Interview mit Dr. Thomas Jasper, Retirement Leader Western Europe, WTW, und Marcus Wilhelm, Vice President, Corporate Pensions, Airbus
In den Unternehmen spielt die Betriebsrente wieder eine größere Rolle. Herr Dr. Jasper und Herr Wilhelm, ist die Bedeutung des bAV-Preises damit auch gestiegen?
Thomas Jasper: Vor zehn Jahren haben alle Beteiligten den bAV-Preis mit viel Enthusiasmus gestartet. Heute ist er DER deutsche bAV-Preis. Wir haben eine namhafte, kenntnisreiche und engagierte Jury. Zudem genießen wir eine breite Unterstützung aus der bAV-Industrie. Vor allem sehen wir jedes Jahr fantastische Bewerbungen und Preisträger. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Preis seinem Namen voll gerecht wird.
Marcus Wilhelm: Die betriebliche Altersvorsorge hat vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, des wechselhaften Kapitalmarktumfelds und der sich wandelnden personalpolitischen Anforderungen weiter an Bedeutung gewonnen. Leider hat auch die Komplexität der bAV parallel weiter zugenommen, sodass es eine Herausforderung sein kann, sinnvolle neue Lösungen zu erkennen. Der bAV-Preis bietet hier durch den Auswahlprozess einer Fachjury einen doppelten Mehrwert. Der Preis kann einerseits im Markt die Verbreitung guter Ideen beschleunigen. Intern kann der Preis enorm helfen, Vertrauen und Klarheit zu schaffen, wenn man die bAV mit Ansprechpartnern diskutiert, deren Kernaufgabe nicht die bAV ist. Der Preis wirkt hier als einfach kommunizierbares Gütesiegel.
Der bAV-Preis ist in die zwei Kategorien Großunternehmen und KMU aufgeteilt. In welcher Gruppe sehen Sie eine besondere Veränderung im Vergleich zu den Vorjahren?
Wilhelm: In beiden Kategorien wurden geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen für eine stärkere Förderung der unteren Lohngruppen genutzt. Bei KMU sehe ich insbesondere in Branchen mit eher hoher Fluktuation starke Bemühungen, das im Nachgang zu Covid knappere und schwieriger zu ersetzende Personal stärker zu binden. Beispielsweise hat sich der Trend verstärkt, Betriebstreue mit gestaffelten bAV-Beiträgen zu belohnen. Außerdem hat sich ein Trend etabliert, Matching anzubieten, oder die EUW stärker zu bezuschussen. Bei den Großunternehmen hatten wir in diesem Jahr mit Uniper erstmals einen Vertreter des in der Fachpresse vielfach diskutierten Sozialpartnermodells am Start, welches naturgemäß mit einer Fülle von Innovationen aufwartete. Inwieweit durch diese Pionierleistung ein Trend begründet wurde, wird die Zukunft zeigen.
Sind Produktpakete und Branchenlösungen zur Betriebsrente für kleinteilig strukturierte Wirtschaftszweige eine besondere Herausforderung?
Jasper: Die Bedürfnisse der kleineren und mittleren Unternehmen liegen auf der Hand. Einfachheit und Verständlichkeit sind enorm wichtig. Die bAV-Lösungen müssen einfach implementiert und administriert werden können. Sie sollen im Unternehmen keine großen Ressourcen binden und gleichzeitig attraktiv für die Mitarbeiter sein. Die Anbieter im bAV-Markt haben daher erhebliche Anstrengungen unternommen, um passende Lösungen in die Unternehmen zu bringen, oft in Verbindung mit Risikoabsicherung und betrieblicher Krankenversicherung. Das haben wir bei verschiedenen Preisträgern in diesem Jahr auch gesehen. Dabei wird die Kommunikation von vornherein mitgedacht. Die Administration darf nicht auf den Schultern der Unternehmen liegen, sondern muss vom Anbieter effizient geleistet werden. Wenn man sich die Preisträger der vergangenen Jahre anschaut, dann wird der Erfolg dieser Anstrengungen deutlich. Ausgezeichnet wurden etwa ein kleines, privates Pflegeunternehmen, eine Apotheke und diesmal ein Steakhaus. Man sieht: Selbst kleinste Unternehmen können eine gute bAV auf die Beine stellen.
Wilhelm: Im Unterschied zu Großunternehmen gibt es in KMU meist nur einen Ansprechpartner für alle Bereiche der bAV, bzw. für alle Vergütungskomponenten. Einerseits spielt die Integration von Leistungskomponenten, die über die bAV hinausgehen, wie beispielsweise ein Gesundheitsbudget, bKV- oder Berufsunfähigkeitsabsicherung, daher häufig eine große Rolle. Effiziente, standardisierte Prozesse mit geringer Betreuungsintensität sind für kleine Unternehmen daher sehr vorteilhaft. Dies gilt auch für Leistungsfälle oder Spezialfälle, wie zum Beispiel den Versorgungsausgleich. Bei Großunternehmen vollziehen sich viele Positionswechsel der Mitarbeiter innerhalb des Konzerns. Bei kleinen Unternehmen ist dies vergleichbar mit dem Wechsel innerhalb der Branche. Daher kommt für kleine Unternehmen der Portabilität der Ansprüche große Bedeutung zu. Branchenlösungen-, bzw. Standardisierung können hier hilfreich sein. Wichtig ist zudem, dass die Risikoposition des Unternehmens transparent ist und so „böse Überraschungen“, wie zum Beispiel unerwartete Nachschüsse oder Bilanzbelastungen, möglichst ausgeschlossen sind.
Oftmals ist es doch die Geschäftsbank, die den kleinen Unternehmen einen Denkanstoß in Sachen bAV gibt und als Berater zur Seite steht, oder?
Jasper: Die Wege sind vielfältig. Es kann ein Finanzdienstleister, eine Bank oder ein Lebensversicherer sein. Auch ein Beratungshaus wie WTW bietet hier gute Lösungen in Partnerschaft mit Finanzdienstleistern – vorkonfektionierte Lösungen, die für KMUs attraktiv sind. Neben der Attraktivität der bAV-Lösungen ist die laufende externe Unterstützung sehr wichtig. Das gilt sowohl für kleine als auch für viele große Unternehmen.
Wie wirken sich die aktuellen Krisen wie Inflation, Krieg und Konjunkturschwäche auf die bAV aus?
Jasper: Die bAV ist ein langfristiges Thema, nicht nur theoretisch, sondern auch im Bewusstsein der Unternehmen und Beschäftigten. Wir haben immer wieder gesehen, dass die bAV auch in einem wirtschaftlich herausfordernden Umfeld und in Zeiten knapper Budgets von den Unternehmen nie grundsätzlich infrage gestellt wurde. So ist es auch jetzt. Unternehmen brauchen weiterhin engagierte Mitarbeitende und die Mitarbeitenden brauchen eine gute Altersversorgung. Es gibt aber schon einige Effekte aus dem wirtschaftlichen Umfeld, welche die bAV – positiv oder negativ – beeinflussen. Die steigenden Zinsen bedeuten für die Unternehmen, dass die künftigen Verpflichtungen (Rückstellungen), soweit sie in der Bilanz abgebildet werden, gesunken sind, was entlastend wirkt. Andererseits sind, je nach Anlagestruktur, auch die Pensionsvermögen gesunken. Zudem haben viele Unternehmen noch immer Verpflichtungen für Rentenzahlungen, die an die Inflation anzupassen sind. Hier steigen die laufenden Zahlungen erheblich. Neuere Pensionspläne sind weitgehend kapitalmarktorientiert und vor allem „schwankungsrobust“ gestaltet. Hier sehe ich die Unternehmen sehr gut aufgestellt.
Wilhelm: 2022 war bezüglich der bAV-Kapitalanlage wahrscheinlich das schlechteste und zugleich das beste Jahr, das ich bisher erleben musste bzw. durfte. Die durch die Covid-Maßnahmen bedingte Angebotsverknappung sowie die Gegenmaßnahmen zum russischen Angriffskrieg führten zu einer schnell und stark steigenden Inflation. Diese zwang die westlichen Zentralbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik. Im Ergebnis hatten wir zweistellig negative Renditen sowohl bei Aktien als auch bei Festverzinslichen. Einerseits also hohe Verluste von bspw. durchschnittlich minus 18 Prozent im bilanzierten Pensionsvermögen bei DAX-40-Unternehmen, zweitens dazu noch deutlich höhere langfristige Inflationsannahmen und im HGB auch noch ein gesunkener Durchschnittszins: Das ist der perfekte Sturm! Andererseits wurde all dies in den IFRS durch den massiven Anstieg der Diskontrate und die dadurch gesunkene DBO überkompensiert, sodass bspw. die DAX-Unternehmen ihren durchschnittlichen Ausfinanzierungsgrad sogar von 72 Prozent auf den Rekordwert von 79 Prozent steigern konnten. Ein weiterer Vorteil ist, dass man jetzt mit Anleihen zumindest nominal wieder etwas verdienen kann.
Wie kommt die bAV-Branche mit dem De-Risking voran und wie lange wird es noch ein Thema sein?
Jasper: Im De-Risking waren in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erhebliche Fortschritte zu verzeichnen. Früher wurde den Mitarbeitenden meist eine Betriebsrente in Höhe von X Prozent des letzten Gehalts versprochen. Damit waren viele im Vorfeld schwer kalkulierbare Risiken für die Unternehmen verbunden. In den vergangenen 25 Jahren haben die meisten Unternehmen die Gestaltung der Pensionspläne und ihre Finanzierung sorgsam aufeinander abgestimmt und den Mitarbeitenden im Grundsatz zugesagt, dass sie eine Altersversorgung erhalten werden, deren Höhe sich zu Rentenbeginn aus den akkumulierten Vorsorgebeiträgen oder aus einem Versicherungstarif ergibt. Damit haben die Unternehmen die schwer kalkulierbaren Risiken erheblich eingegrenzt. Ein zweiter Aspekt des De-Riskings bezieht sich auch auf das Cashflow-Risiko. Unternehmen in Deutschland können weitgehend frei entscheiden, ob sie ihre aufgebauten Pensionsverpflichtungen unternehmensintern finanzieren oder ein separates Pensionsvermögen beispielsweise in einem CTA oder Pensionsfonds aufbauen. Seit der Jahrtausendwende haben die Unternehmen erhebliche Anstrengungen unternommen, um ihre Verpflichtungen mit spezifischem Pensionsvermögen zu unterlegen, was das Risikomanagement erleichtert und das Cashflow-Risiko absichert. Kleinere Unternehmen haben hingegen schon immer eher auf versicherungsgebundene Lösungen gesetzt, da gab es das Problem in diesem Umfang nicht. Statt die Risiken selbst zu managen, kann für manche Unternehmen ein Pension Buy-out eine Lösung sein, wie wir aktuell vor allem in den angelsächsischen Ländern sehen. Hier werden alte Verpflichtungen der bAV an den Markt abgegeben. Sie werden in der Regel von Versicherungsunternehmen übernommen, die mit Langlebigkeitsrisiken gut umgehen können und effizient in der Kapitalanlage arbeiten. Hier sehen wir in Deutschland erste Ansätze.
Wilhelm: Bezüglich der Plangestaltung kann man sagen, dass der Trend zum De-Risking ungebrochen ist. Dennoch wird uns das Thema noch mindestens zwei bis drei Jahrzehnte erhalten bleiben, da die Altzusagen rechtlich gut geschützt sind und die bAV grundsätzlich ein sehr langfristiges Thema ist. Bezüglich der Investitionsstrategie gibt es meines Wissens leider keine belastbaren Zahlen zu den Sicherungsquoten (Hedgeratios) bei Zins, Kredit und Inflation. Ich würde aber vermuten, dass das De-Risking gerade einen Schub erlebt. Erstens hat man viele Jahre unter sinkenden Zinsen gelitten. Zweitens gibt es einen Anreiz, die jetzt in den IFRS verbesserten Deckungsgrade zumindest teilweise abzusichern. Drittens kann man dies jetzt zu viel günstigeren Konditionen tun als während der vergangenen zehn Jahre.
Ist der Benefit bAV heute wirklich noch ein Lockmittel im „War for Talents“?
Jasper: Die bAV wirkt sogar noch stärker als vor zehn Jahren. Dies geht aus Befragungen von Mitarbeitenden und Unternehmen wie dem Global Benefits Attitudes Survey oder „Future of Pensions“ von WTW eindeutig hervor. Heute ist den meisten Menschen sehr viel klarer als früher, dass ein gutes Auskommen im Alter keine Selbstverständlichkeit ist, sondern dass sie dafür etwas tun müssen. Die Unternehmen wiederum müssen ihrerseits etwas tun, wenn sie Mitarbeiter gewinnen und halten wollen. Die bAV ist und bleibt deshalb ein wichtiger Faktor im Wettbewerb um Mitarbeiter.
Sehen Sie das auch so, Herr Wilhelm?
Wilhelm: Ergebnisse von Untersuchungen aus der jüngeren Zeit zeigen sehr deutlich, dass die bAV ein Instrument ist, auch und gerade jüngere Mitarbeiter zu gewinnen. Die Notwendigkeit, sich mit der eigenen Altersversorgung bereits früh auseinanderzusetzen, ist einem Großteil der Befragten bewusst. Allerdings muss die bAV auch gut verstanden werden, damit sie entsprechend wertgeschätzt wird. Eine möglichst klare Gestaltung der Zusage und eine verständliche Kommunikation sind für mich somit Schlüsselelemente, damit die bAV im „War for Talents“ ihre Wirkung entfalten kann.
Info
Die Preisträger des bAV-Preises im Überblick
Kategorie Großunternehmen
1. Preis: Uniper
2. Preis: Rheinmetall
3. Preis: Siemens Healthineers
Kategorie kleine und mittlere Unternehmen
1. Preis: Planisware
2. Preis: Louisiana Steakhouse
3. Preis: ibidi
