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Altersdiskriminierung von Frauen wird zum Thema

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„Ohne mich würdet ihr alt aussehen“, sagen zwölf ältere Frauen in der gleichnamigen Kampagne von Palais F*luxx, einem Online-Magazin für Frauen ab 47 Jahren. In der von Ferda Ataman, Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, unterstützten Aktion machen Frauen darauf aufmerksam, dass zu viele von ihnen aufgrund ihres Alters in der Arbeitswelt diskriminiert werden.

Ziel der Kampagne ist es, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Das Phänomen der Altersdiskriminierung betrifft natürlich nicht nur Frauen, sondern alle Geschlechter. Das weiß auch die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes. Doch im Gegensatz zu den Männern sei das Problem bei den Frauen, dass sie diese Art von Diskriminierung ihr ganzes Leben lang erfahren würden. Denn sie sind einer intersektionalen Diskriminierung ausgesetzt, wo Sexismus und Ageismus zusammentreffen. Im Übrigen betrifft das auch non-binäre Geschlechter, auf die in der Kampagne allerdings nicht eingegangen wird. Stattdessen zeigt die Kampagne auf, dass Frauen zu einer höheren Wahrscheinlichkeit als Männer in jeder Lebensphase diskriminiert. „In den Dreißigern werden viele diskriminiert, weil sie Kinder haben und vielleicht in Teilzeit arbeiten oder weil sie immer noch zu jung seien für richtige Verantwortung.“ Ab 40 Jahren aufwärts seien Frauen „plötzlich wieder zu alt, werden als kompliziert abgestempelt, wenn sie Ansprüche stellen, oder bei Beförderungen einfach oft übergangen“, sagte Ataman weiter.

Foto: Palais F*luxx

Das schadet laut der Bundesbeauftragten nicht nur den Frauen, sondern auch der Wirtschaft. Ältere Frauen sind ein wichtiges Potenzial im durch den Fachkräftemangel ausgedünnten Talentpool, das bisher noch nicht genug von Arbeitgebern gesehen und genutzt wird.

Anja Lüthy, Professorin für Personalmanagement an der Technischen Hochschule Brandenburg und Unterstützerin der Kampagne, erklärt warum: „Ältere Frauen bringen gerade dann, wenn sie über Jahre erfolgreich einen Haushalt, eine Familie und ihre Kinder gemanagt haben, eine Fülle von Lebenserfahrung, ein reiches Managementwissen und ausgeprägte Soft Skills mit, die sie bestens dafür qualifizieren, in Unternehmen Teams zu führen.“ Es ist laut Lüthy in Zeiten des Fachkräftemangels auch schlichtweg fahrlässig das Potenzial von Millionen Frauen nicht auszuschöpfen. Denn das Einstellen von älteren Frauen könnte ihrer Meinung nach eine wertvolle Strategie sein, um das zukünftige Fehlen von Arbeitskräften zu bewältigen.

Frauen werden überproportional oft aufgrund ihres Alters diskriminiert

Doch ist das Problem wirklich so gravierend, dass Arbeitgeber es zu einer der Prioritäten machen sollten? Glaubt man Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes werden Menschen in Deutschland oftmals wegen anderen Merkmalen diskriminiert als aufgrund ihres Alters. Von den 5.617 Fällen, die der Behörde 2021 gemeldet wurden, bezogen sich 37 Prozent auf rassistische Diskriminierung. 32 Prozent wurden aufgrund einer Behinderung oder chronischer Krankheiten benachteiligt, 20 Prozent wegen ihres Geschlechts. Altersdiskriminierung erlebten dahingegen nur zehn Prozent. Überproportional oft werden dabei Frauen im Alter von 45 bis 54 Jahren aufgrund des Alters benachteiligt, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen.

Doch wie äußert sich diese Altersdiskriminierung im Alltag? Neben dem Problem, dass ältere Frauen manchmal gar nicht erst zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, gibt es weitere Formen, in denen sich Altersdiskriminierung äußern kann. Eine Studie, die letztes Jahr in den USA durch Harvard Business Review veröffentlicht wurde, konnte verschiedene Dinge beobachten. Die Studienautoren und -autorinnen unterschieden zwischen der Diskriminierung von jungen Frauen, Frauen mittleren Alters und älteren Frauen. Als junge Frau galt in der Studie eine Frau unter 40 Jahren. Frauen zwischen 40 und 60 wurden als mittleres Alter eingeordnet und Frauen über 60 als alt. In der offenen Umfrage wurden insgesamt 913 weibliche Führungskräfte in den USA befragt. Die älteren Frauen berichteten von dem Gefühl, nicht mehr relevant zu sein und bei Weiterbildungen oder Beförderungen nicht mehr berücksichtigt zu werden. Infolge fühlten sich viele von ihnen entmutigt, ausgebrannt und hatten sich damit abgefunden, dass sie beruflich nicht mehr weiterkommen würden. Frauen, die jünger waren oder jünger aussahen, hatten oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Frauen mittleren Alters hatten oft Probleme, weil ihnen zu viel familiäre Verantwortung zugeschrieben wurde und sie deshalb nicht für eine Stelle in Betracht gezogen wurden. Auch wenn diese Ergebnisse vielleicht nicht eins zu eins auf die Probleme von Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt übertragbar sind, geben sie doch zumindest einen Einblick in die Probleme, mit denen Frauen in Bezug auf ihr Alter konfrontiert sind.

Flexible Arbeitsmodelle können eine Lösung sein

Wie können Arbeitgeber genau das vermeiden? Die Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen kann hier hilfreich sein, da sie zur Entlastung von Frauen mit zusätzlichen Verpflichtungen, wie z.B. der Pflege von Angehörigen, beitragen kann. Von Angeboten wie der Teilzeitarbeit, hybriden Arbeitens oder Gleitzeitmodellen würden zudem nicht nur die älteren Generationen profitieren, merkt Professorin Lüthy im Gespräch mit Palais F*luxx an. Zudem sollten ältere Mitarbeitende weiterhin die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden. So könnten sie sich auch im Alter beruflich weiterentwickeln und ihre Arbeitsmarktfähigkeit erhalten. Auch die Integration von gesundheitsfördernden Maßnahmen in flexible Arbeitszeitmodelle könnte laut Lüthy sinnvoll sein. Als Beispiel führt sie hier die Möglichkeit an, während der Arbeitszeit Bewegungspausen oder Angebote im Bereich betrieblicher Gesundheitsförderung in Anspruch zu nehmen. Vorstellbar ist beispielsweise auch eine flexible Anpassung der Arbeitsbedingungen an die Menopause, wie das Beispiel SAP zeigt.

Eine Gleichzeitigkeit mehrerer Diskriminierungsmerkmale müssen viele noch lernen

Diversity-Beraterin Irène Kilubi hält weitere Tipps bereit. Als Basis sei ein offenes Unternehmensklima notwendig, in dem man ehrlich und vertrauensvoll das Thema Altersdiskriminierung besprechen kann und so ein Bewusstsein dafür schafft Ebenso sei es wichtig, die homogenen Führungsstrukturen in Unternehmen aufzubrechen, damit auf den obersten Führungsebenen auch ältere Frauen sitzen. „Ein junger, männlicher Geschäftsführer wird die Bedürfnisse einer älteren, weiblichen Mitarbeiterin nicht intuitiv verstehen – und umgekehrt.“ Das müsse ihm entweder erklärt werden oder eine Kollegin auf gleicher Ebene wüsste meist intuitiv, was eine Frau im gleichen Alter erlebt und braucht. Allerdings gäbe es in dieser Hinsicht in den letzten Jahren bereits eine Verbesserung, da auch in den Führungsetagen mehr Diversität Einzug gehalten habe. Dennoch sieht auch Kilubi die Kampagne als „wichtigen ersten Schritt an“. „Sie macht auf zwei Diskriminierungsmerkmal aufmerksam, die sich überschneiden: das Frausein und das Alter.“ Diese Intersektionalität der Diskriminierung – eine Gleichzeitigkeit mehrere Diskriminierungsmerkmale – zu erkennen, das müssten viele Arbeitgeber noch lernen.

Als wichtigen ersten Schritt sehen zahlreiche Menschen auf LinkedIn die Kampagne. So beschreibt Franky Leyhausen Gründer zweier Start-Ups, die ihren Fokus auf ältere Menschen legen, auf Linkedin, dass Männer mit 50 noch als attraktiv gelten, Frauen es im Alter aber deutlich schwerer hätten. Er fasst das Ganze treffend unter der Aussage „Wenn Altersdiskriminierung auf Sexismus trifft“ zusammen. Viele weibliche Nutzer berichten außerdem von ihren eigenen Erfahrungen mit Altersdiskriminierung, sei es im jungen oder fortgeschrittenen Alter.

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Leichter Gegenwind von der FDP

Neben all dem Zuspruch für die Kampagne gibt es aber auch leichten Gegenwind von Seiten der FDP. Natürlich sei man gegen jede Form der Diskriminierung, sagt Nicole Bauer vom FDP-Ausschuss für Wirtschaft und Familie. Aber man befürchte eine weitere Bürokratisierung und zusätzliche Hürden für Unternehmen. Denn: Ferda Ataman denkt darüber nach, Formulierungen in Stellenanzeigen wie „Wir suchen Verstärkung für unser junges, dynamisches Team“ verbieten zu lassen. Auch hier könnte ihrer Meinung nach eine Altersdiskriminierung vorliegen. Für die FDP wäre das ein zu starker Eingriff in die Selbstbestimmung der Unternehmen. Ataman hatte sich Mitte vergangenen Jahres dafür ausgesprochen neue Diskriminierungsmerkmale mit in das AGG aufzunehmen. Neben Eltern und pflegenden Angehörigen sollte hier auch das Alter besonders in Augenschein genommen werden. Was aus dem vorgelegten Reformpapier bisher geworden ist, ist unklar.

Frederic Haupt war Volontär der Personalwirtschaft.