„KI-Einsatz im Recruiting steht noch ganz am Anfang“

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Personalwirtschaft: Mit dem Start-up Empion haben Sie ein KI-gesteuertes Tool entwickelt, das das Recruiting auf eine neue Ebene bringen soll: Unternehmen und Talente werden anhand ihrer kulturellen Profile durch einen Robo-Advisor miteinander gematched, heißt es auf Ihrer Webseite dazu. Was ist die Idee dahinter?
Annika von Mutius: Mehr als 70 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland denken über einen Jobwechsel nach. Während die Babyboomer-Generation durchschnittlich 1,3 Arbeitgeber im Laufe ihrer Karriere hat, liegen die Prognosen für die Gen Z bereits bei rund 20. Das sind auf den ersten Blick zwar erschreckende Zahlen, die jedoch enormes Potential bieten.

Inwiefern?
Die genannten 70 Prozent aller Arbeitnehmer sind grundsätzlich erreichbar. Entscheidend ist, die Bedürfnisse der Talente zu verstehen und entsprechend als Arbeitgeber zu agieren. Der Haupttreiber für die stark zunehmende Jobwechselbereitschaft sind kulturelle und wertebasierte Faktoren wie Kommunikation, Weiterbildungsmöglichkeiten, aber zum Beispiel auch die Beziehung zu Kollegen und Vorgesetzten. Das Paradoxon daran ist, dass diese weichen Faktoren für Talente bisher nicht im Recruitingprozess abgebildet sind.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Sucht ein Bewerber auf einem generischen Jobportal nach einer Position im Business Development in Berlin, erhält er mehr als 7.000 Treffer. Diese zeigen jedoch kaum mehr als den Jobtitel und ein Unternehmenslogo. Die Folge sind Ineffizienzen: Talente, die nicht zum Unternehmen passen, und Unternehmen, die nicht zu den Talenten passen.

Wie wollen Sie das ändern?
Mit Empion entwickeln wir einen KI-basierten Robo Advisor, der Talente und Unternehmen auf Basis individueller Präferenzen – also Werte, Persönlichkeitsmerkmale und Fähigkeiten – matched. Das bedeutet, wir machen ein individuelles Headhunting-Erlebnis, das wir sonst nur aus der Executive Search kennen, durch Technologie für den Massenmarkt zugänglich. Wir analysieren Unternehmenskulturen und Persönlichkeitsprofile und sourcen auf Basis dessen nicht nur die inhaltlich, sondern auch kulturell passenden Talente. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen sowie nachhaltigen Zusammenarbeit signifikant.

Funktioniert das ähnlich wie bei einer Dating-Plattform? Jede Seite offenbart Vorlieben, Abneigungen, Eigenschaften und Interessen und die KI sucht nach den größtmöglichen Übereinstimmungen?
Der Vergleich zum Dating ergibt durchaus Sinn. Sowohl im Dating, als auch bei der Jobsuche muss es zwischenmenschlich passen. Technologie hilft dabei, Präferenzen zu quantifizieren und basierend darauf, zwei einander bisher unbekannte Seiten zusammenzubringen. Eine große Herausforderung ist jedoch, dass viele Unternehmen und Talente weder die eigenen Präferenzen noch ihre kulturellen Eigenschaften kennen. In Kooperation mit Universitäten haben wir die Empion-Methode entwickelt, die durch indirekt formulierte Trade-Off-Items ehrliche Wertvorstellungen statistisch signifikant erfasst. Der Einsatz von KI-Systemen ermöglicht die präzise Aussteuerung von Recruiting-Kanälen zur Aktivierung der passenden Talente und zur Optimierung der Matching-Genauigkeit zwischen Talenten und Unternehmen.

Jede KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird – woher kommen die Daten, mit denen Sie arbeiten und wie gehen Sie mit etwaigen Sicherheitsbedenken um?
Datengetriebene, diskriminierungsfreie Entscheidungen stellen wohl die größte Chance in der Recruiting- und HR-Branche dar. Das bedeutet natürlich auch, dass wir immer die neuesten Forschungsentwicklung verfolgen oder gar mit beeinflussen müssen. Wir sehen den verantwortungsbewussten Umgang nicht nur als unsere Pflicht, sondern auch als unsere gesellschaftliche Verantwortung – mit höchster Priorität. Um die Präzision der Vorhersagen unserer KI-Systeme zu schärfen, verwenden wir selbst erhobene Daten und einen anonymisierten Datenpool. Das Datenhosting übernimmt ein externer Dienstleister, der die Daten in Deutschland speichert. Uns ist bewusst, dass gerade die HR-Branche mit sensiblen Daten arbeitet. Zum Schutz der Daten unserer Partnerunternehmen haben wir ein umfangreiches Sicherheitskonzept nach Einhaltung der DSGVO erstellt, das sogar den sensiblen Standards von Banken und staatlichen Institutionen gerecht wird.

Gibt es für menschliche Recruiter in Zukunft noch Aufgaben, die eine KI nicht übernehmen kann?
Ich hörte kürzlich eine besonders treffende Aussage: „Recruiter werden nicht von KI ersetzt, sondern von Recruitern, die mit KI-Anwendungen umgehen können.“ Es liegt mir sehr am Herzen, die Potenziale von KI-Systemen in den Vordergrund zu stellen und innovativen Technologien offen und mutig gegenüberzustehen; eine Einstellung, die meines Erachtens in Deutschland mehr gefördert werden sollte. KI-Systeme ermöglichen uns massive Effizienzgewinne und wir dürfen sehr optimistisch und vorfreudig in eine aufregende technologische Zukunft blicken – insbesondere auch in der HR-Branche.

Inwiefern ist KI jetzt schon ins Recruiting integriert?
Aktuell schreiben wir an einem Papier zu den Levels KI im Recruiting.
Level 0: Keine Automatisierung
Level 1: AI-Assistiertes Recruiting
Level 2: Teilautomatisiertes Recruiting
Level 3: Hochautomatisiertes Recruiting
Level 4: Vollautomatisiertes bzw. Autonomes Recruiting

Derzeit befinden wir uns im Recruiting noch sehr anfänglich zwischen Level 0 und 1. Das bedeutet, wir nutzen KI-Systeme zur Textgenerierung im Active Sourcing oder im Screening von Talenten. Level 4 (also autonomes Recruiting) würde keine menschliche Interaktion beinhalten (also auf Basis der Hiring Planung arbeitet das KI-System bis zur Einstellung voll autonom). Das ist jedoch ein weiter Weg. Wenn wir innerhalb der nächsten fünf Jahre Level 2 erreichen, wäre das ein großer Erfolg, der Recruiter keinesfalls überflüssig macht, sondern die große Chance bietet, Fleißaufgaben substanziell zu reduzieren, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Menschen.

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Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.