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Ziele aufstellen und verfolgen: Fünf Dinge, die HR und Führungskräfte wissen sollten

Mehr schlafen? Weniger trinken? Häufiger Ins Gym? Spanisch lernen? Die Digitalisierung im Betrieb vorantreiben, um mehr Zeit für strategische Themen zu gewinnen? Besser delegieren? Konstruktiver in Konflikte gehen? Endlich den Job wechseln?

Was haben Sie sich für 2022 vorgenommen, für sich, persönlich, beruflich, für die Firma?
Ähnliche Ziele wie die oben genannten? Das sind die, die ich aus meinen Coachings und Webinaren zu Jahresbeginn heraushöre. Oder haben Sie ganz andere? Es lohnt sich, sich mit Zielen zu befassen. Gerade nach einem Urlaub, beim Beginn eines neuen Arbeitsverhältnisses, in einer neuen Beziehung – oder bei anderen so genannten “fresh beginnings”, wie das die Change-Forscherin Katy Milkman betont. Hier daher fünf Dinge, die Sie als Führungs- und HR-Kraft über Ziele wissen sollten.

Was Ziele sind

Ziele sind erst mal eine Diskrepanz, zwischen einem festgestellten Ist und einem angestrebten Soll. Sie sind innere Repräsentationen von einem gewünschten Anders, Mehr, Weniger, Neu in uns. Und sie sind, soweit wir wissen, etwas zutiefst menschliches, da das Hängebauchschwein oder die Sonnenblume ihren Instinkten folgen, wenn sie Essbares suchen oder sich nach der Sonne ausrichten – aber keinen Zielabwägungsprozess hinter sich gebracht haben, ob sie heute eher low-carb essen oder Sonnencreme aufsetzen sollten. Das tun Hängebauchschweine und Sonnenblumen nicht. Das tun nur Menschen.

Martin Seligman, einer der renommiertesten Depressionsforscher seiner Zeit und dann der Begründer der Positiven Psychologie, schlägt in seinem jüngsten Buch sogar vor, den Menschen umzubenennen, in “Homo prospectus”, also etwa “den vorausschauenden Menschen”. Wir Menschen registrieren weniger die Gegenwart, als dass wir permanent die Zukunft halluzinieren, unsere Emotionen bereiten uns permanent auf mögliche Zukünfte vor, unser Gehirn arbeitet permanent als Vorhersagemaschine, so Seligman.
Wir befassen uns als sowieso Per! Ma! Nent! mit der Zukunft. Wenn Sie also sich selbst, Ihr Team, Ihre Organisation verbessern wollen – dann doch am besten gleich mit System, und zwar  in Form von Zielen.

Wie Ziele wirken

Ziele ziehen uns in die Zukunft – und helfen zu gelingender Gegenwart. Immer wieder belegen Studien, welch positiven Einfluss wirksame Ziele auf das Wohlbefinden haben können. Gerade in Zeiten des Umbruches und des Unmutes – schon wieder Homeschooling, schon wieder eine neue Corona-Variante – können Ziele unsere Zuversicht fördern. Wer ihre oder seine Pläne formuliert, festhält und kommuniziert, tut sich im Alltag leichter damit, Entscheidungen zu treffen, zu priorisieren und zu depriorisieren (“Zahlt auf Ziel X ein, also dranbleiben – zahlt nicht auf Ziel Y ein, also hintenanstellen”).

Allerdings sind nicht alle Ambitionen gleich hilfreich. Wirksame Ziele haben ein Wohin statt ein Wovon weg: Hin-zu- oder Annäherungsziele, die einen positiven, erstrebenswerten Zustand formulieren – egal ob für einen selbst oder die Abteilung oder die Organisation –, sind günstiger als Weg-von- oder Vermeidungsziele.
Ziele mit Zug haben nicht nur die richtige Richtung, sondern auch inspirierende Inhalte: Ziele, die mit den eigenen Werten und mit den drei menschlichen Grundbedürfnissen

  • nach Handlungs- und Entscheidungsfreiheit
  • nach Selbstwirksamkeit
  • und nach sozialer Verbundenheit

in Verbindung stehen, wirken sich auch günstiger aus auf das Wohlbefinden als klassische höher-weiter-schneller-reicher-mehr-berühmter-Vorhaben.

P.O.S.S.I.T.I.V.e statt SMARTe Ziele

Und was heißt das jetzt konkret? Wie sollten Sie Ziele formulieren, damit Sie und andere sie auch wirklich verfolgen und erreichen?

In Anlehnung an Daniela Blickhan (“Positive Psychologie im Coaching”) schlage ich hier eine Zielformel vor, die Sie vielleicht noch nicht kennen – und die viel, nun ja: zielführender ist als die hinlänglich bekannten SMARTen Ziele – die P.O.S.S.I.T.I.V.en Ziele:

Positiv: Den gewünschten Zielzustand in den Blick nehmen – und den Problemsumpf einfach mal gedanklich beiseite schieben.

Oekologisch: Klopfen Sie Ihre Pläne nach der sozialen Verträglichkeit und Unverträglichkeit ab:

  • Wer in unserem/meinem Umfeld kann für den Plan nützlich und hilfreich sein?
  • Wer könnte welche Einwände und Probleme gegen das Ziel vorbringen?
  • Wie gehen wir dann damit um?

Sinnlich erlebbar: Das ist die Spinnerphase: Angenommen, das Vorhaben ist zu 100% umgesetzt – was ist dann anders, besser, leichter, wie sieht das aus, vielleicht sogar: wie hört sich das an, wie fühlt sich das an? Je konkreter, erlebbarer, multikanaliger die Zielrepräsentation, desto hilfreicher für die Mühen der Ebene auf dem Weg zur Zielerreichung!

Stärkenfokus: Welche Kompetenzen, welche Erfahrungen, welche Leidenschaften können auf dem Weg zu Ihren Vorhaben helfen? Stärkenfokus könnte gerade zu Jahresbeginn ein schönes Thema für einen Team-Workshop oder für Coachings sein!

Individuell: Ziele weit jenseits der Bereiche, auf die Sie überhaupt Einfluss oder gar Kontrolle haben? Lieber gar nicht erst verfolgen. Fokussieren Sie sich lieber auf die Stellschrauben, an denen Sie drehen können, und wenn das nur Mikro-Veränderungen sind – das so genannte Job-Crafting kann klarmachen, dass wir etwa auf unsere Tätigkeiten mehr Einfluss haben, als wir zunächst glauben.

Testbar: Ein guter Plan hat ein WannWieWo. Je leichter abzulesen ist, ob Sie einem (Zwischen-)Ziel auch wirklich näherkommen oder es sogar errreichen, desto größer die Motivation. Welche Termine und sonstigen KPIs machen für Ihre wichtigen Ziele Sinn?

Interessant: Wie wichtig, wie attraktiv, wie bedeutsam ist es wirklich für Sie, Plan X oder Ziel Y zu verfolgen – oder ist Ihnen das Ziel in Wahrheit überhaupt nicht wichtig, weil es Ihnen von außen aufgezwängt wurde? Die so genannte extrinsische Motivation ist zumindest bei anspruchsvolleren Tätigkeiten, die Eigeninitiative, Kreativität etc. erfordern, zumindest nachhaltig viel weniger wirksam als der innere Antrieb.

Visionär: Bei SMARTen Zielen geht es ja eher um die kleine, machbare, inkrementelle Veränderung und Verbesserung. Visionäre, große Vorhaben machen uns kribbeln, sind wie Leitsterne, die uns in der Navigation orientieren, aber nicht oder erst mal nicht wirklich erreichbar sind, denen man sich nur annähern kann. Kim Cameron spricht hier von den so genannten Everest-Zielen, also von Vorhaben,

  • die eine echte positive Abweichung darstellen
  • deren Verfolgung an sich wertvoll ist
  • die wenig oder ungenutzte Stärken oder Potenziale ausschöpfen
  • die einen Beitrag zu einem größeren Ganzen leisten
  • die fühlbar mehr Schub und Attraktivität ausstrahlen als kleine, inkrementelle Mikro-Optimierungen.

Wie POSSITIV sind Ihre Vorsätze – und die Ihres Teams, Ihrer Mitarbeitenden? Wie könnten sie POSSITIVer werden? Vielleicht ja Thema für das Abteilungs-Kick-Off für das neue Jahr?

Obacht auf die Straßensperren

Die Positive Psychologie wird zu Unrecht, aber häufig mit Positivem Denken verwechselt: “Träum Dir die Million, und sie wird Dich finden” – oder so ähnlich, das hat mit Positiver Psychologie nichts zu tun. Und die Psychologin Gabriele Oettingen, die in Hamburg und New York forscht und lehrt, hat in etlichen Experimenten herausgefunden: Positive Fantasien können zwar beschwingen und die Laune heben, können auch helfen, um den ersten Schritt hin zu Zielen zu gehen, in Fahrt zu kommen. Aber sie können auch die Anstrengung mindern und den Fortschritt hin zur Zielerreichung bremsen, wenn es schwierig wird. Sie sollten sich daher immer auch mit den Straßensperren, den (häufig inneren) Hindernissen auf dem Weg zur Erfüllung Ihres Wunsches befassen. Und dann in Wenn-Dann-Sätzen formulieren, was genau Sie unternehmen werden, um Ihren Kurs trotz Widerständen zu verfolgen.

Ziele erreichen – mit einer Taaadaaa-Liste

Gerade am Anfang eines neuen Jahres fühlt man sich schnell überwältigt von allem, was noch zu tun ist, wäre, sein sollte. In Zeiten remoteren Arbeitens ist für viele auch Fortschritt, sind Etappensiege weniger leicht zu erleben. Dabei ist das Erleben von Selbstwirksamkeit eines der Grundbedürfnisse, das uns motiviert hält.

Wie wäre es daher, statt und in Ergänzung zu den ewigen To-Do-Listen, mit einer Taaadaaa-Liste? Sie könnten etwa für sich persönlich oder für Ihre Abteilung, Ihr Team, täglich oder am Ende der Woche oder vielleicht sogar montags bewusst festhalten, was alles geschafft worden ist, wo man überall weitergekommen ist in der abgelaufenen Periode. Als Bullet-Journal oder in einem Slack-Kanal, im Rahmen eines Update-Meetings oder ganz trivial und banal nur für sich selbst. Fangen Sie doch gleich damit an: Was haben Sie heute schon geschafft? Zumindest einen Text über Ziele fertiggelesen – das ist doch schon mal was!

Alle bisher erschienenen Kolumnen von Christian Thiele finden Sie hier.

Christian Thiele ist Autor und Coach für positive Leadership. Sein Buch „Positiv führen für Dummies“ ist gerade im Wiley-Verlag erschienen, sein Podcast „Positiv Führen“ lässt sich auf allen großen Podcast-Plattformen abrufen.
https://positiv-fuehren.com/

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