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Inwieweit kann Zuwanderung den Fachkräftemangel verringern?

Eines lässt sich der Bundesregierung in der Fachkräftefrage schwerlich vorwerfen dieser Tage: untätig zu sein. Zuletzt machten die zuständigen Ministerien mehrere Initiativen respektive Pläne publik, um erwerbsfähigen Menschen aus dem Ausland die Zuwanderung und den Verbleib in Deutschland schmackhaft zu machen. Denn diese Menschen braucht die Republik, um den Folgen der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken.

Im Juli also ging es Schlag auf Schlag: Angesichts des akuten Personalmangels an den Flughäfen brachten Innenministerin Nancy Faeser, Arbeitsminister Heil (beide SPD) und Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) in Abstimmung mit der Bundesagentur für Arbeit eine Sonderregelung für den einfachen Zuzug von Bodenpersonal aus der Türkei auf den Weg. Zeitgleich schlug der Kanzler die Einführung eines Punktesystems vor, um besonders qualifizierten Fachkräften ohne Arbeitsvertrag die Einreise zu ermöglichen. Die Regelung knüpft inhaltlich an die Pläne zur Erweiterung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes (FEG) an, die Faeser und Heil zwei Wochen später vorstellten. Demnach müsste eine im Ausland akquirierte Fachkräfte zunächst nur einen Abschluss und Berufserfahrung nachweisen, um nach Deutschland kommen und für das Unternehmen arbeiten zu dürfen. 

Zuvor hatte das Bundeskabinett zudem das erste Migrationspaket beschlossen– ein zweites soll im Jahresverlauf folgen. Unter anderem erleichtert es Fachkräften aus Drittstaaten, ihre Familie nachzuholen, und schafft ein „Chancen-Aufenthaltsrecht“. Dieses Recht wird sogenannten geduldeten Personen eingeräumt, die seit mindestens fünf Jahren in Deutschland leben. Es gilt zwölf Monate. In dieser Zeit, so das Ministerium, könnten die Betroffenen die „Voraussetzungen für einen langfristigen Aufenthalt“ erfüllen: Sicherung des Lebensunterhalts, Deutschkenntnisse, Nachweis der Identität. Laut Faeser leben rund 136.000 der zurzeit 242.000 Geduldeten schon mindestens fünf Jahre hier.

Arbeitskräftemangel trifft Zuzugshürden      

Die Ampelkoalition reagiert mit diesen Schritten auf eine lang bekannte Erkenntnis, die aufgrund der jahrelang wachsenden Beschäftigung in Deutschland in vielen Branchen abstrakt geblieben war. Erst als im Frühjahr die Nachfrage in saisonabhängigen und/oder von Corona betroffenen Sektoren geradezu explodierte – Tourismus, Landwirtschaft, Bau, Handwerk –, spürten Betriebe und Bevölkerung: Deutschland braucht strukturelle Veränderung, um den Arbeitsmarkt bei niedriger Geburtenrate, steigender Lebenserwartung und anstehender Verrentung der Babyboomer in Balance zu halten.

Der Demografieforscher Paul Morland aus Oxford erklärte das kürzlich im Interview mit Spiegel Online in drastischer Klarheit: Europa sei ein „demografisches Katastrophengebiet“. Gerade Länder wie Deutschland steckten in einem „Trilemma“ und müssten sich entscheiden: Eine dynamische Wirtschaft und kleine Familien seien nicht mit „ethnischer Kontinuität“ gleichzeitig zu haben. Zurzeit gebe es für Menschen etwa aus Afrika oder dem Nahen Osten in Deutschland „starke kulturelle und sogar optische Hürden“.

Die kulturellen (und bürokratischen) Hürden will die Regierung etwa durch das Chancen-Aufenthaltsrecht ein Stückchen senken. Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Entwicklung am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), hält das prinzipiell für richtig. „Der Duldungsstatus dauert oft lange an und bringt erhebliche Einschränkungen mit sich. Ein gesichertes Aufenthaltsrecht bei guter Integration ist deshalb sinnvoll.“ Auch der Plan, Arbeitsmigration auf Basis eines Punktesystems zu ermöglichen, habe „bei guter Ausgestaltung“ das Potenzial, Zuwanderung aus Drittstaaten deutlich zu erleichtern.

Die Erwerbsbevölkerung wächst – noch

Die Frage aus arbeitsmarktstrategischer Sicht ist, ob das quantitativ reicht. Denn die konstant steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und von Älteren sowie die stufenweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 bis 2029 werden den demografisch bedingten Rückgang des Abeitskräfteangebots laut IAB-Erkenntnissen bei Weitem nicht kompensieren. Der entscheidende, weil relativ variable und potenziell größte Faktor heißt Migration.

Nach vielzitierten Berechnungen des IAB könnte ein Wanderungssaldo – Zuzüge minus Fortzüge – von jährlich rund 400 000 Person das Erwerbstätigenpotenzial in Deutschland (zurzeit 47,4 Millionen Personen) bis 2060 stabilisieren. Zudem würde dies den mit Blick auf die Rentenkasse problematischen Anstieg des sogenannten Altersquotienten beschränken.

Denn Zugewanderte sind im Vergleich zur Bestandsgesellschaft jünger, als Arbeitskräfte zahlen sie also länger Rentenbeiträge. Im Jahr 2060 kämen in jenem Szenario – Nettomigration 400.000 Menschen – auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (aktuell 20 bis 64 Jahre) gemäß IAB rund 60 im Rentenalter (derzeit 65 plus) ; 2020 lag diese Zahl noch bei 43.

Migration ist nur bedingt planbar

Ein Wanderungssaldo von 400 000 ist relativ hoch. Er entspräche dem der präpandemischen Jahre 2012, 2017 oder 2018. In den Nullerjahren und während Corona lag der Saldo niedriger, 2015 aufgrund der Fluchtbewegungen fast dreimal so hoch.

Nach aktuellem Stand müssten etwa 1,6 Millionen Menschen einreisen, um eine Nettoimmigration von 400.000 Personen zu erreichen. In diesem Jahr werden es wegen der Ukraine-Krise zwar mehr sein – bis Mitte Juli hatte das Ausländerzentralregister schon 1,4 Millionen Zuzüge aufgezeichnet, über 900.000 davon flüchteten vor dem Krieg. Aber das sagt nichts über die Zukunft aus.

So stammte ein Großteil der Zugewanderten in den vergangenen Jahren aus der EU (2021: 48 Prozent), und dieses Reservoir wird nach Einschätzung des IAB kleiner. Denn auch andere Mitgliedsländer stehen unter demografischem Druck und müssen ihre Arbeitskräfte bündeln. 

Integration schlägt Immigration

Umso wichtiger ist die Zuwanderung aus Drittstaaten – und der Faktor Integration. Denn er kann den Wanderungssaldo, aber auch das Erwerbspersonenpotenzial insgesamt positiv beeinflussen. Je mehr Eingewanderte sich eingewöhnen und dauerhaft bleiben statt zurückzugehen, desto geringer der Druck, weitere zu gewinnen.

Integration erhöht auch die Chancen, die relativ geringen Beschäftigungsquoten unter Ausländern (rund 53 Prozent gegenüber 68 Prozent in der Gesamtbevölkerung) zu verbessern und sie in einen adäquaten Job zu führen. „Zugewanderte arbeiten oft unter den Möglichkeiten, die ihre Kompetenzen eigentlich hergeben würden“, sagt Enzo Weber.

Es geht um Abschlüsse, Bildung, Sprache

Die wesentliche Hürde sieht Weber – wie viele andere – dabei in der Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Im erweiterten FEG soll zwar ein Abschluss (und Berufserfahrung), nicht mehr aber dessen Anerkennung Voraussetzung sein, damit von Unternehmen akquirierte Fachkräfte einreisen dürfen. Ob der Abschluss (als gleichwertig mit einem deutschen) anzuerkennen ist, wird erst später überprüft.

Im Übrigen brauchen Zugewanderte laut Weber „einen umfassenden Service zur berufsbegleitenden gezielten Qualifizierung und Sprachförderung“, um sich beruflich entwickeln zu können. Das sei „eine gemeinsame Aufgabe von Politik und Arbeitgebern.“ Achim Diercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat vor diesem Hintergrund im Handelsblatt vorgeschlagen, Fachkräften schon im Ausland beim Deutschlernen zu helfen.

Womit man wieder beim Thema Kultur ist. Nachhaltige Integration setzt die Offenheit aller Beteiligten voraus: der Zugewanderten wie der Belegschaft in den aufnehmenden Betrieben; der Gesellschaft und auch der Politik und der Bürokratie. Laut Diercks sind nicht nur die Regelungen zur Erteilung einer Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis zu komplex, es seien auch „zu viele Behörden“ beteiligt. „Die rechte Hand weiß nicht, was die linke Hand macht.“ Deshalb brauche es nicht nur Reformen der Gesetzes, sondern auch einen „Kulturwandel in den Verwaltungen.“

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Ist freier Mitarbeiter der Personalwirtschaft.