Während des Erwerbslebens sind die Hälfte (50 Prozent) der Verdienststeigerungen allein auf Beförderungen zurückzuführen. Zu diesem Ergebnis kommen die beiden Professoren für Volkswirtschaftslehre Christian Bayer und Moritz Kuhn in dem aktuellen Diskussionspapier „Job Levels and Wages“. Die beiden Professoren erforschen zurzeit, wie Karrierewege in Deutschland und in den USA Löhne und Gehälter beeinflussen und welchen Zusammenhang Stellenanforderungen und Verdienst haben. Das Papier mit ersten Ergebnissen hat das EPoS Economic Research Center, eine Kooperation der Universitäten Bonn und Mannheim, nun veröffentlicht.
Zentrale Erkenntnis: Selbst, wenn Arbeitnehmer denselben Beruf mit ähnlichen Aufgaben ausüben, kann sich ihr Verdienst deutlich unterscheiden. Das liegt daran, dass der Verdienst in erster Linie von der Komplexität der Aufgaben, der Selbstständigkeit bei der Ausführung sowie einem Plus an Verantwortung abhängt. „Wir haben festgestellt, dass die Stellenanforderungen hinsichtlich der Ausführung von beruflichen Tätigkeiten für die bezahlten Löhne und Gehälter auffällig relevant sind“, betonen die Professoren.
Ein Beispiel verdeutlicht diesen Zusammenhang: Während sich ein Bäcker exakt an Rezepte und Backregeln hält, wenn er Zutaten mischt und den Teig backt, mischt ein anderer zwar ebenfalls Zutaten und backt den Teig. Zusätzlich entwickelt er aber auch neue Rezepte und passt Zutaten und Backvorgang an. Beide üben berufliche Aufgaben des Bäckers aus. Ihre Autonomie und Verantwortung und damit ihre Stellenanforderungen sind allerdings verschieden. Somit erhalten sie auch unterschiedlich hohe Gehälter.
Bildung eröffnet Chancen
Die meisten Arbeitnehmer, so stellen die Ökonomen fest, steigen im Job auf, ohne den Arbeitgeber zu wechseln. Wer besser ausgebildet sei, werde schneller befördert. Laut den Wissenschaftlern liegt die Bildungsrendite (Return to College Education), also der Lohnunterschied zwischen Arbeitnehmern mit und ohne Hochschulabschluss, bei 54 Prozent. Das bedeutet allerdings nicht, dass Arbeitnehmer mehr verdienen, weil sie einen Hochschulabschluss haben. Vielmehr deutet das darauf hin, dass ein höherer Schul- oder Universitätsabschluss die Chance eröffnet, Stellen mit anspruchsvolleren Anforderungen übernehmen zu können.
Gender Pay Gap durch Karriereknick
Die Forschungsergebnisse zeigen auch, dass der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern weitgehend auf ein Beförderungsgefälle sowie unterschiedliche Karrieredynamiken zurückzuführen ist. Laut den Ökonomen geraten Frauen ab etwa 30 Jahren gegenüber ihren männlichen Kollegen beim beruflichen Aufstieg ins Hintertreffen. Während männliche Arbeitnehmer weitere zehn bis fünfzehn Jahre lang auf der Karriereleiter vorankommen, stockt die Karriere von Frauen ab Anfang 30, da sie – meist in der Mitte ihrer Karriere angekommen – ihre Arbeitszeit reduzieren und in Mutterschaftsurlaub, Elternzeit oder Teilzeit gehen oder Jobs annehmen, die sich besser mit der Familie vereinbaren lassen.
Teilzeit bleibt somit eine Karrierebremse. „In unserem Modell der Karriereleiter bedeutet Teilzeit eine geringere Investition in die eigene Karriere“, heißt es in der Untersuchung. Das führe zu einer dynamisch wachsenden Karrierelücke und schlage sich mit zunehmendem Alter im Verdienstabstand von Frauen und Männern nieder.
Das geschlechtsspezifische Verdienstgefälle hat seine Wurzeln also früh im Arbeitsleben, wenn ansonsten noch keine Gehaltsunterschiede auftreten. „Die unterschiedlichen Karrierewege werfen allerdings einen langen Schatten auf das spätere Berufsleben voraus“, fassen die Forscher zusammen.
Kirstin Gründel beschäftigt sich mit den Themen Compensation & Benefits, Vergütung und betriebliche Altersvorsorge. Zudem kümmert sie sich als Redakteurin um das Magazin "Comp & Ben". Sie ist redaktionelle Ansprechpartnerin für das Praxisforum Total Rewards.

