„Wir möchten, dass unsere Leute in jedem Bereich arbeiten dürfen“

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Personalwirtschaft: Herr Baumann, wie steht’s aus Ihrer Sicht derzeit um die Zeitarbeit?
Christian Baumann:
Die Stimmung ist so schlecht wie seit der Wirtschaftskrise 2008 nicht mehr. Seit 2017 hat die Branche ein Drittel der Zeitarbeitskräfte verloren. Das kann man nur als Krise bewerten. Wenn Krisen kurz sind, dann ist das erst einmal kein Problem. Auf- und Abbau bringen Dynamik rein und machen Zeitarbeit dann besonders notwendig. Aber wir stecken im siebten Jahr des stagnierenden Bruttoinlandsproduktes.

Von ehemals eine Million Zeitarbeitskräften ist aktuell nur noch die Hälfte übrig. Gibt es dadurch ein Problem, die Anfragen und Aufträge der Kunden zu bedienen?
Inwiefern Nachfrage und Angebot an Zeitarbeitskräften vom Volumen her zusammenpassen, kann man nicht pauschal beantworten. Es gibt drei Segmente, die ich mir dafür anschaue: Blue, White und Pink Collar.

Wie ist die Situation hier jeweils?
Für klassische Blue-Collar-Arbeiter ist einfach keine Arbeit mehr da. Die Arbeitskosten sind in den letzten zwei, drei Jahren so stark gestiegen, dass Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern. Im White-Collar-Segment gibt es oft das Problem, dass verfügbare und gesuchte Arbeitskräfte nicht immer zusammenpassen. Das Matching ist schwierig. Es gibt hochqualifizierte Zeitarbeitskräfte und längst nicht mehr nur Geringverdiener. Doch die Berufsbilder verändern sich sehr schnell, und nicht für jede spezielle Anfrage gibt es jemanden bei den Personaldienstleistern.

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Und bei Pink Collar?
Im Gesundheitswesen, in der Pflege und Bildung gibt es zwar einen Anstieg an Menschen, die in diesen Branchen arbeiten wollen. Allerdings schmälern politische Diskussionen und Regulatorik ebenso wie die Kosten für Zeitarbeitnehmer aufseiten der Kundenunternehmen die Nachfrage nach Zeitarbeitskräften.

Dass man in der Zeitarbeit nicht zwangsweise schlechter verdient, wollen Sie im Verband durchaus klarstellen. Hierfür haben Sie eine Studie beim Institut für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Tübingen in Auftrag gegeben. Worum ging es?
Seit Jahrzehnten wurde behauptet, dass die Zeitarbeit viel schlechter bezahlen würde als die Menschen in der Stammbelegschaft verdienen würden. Wir waren und sind anderer Meinung, konnten es aber nicht belegen. Durch die Studie können wir es nun: Im Regelfall verdienen sie dasselbe, in Einzelfällen sogar mehr. Wir müssen mit unserer Verbandsarbeit im GVP Sorge dafür tragen, dass das in den Köpfen der Menschen, etwa in den Ministerien, ankommt.


Gibt es weitere Schwerpunkte in Ihrer Verbandsarbeit?
Ja, die Aufhebung des Zeitarbeitverbots im Bauhauptgewerbe gehört dazu. Das Infrastrukturpaket der Bundesregierung ist zwar nicht nur Bau, aber eben zu einem großen Teil schon. Wir möchten, dass unsere Leute in jedem Bereich arbeiten dürfen. Und eigentlich braucht es unsere Arbeitskräfte auch, um die Projekte umzusetzen.

Apropos Verbot: Mit der Ampelregierung waren Sie als Branche fast schon so weit, das Drittstaatlerverbot aufzuheben. Was ist passiert?
Noch vor Auflösung dieser Regierung hatte man uns einen Vorschlag zur Umsetzung vorgelegt. Der war aber absolut weltfremd. Er hätte zur Folge gehabt, dass Zeitarbeitnehmer aus Drittstaaten bessergestellt werden als alle anderen arbeitenden Menschen aus Drittstaaten. Wir haben uns dagegen entschieden, denn wir dürfen mit unserer Branche keine Ungleichheit produzieren. Genau das wirft man uns eigentlich vor.

Wie steht die neue Regierung dazu?
Wir haben erste Gespräche aufgenommen, und das Thema steht weiterhin ganz oben auf unserer Agenda. Das Drittstaatenverbot ist rein ideologisch. Es gibt keine rationalen Gründe dafür, diesen § 40 AufenthG aufrechtzuerhalten. Und wir werden in Deutschland die Produktionskapazität nicht ohne strukturierte Zuwanderung stemmen können. Wenn die Konjunktur wieder anläuft und auch das Infrastrukturpaket Bauprojekte hervorbringt, erhöht sich das Arbeits- und Fachkräfteproblem, das wir jetzt schon in einzelnen Bereichen sehen, um ein Vielfaches.

Bei der Zuwanderung stellt der Spracherwerb häufig ein Problem dar. Es gebe zu wenig Sprachlernangebote, beklagen viele Unternehmen. Selbst wenn das Verbot also aufgehoben wird, könnte es eine Weile dauern, bis diese Menschen in der Zeitarbeit hierzulande loslegen können, oder?
Das kriegen wir hin. Wir haben keinen Mangel an Menschen, die eine Sprachausbildung durchführen können, und die Digitalisierung hilft hierbei maßgeblich. Und da muss ich mal eine Lanze brechen für die Agentur für Arbeit. In den vergangenen Jahren haben wir bei den Ukraine-Geflüchteten gesehen, wie engagiert diese Behörde ist. Es wurden Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt für den Spracherwerb dieser Menschen, wirklich unglaublich. Da nenne ich Daniel Terzenbach als Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit gerne namentlich.

In unserem Round Table berichten Zeitarbeitsfirmen von einer mangelnden Kommunikation mit den Kunden. Aufträge würden so schnell zurückgezogen, wie sie reinkämen. Beobachten Sie das auch?
Die Kommunikation hat sich verändert. Aber eigentlich ist das nicht das Problem unserer Kunden, sondern unseres. Es zeigt, dass wir den Bedürfnissen unserer Kunden nicht mehr gerecht werden. Unplanbare Prozesse und Unsicherheiten in der Wertschöpfung machen es einem als Dienstleister natürlich schwer, und man wüsste gern so früh wie möglich von Veränderungen im Auftragsvolumen, aber manchmal können die Unternehmen das auch nicht früher artikulieren. Ein viel größeres Problem sehe ich bei der Preissetzung.

„Es geht um Arbeit, die von Menschen erbracht wird. Das kann man nicht einkaufen wie Stahl. Es zählt aktuell aber ausnahmslos der Preis.“

Inwiefern?
Der Markt steht unter einem enormen Preisdruck. Es gelingt derzeit nicht, den Kunden davon zu überzeugen, dass die Dienstleistung einen gewissen Wert hat. Die Unternehmen kaufen unsere Dienstleistung ein wie Vorgüter. Diese wollen sie wie an der Börse einkaufen, zum Tagespreis beziehungsweise zum günstigsten Kurs. Das ist nicht sinnvoll, zumal wir hier von Humankapazität sprechen. Es geht um Arbeit, die von Menschen erbracht wird. Das kann man nicht einkaufen wie Stahl. Es zählt aktuell aber ausnahmslos der Preis. Das ist gefährlich, denn das senkt die Qualität und schadet wiederum unserem Image.

Kommen wir zum Abschluss noch einmal zurück zur sinkenden Zahl der Zeitarbeitskräfte: Was werden Sie tun, um diesen Trend aufzuhalten?
Es gibt gewisse Dinge, die wir als Verband nicht ändern können. Die Regulatorik, beispielsweise die Höchstüberlassungsdauer, und auch die hohen Arbeitskosten verringern das Volumen an Arbeitsplätzen in der Zeitarbeit. Was wir aber ändern können, ist das Bild der Gesellschaft von der Zeitarbeit, damit wieder mehr Menschen in dieser Branche beziehungsweise in diesem Arbeitsmodell arbeiten wollen. Und da müssen wir selbstkritisch sagen, dass da noch einiges vor uns liegt. Es wird von vielen noch nicht als begehrenswertes Modell betrachtet.

Gesine Wagner betreut als Chefin vom Dienst Online die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft und ist als Redakteurin hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik. Sie ist weiterhin Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem verantwortet sie das CHRO Panel.