen umzusetzen (zum Beispiel für die Polizei, den Einzelhandel oder das Gesundheitswesen). Und je nach Lebenssituation und privaten Umständen ist eine Vier-Tage-Arbeitswoche vielleicht auch gar nicht gewünscht. Die Arbeitszeit muss zu den Menschen und den Aufgaben passen. 

Was braucht es von HR?

Personalverantwortliche müssen verstehen, welche Bedürfnisse die Mitarbeitenden wirklich haben und wie diese im Rahmen des Unternehmens umgesetzt werden können. Häufig wünschen sich Beschäftigte vor allem Flexibilität und nicht unbedingt eine Verringerung der Arbeitszeit. 

In jedem Fall sollten klare Regelungen für die Ausgestaltung des Modells getroffen werden. Hat jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin am selben Tag frei? Wechseln sich gewisse Teams mit freien Tagen ab? Sind mehrere verkürzte Tage statt eines ganzen freien Tags möglich? Jede dieser Regelungen kann sich unterschiedlich auf den Arbeitsfluss, die Zusammenarbeit und die Zufriedenheit der Beschäftigten mit dem Modell auswirken.

Abschließend gilt wie so oft: Ohne eine gelungene Kommunikation kommt es schnell zu unterschiedlichen Erwartungen und Missverständnissen zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften oder verschiedenen Abteilungen, was wiederum Stress verursachen kann. 

Alles zum Thema

HR – Mental stark!

Wie kann HR die mentale Gesundheit von Mitarbeitenden, aber auch sich selbst stärken? Kimberly Breuer, Likeminded-Co-CEO, gibt in ihrer monatlichen Kolumne Tipps und Inspiration für den Arbeitsalltag. 

Bekommen wir mit der Vier-Tage-Woche wirklich, was wir uns wünschen?

Schauen wir genauer hin, müssen wir erkennen, dass das neue Arbeitszeitmodell gerne als einfache Lösung für einen Blumenstrauß an Problemen gehandelt wird:

  • Überlastung durch zu viele Aufgaben und oder zu viel Veränderung 
  • Fehlendes Wissen, um Warnzeichen der Überlastung frühzeitig zu erkennen
  • mangelnde Fähigkeiten sich abzugrenzen und Stress zu bewältigen
  • eine Arbeitskultur, die überarbeiten „feiert“

Die Vier-Tage-Woche mag dazu beitragen, einigen dieser Probleme entgegenzuwirken. Zumindest für einen Teil der Beschäftigten. Wenn wir die wahren Probleme hinter dem Wunsch der Mitarbeitenden verstehen, erkennen wir aber, dass eine Arbeitszeitverringerung nur ein Puzzlestück der Lösung ist und sicher kein Allheilmittel.

Setzen sich Unternehmen nicht mit den zugrunde liegenden Problemen auseinander, wird die Vier-Tage-Woche zwar vorübergehend Erleichterung bringen, jedoch wird dieser Effekt schnell verpuffen und wir uns nach weiteren Arbeitszeitverkürzungen sehnen. Menschen sind Gewohnheitstiere und werden sich schnell an das neue Modell anpassen. Ohne eine Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten, Grenzen zu setzen und Stress positiv zu kompensieren, besteht sogar die Gefahr, dass wir die zusätzliche Zeit nur mit stressfördernden Aktivitäten füllen.

Fazit 

Das Thema mentale Gesundheit ist mit einer Vier-Tage-Woche nicht abgehandelt. Weniger Arbeitszeit führt nicht automatisch zu einer gesundheitsfördernden Unternehmenskultur. HR und Führungskräfte müssen sich daher darüber hinaus dafür einsetzen, die Bedürfnisse der Mitarbeitenden in Bezug auf mentale Gesundheit zu verstehen, entsprechende Maßnahmen abzuleiten und Lösungen umzusetzen. Gleichzeitig sollten Mitarbeitende hinterfragen, welche Bedürfnisse denn hinter ihrem Wunsch nach weniger Arbeitszeit stecken.

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