Frage an die HR-Werkstatt: Wie findet und bindet man Azubis trotz des Fachkräftemangels?
Es antwortet: Nicolai Schork, Co-Gründer und CEO bei der digitalen Lern- und Ausbildungsplattform simpleclub
Der Fachkräftemangel trifft den Ausbildungsmarkt hart. Alleine 2023 konnten laut Bundesagentur für Arbeit über 73.440 Ausbildungsstellen nicht besetzt werden. Das spürt bereits jedes zweite Unternehmen deutlich, zeigt der DIHK Fachkräftereport. Gleichzeitig fehlen laut dem Verband Bildung und Erziehung (VEB) bis zu 80.000 Berufsschullehrkräfte. Einige geburtenstarken Jahrgänge der Boomer-Generation gehen demnächst in Rente. Bis 2035 gehen dem Arbeitsmarkt so bis zu 7 Millionen Erwerbstätige verloren, zeigen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. Das betrifft auch viele Ausbilderinnen und Ausbilder. Schwere Vorzeichen für das deutsche Erfolgsmodell der dualen Ausbildung. Die gute Nachricht: Die Herausforderungen kennen auch Ihre Mitbewerber, aber wie Sie damit umgehen und welche Aktivitäten Sie jetzt anstoßen, wird den entscheidenden Unterschied machen. Konkrete Vorschläge liefert diese HR-Werkstatt.
Fokus verschieben: Von Recruiting zu Retention
Recruiting ist ein wichtiger Teil der HR-Arbeit. Was aber, wenn die Bewerberzahlen für den nächsten Ausbildungsjahrgang zu wünschen übriglassen? Dann müssen alle Register gezogen werden. Es gibt zwei wesentliche Hebel gegen den Fachkräftemangel:
1. Mehr Menschen per Recruiting und Hiring in das System bringen.
2. Die vorhandenen Talente zu entwickeln und qualifizieren, um sie zu halten.
Bei der Talentgewinnung sind Unternehmen gut aufgestellt, aber auch die schillerndste neue Recruitingkampagne allein hilft nichts, wenn jeder dritte Azubi wieder abbricht. Wegen diese Arbeitsmarktrealität müssen auch die Unternehmensbudget erhöht werden, die CHROs und HR-Verantwortlichen für Qualifizierung und Talentbindung zur Verfügung stehen.
Ein digitales Update für die Berufsausbildung
Die Arbeitswelt wird immer digitaler, nur der Weg dahin, die Berufsausbildung, nicht. Dabei wollen Sie genau die jungen Nachwuchstalente, die Digital Natives, ansprechen. Die schlechten schulischen Bildungsergebnisse (PISA, IQB-Bildungstrend) erhöhen den Druck auf Unternehmen und HR-Abteilungen zusätzlich. Viele Auszubildende haben schulische Wissenslücken, können einen einfachen Dreisatz nicht. Ohnehin unterbesetzte Berufsschulen können das nicht auffangen. Viel Unterricht fällt bereits aus. Unternehmen versuchen, das mit betriebsinternem Unterricht, Mehraufwand der Ausbilder und zusätzlicher Nachhilfe aufzufangen. Das kostet Geld und ist weder skalierbar noch individuell auf die Bedürfnisse der einzelnen Azubis zugeschnitten. Technologie und digitale Lernplattformen wie zum Beispiel simpleclub setzen genau dort an und können dem Unternehmen Kosten sparen, Ausbilder entlasten und Azubis durch personalisierte Lernpfade fördern.
Die theoretischen Lerninhalte stehen als Text, Video, interaktive Grafik und Übungsaufgaben zur Verfügung. Vorstrukturierte Lernpläne schaffen Transparenz und Klarheit. Was selbstverständlich klingt, ist es keineswegs: Über ein Drittel der Auszubildenden hat laut DGB Ausbildungsreport 2023 keinen betrieblichen Ausbildungsplan. Dabei ist ein Ausbildungsplan gesetzlich vorgeschrieben. Vorteile einer digitalen Lernplattform für ausbildende Unternehmen:
● Entlastet Ausbilder und gibt ihnen mehr Zeit für die Praxis und wertschöpfende Arbeit
● Unterstützt Azubis und verbessert ihre Leistung, auch bei Lernschwachen
● Erhöht die Ausbildungsqualität und gibt Transparenz über Lernprozess und Fortschritt
● Signalisiert, dass Ihr Unternehmen zeitgemäß ausbildet und die duale Ausbildung
wertschätzt
● Erhöht die Zufriedenheit der Auszubildenden und verringert Abbruchquoten
Auszubildende als Multiplikatoren verstehen
Richtig eingesetzt, spart eine Investition in digitales Lernen also Kosten. Auszubildende wünschen sich aktiv den Einsatz digitaler Tools, aber knapp 40 Prozent erhalten ebenfalls laut dem DGB Ausbildungsreport 2023 „selten“ oder „nie“ die benötigten technischen Geräte von ihrem Betrieb. Das wirkt sich auf die Weiterempfehlungsrate aus: Fast jeder sechste Azubi würde die Ausbildung im eigenen Betrieb nicht weiterempfehlen. Im Ausbildungsverlauf sinkt die Begeisterung noch weiter, sodass am Ende nicht mal mehr die Hälfte das ausbildende Unternehmen empfiehlt.
Digital-gestützte Inhaltsvermittlung flexibilisiert, individualisiert und verbessert die Ausbildungserfahrung und holt die Jugendlichen in ihrem Medienverhalten ab. Positives Word-of-Mouth ist dabei eine echt Differenzierungschance. Wer ist schon glaubwürdiger und überzeugender als unsere Freunde?
HR als Treiber einer modernen Ausbildung
Wie kann die Umsetzung in der Praxis aussehen? Unser Kunde, die Sparkasse München, hat die digitale Lernplattform fest in den Ausbildungsprozess verankert und für die Nutzung feste Zeiten eingeräumt. Zwei Mal die Woche haben die Auszubildenden je zwei Stunden Zeit für digitales Lernen. Mosca hat simpleclub ebenso in die Lehrgänge integriert. Durch die Ausbilder zugewiesene Lernpläne strukturieren den Prozess und die Formatvielfalt sorgt für Abwechslung. Nach jeder Praxiseinheit wird die Theorie wiederholt und gefestigt. Am Ende jeder Einheit wird in Übungsaufgaben das Verständnis überprüft. Der Ausbilder kann den Lernfortschritt überprüfen (personalisiert oder anonymisiert) und sich auf die Praxis fokussieren.
Das auf Recycling und Wasserwirtschaft spezialisierte Unternehmen Remondis setzt die Lernplattform als One-Stop-Shop für Ausbildungsmaterialien ein. Das beginnt bereits beim Onboarding. Neben der Qualifizierung sehen Unternehmen einen positiven Effekt auf die Mitarbeiterzufriedenheit. Auch das Recruiting profitiert: Viele Auszubildende haben bereits in der Schule mit simpleclub gelernt und sehen das Ausbildungsangebot als zusätzliches Argument, um sich im Dschungel der Möglichkeiten für einen Ausbildungsbetrieb zu entscheiden.
Zusammenfassend: Die Herausforderungen für Ausbildungsbetriebe waren nie größer. Darin liegt auch eine Chance. Die Chance, jetzt die Weichen für die Zukunft der – früher einmal weltberühmten – dualen Ausbildung zu stellen. Das erfordert internes Umdenken und Budgets für Qualifizierung und Talentbindung. Die Investition in digitales Lernen lohnt sich und kann neben der Arbeitszeit der Ausbilder sogar Kosten sparen.
Autor
Nico Schork ist Gründer und CEO von simpleclub, der bekanntesten Lernplattform für Schule und Ausbildung in Deutschland mit 2 Millionen Nutzern monatlich. Gemeinsam mit seinem Co-Gründer Alex Giesecke führt er das EdTech-Startup mit über 100 Mitarbeitenden. Er ist außerdem Gesellschafter der Non-Profit-Organisation Startup Teens, die unternehmerisches Handeln fördert.

