Peter Neururer hat in seiner Karriere als Fußballtrainer erlebt, wie Mannschaften auseinanderfielen. Er weiß, was Führung ausmacht, wenn das eigene Team in der Halbzeit mit drei Toren hinten liegt. Seine Keynote auf der diesjährigen „Schicht im Schacht“ war eines der Highlights des Recruiting-Events im Landschaftspark Duisburg-Nord. Rund 500 HR-Profis haben sich dort versammelt, um über neue Trends, Herausforderungen und Entwicklungen im Recruiting und HR-Bereich zu sprechen. Thematisch fiel Neururers Vortrag etwas heraus, sein Rückblick auf seine lange Karriere als Fußball-Lehrer war trotzdem unterhaltsam. Denn Neururer verstand es bestens, das Plenum zu unterhalten.
Das machte Spaß, auch wenn sich der eine oder andere vielleicht etwas mehr HR-Bezug gewünscht hätte. Martina Voss-Tecklenburg, ehemalige Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft, war das mit ihrer Keynote bei der „Schicht im Schacht“ vor zwei Jahren besser gelungen.
Bereits zum vierten Mal fand die „Schicht im Schacht“ statt. Wo früher Roheisen produziert wurde, stehen heute rostende Hochöfen. Initiator und Recruiting-Experte Marcel Rütten hat die Location für die Recruiting-Konferenz im Herzen des Ruhrgebiets nicht zufällig gewählt. Der dortige Strukturwandel macht sichtbar, was die Veranstaltung inhaltlich verhandelt: die Transformation der Arbeitswelt.
KI: Weder Heilsversprechen noch Horrorszenario
Dementsprechend spiegelte das Programm auf drei parallelen Bühnen die Bandbreite wider, mit der sich Talent Acquisition heute auseinandersetzen muss. KI war erwartungsgemäß omnipräsent. Professor Dr. Stefan Süß und Professor Dr. Marius Wehner (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) diskutierten zum Beispiel, welche Berufe von Automatisierung tatsächlich betroffen sind und welche nicht. Dr. Roman Briker, Juniorprofessor für Organizational Behavior (WHU), warf eher einen tiefenpsychologischen Blick auf das Thema. Seine durchaus bedenkliche These: KI birgt die Gefahr in sich, Menschen radikaler und intoleranter zu machen.
Severine Fiegler, Vice President HR Talent Acquisition bei Infineon, skizzierte, was in wenigen Jahren realistisch sein könnte: KI-Recruiter, die KI-Agenten bewerten, die selbständig Bewerbungen versenden und Interviews führen. Ob das kommt und ob es gewollt ist, ließ sie bewusst offen. Die eigentliche Frage sei, was das für Recruiterinnen und Recruiter heute schon bedeutet: mehr strategische Tiefe, weniger operative Routine. Für viele im Saal keine abstrakte Zukunftsvision, sondern ein laufender Prozess.
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Ute Neher, Talent Strategy Director bei Indeed, setzte dazu einen klareren Rahmen. Unternehmen, die weiter in starren Jobprofilen, Titeln und perfekten Lebensläufen denken, sortieren nach Kriterien von gestern. Die neue Währung seien Skills: Lernfähigkeit, Anpassungsstärke, analytisches Denken, aber auch Empathie, Verantwortung und Urteilskraft würden als Skills besonders wichtig relevant werden. Dazu kämen Kompetenzen, die heute noch kaum benannt werden können. KI spiele dabei keine Konkurrenzrolle für den Menschen, sondern eine Entlastungsrolle: Routinen übernehmen, damit Menschen mehr Zeit für Wertschöpfung haben, die nur sie leisten können.
Zu viele Bewerbungen, zu wenig Aussage
Dass KI auch ganz konkrete operative Probleme schafft, zeigte das Panel zum „Bewerbungs-Tsunami“. Dimitri Knysch, Co-CEO der Video-Recruiting-Plattform Cammio, Elisabeth Krims, Leiterin Recruiting & Personalmarketing bei dem Verkehrsunternehmen Wiener Linien und Katja Dombrowski, Teamlead Talent Acquisition & Employer Branding bei dem Modeunternehmen Walbusch, beschrieben, wie wirtschaftliche Unsicherheit und KI-generierte Massenapplikationen Recruiting-Teams nicht an fehlenden, sondern an zu vielen Bewerbungen zu ersticken drohen, während die Aussagekraft der Unterlagen gleichzeitig sinkt.
Inklusion: Mehr als ein Buzzword
Dass Vielfalt im Recruiting nicht beim Buzzword enden darf, war Thema eines Panels, das die Initiative #JedesTalentZählt auf die Bühne brachte. Die Initiative, deren Partner die „Personalwirtschaft“ ist, will darüber informieren, wie Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt integriert und dort gefördert werden können.
Moderiert von Personalwirtschaft-Redakteurin Lena Onderka, diskutierten Anke Lenz, Chief Inclusion Officer & Digital Accessibility Lead bei Accenture, und Laura Becker, die seit 2022 die Personalabteilung des FC St. Pauli leitet, wie Unternehmen Barrieren konkret abbauen und Strukturen schaffen, in denen echte Teilhabe möglich wird. Der Tenor: Inklusion entsteht nicht durch gute Absichten, sondern durch konsequent gestaltete Rahmenbedingungen. Wer sie nur als Leitbild behandelt, hat sie noch nicht verstanden.
Employer Branding von innen
Thea König von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zeigte bei ihrem Vortrag in der Pumpenhalle, wo Employer Branding regelmäßig scheitert: wenn externe Kampagnen ohne interne Verankerung entwickelt werden. Bereits 2022 habe die BVG realisiert, dass eine starke Arbeitgebermarke nicht durch Agenturen produziert, sondern von innen gelebt werden müsse, so König. Glaubwürdigkeit entstehe durch Kultur, nicht durch Kommunikation.
Ein weiterer hochkarätiger Name: Inga Dransfeld-Haase, Personalvorständin beim TÜV Nord, unterstrich in ihrer Keynote, dass es Zeit für HR sei, „sich weiter hinauszuwagen als je zuvor“. Unter wachsendem Effizienzdruck müsse HR vor allem die eigene Veränderungsfähigkeit stärken. Und das gehe nur, wenn Recruiting, Entwicklung und Bindung zusammengedacht werden.
Abschluss mit dem Knappenchor
Die „Schicht im Schacht“ endete stilecht: Zum Abschluss sang der 1932 gegründete Knappenchor Consolidation das Steigerlied, die Hymne des Ruhrgebiets. Ein passender Abschluss für eine Recruiting-Konferenz mit Ruhrpott-Flair – bodenständig, aber mit sicherem Blick auf die Themen, die HR aktuell und in Zukunft beschäftigen.
Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Recruiting und Employer Branding. Er verantwortet weiterhin die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.

