Unternehmen investieren mehr denn je in Recruiting, Employer Branding und Nachwuchsgewinnung. Gleichzeitig bleiben Zehntausende Ausbildungsplätze unbesetzt. Rund ein Viertel aller Ausbildungsverhältnisse wird vorzeitig beendet. Viele Jugendliche geben an, dass sie Schwierigkeiten haben, einen Beruf zu finden, der wirklich zu ihnen passt.
Diese Entwicklung wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Eigentlich müsste ein Markt, in den so viel Aufmerksamkeit, Budget und Technologie fließen, bessere Ergebnisse produzieren. Tatsächlich sehen manche jedoch das Gegenteil: Der Druck steigt auf beiden Seiten. Unternehmen suchen Nachwuchs. Junge Menschen suchen Orientierung. Dazwischen entsteht ein Problem, das sich zunehmend weder durch mehr Reichweite noch durch klassische Recruiting-Instrumente lösen lässt.
Seit 2023 kartografiert das Unternehmen, für das ich tätig bin, den deutschen Azubitech-Markt. Die ursprüngliche Idee war vergleichsweise einfach: Zu verstehen, welche Unternehmen digitale Lösungen für Ausbildung entwickeln und wie sich dieses Ökosystem verändert. Mittlerweile zeigt die Landscape ein Gesamtbild: Der Ausbildungsmarkt beginnt, sich technologisch neu zu organisieren.
Warum Recruiting allein den Fachkräftemangel im Ausbildungsmarkt nicht löst
Bis 2030 werden rund 6,5 Millionen Menschen den deutschen Arbeitsmarkt verlassen. Gleichzeitig bleiben bereits heute jedes Jahr rund 54.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Hinzu kommt eine Ausbildungsabbruchquote von etwa 25 Prozent. Für Unternehmen entsteht daraus eine Situation, die sich von klassischen Recruiting-Herausforderungen deutlich unterscheidet. Es geht längst nicht mehr nur darum, genügend Bewerbungen zu generieren, sondern darum, überhaupt ausreichend passende Nachwuchskräfte zu finden und sie anschließend erfolgreich durch die Ausbildung zu begleiten.
Genau an dieser Stelle wird Technologie relevant. Denn wenn Talente knapp werden, steigt der Wert jeder einzelnen erfolgreichen Entscheidung. Jede unbesetzte Stelle verursacht Kosten. Jeder Ausbildungsabbruch erzeugt zusätzlichen Aufwand. Jede Fehlentscheidung auf Unternehmens- oder Bewerberseite verschärft den Fachkräftemangel weiter.
Die zunehmende Technologisierung des Ausbildungsmarktes ist eine wirtschaftliche Reaktion auf ein strukturelles Problem.
Wie der Azubitech-Markt von 91 auf 194 Anbieter gewachsen ist
Die Entwicklung der AzubiTech-Landscape zeigt, wie stark sich der Markt in wenigen Jahren verändert hat. 2023 umfasste das Segment Employer Branding 17 Anbieter, Recruiting 43, Retention 20 und Administration 11 Unternehmen. Heute sind es 43 Employer-Branding-Anbieter, 94 Recruiting-Lösungen, 39 Retention-Player und 18 Unternehmen im Bereich Administration.
Neben dem Wachstum ist die Richtung dieser Entwicklung interessant. Während sich viele Anbieter zunächst auf Reichweite und Sichtbarkeit konzentrierten, entstehen inzwischen Lösungen entlang nahezu der gesamten Ausbildungsreise. Berufsorientierung, Matching, Bewerberkommunikation, Ausbildungsmarketing, Lernbegleitung, Ausbildungsqualität und Motivation werden zunehmend technologisch unterstützt.
Dahinter steht eine grundlegende Verschiebung im Marktverständnis. Ausbildung wird immer seltener als isolierte Recruiting-Aufgabe betrachtet. Stattdessen rückt die gesamte Journey in den Fokus – von der ersten Orientierung über die Bewerbung bis hin zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss. Das erklärt auch, warum neue Anbieter nicht mehr ausschließlich im Recruiting entstehen. Wachstum findet in allen Bereichen statt, die Einfluss auf die Qualität von Entscheidungen, die Passung zwischen Unternehmen und Nachwuchskräften sowie den langfristigen Ausbildungserfolg haben.
Damit wird eine Entwicklung sichtbar, die in vielen Unternehmen bereits begonnen hat: Fachkräftesicherung wird zunehmend als zusammenhängender Prozess verstanden und nicht mehr als einzelne Recruiting-Maßnahme.
Welche neuen Anforderungen an Azubi-Recruiting entstehen
Die größte Dynamik beobachten wir nach wie vor im Recruiting. Mit 94 Unternehmen ist Recruiting das größte Segment der Landscape. Gleichzeitig verändert sich der Markt inhaltlich stärker als jeder andere Bereich. Lange Zeit war die Logik vergleichsweise einfach: Wer mehr Reichweite erzeugte, erhielt mehr Bewerbungen. Entsprechend dominierten Jobbörsen, Stellenanzeigen und Traffic-Modelle den Markt.
Heute verschiebt sich die Fragestellung: Unternehmen fragen zunehmend nicht mehr, wie sie mehr Bewerbungen erhalten. Sie fragen, wie sie die richtigen Bewerbungen erhalten.
Das Resultat ist eine neue Generation von Lösungen, die Bewerberqualität, Matching, Conversion oder Cultural Fit in den Mittelpunkt stellen. Dahinter steckt eine einfache wirtschaftliche Logik: In einem Markt mit knappen Talenten wird jede Fehlentscheidung teuer.
Warum Ausbildungsmarketing zu einem Performance- und Vertrauenskanal wird
Parallel professionalisiert sich das Ausbildungsmarketing in bemerkenswerter Geschwindigkeit. Der Bereich Employer Branding ist innerhalb weniger Jahre von 17 auf 43 Anbieter gewachsen. Das zeigt, wie stark Unternehmen inzwischen um die Aufmerksamkeit junger Menschen konkurrieren.
Die Kanäle haben sich verändert. TikTok, Instagram, Creator-Formate, Kurzvideos und Performance-Marketing gehören inzwischen zum Standardrepertoire vieler Ausbildungsmarken.
Interessant ist die dahinterliegende Entwicklung. Unternehmen konkurrieren längst nicht mehr nur mit anderen Arbeitgebern, sondern mit allem Content, den junge Menschen täglich konsumieren. Aufmerksamkeit entsteht dadurch unter völlig anderen Bedingungen als noch vor wenigen Jahren.
Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an Inhalte. Allgemeine Arbeitgeberversprechen verlieren an Wirkung. Relevanter werden konkrete Einblicke, reale Erfahrungsberichte und nachvollziehbare Perspektiven. Das hängt auch mit den Erwartungen vieler junger Menschen zusammen. Der Azubi-Report 2025/26 zeigt, dass 75 Prozent der Auszubildenden einen sicheren Job als besonders wichtig ansehen und 70 Prozent Wert auf eine gute Work-Life-Balance legen. Gleichzeitig fällt es 44 Prozent schwer, sich vorzustellen, wie ihre Zukunft in einem Beruf konkret aussehen könnte. Orientierung, Sicherheit und Transparenz werden damit zu zentralen Faktoren der Berufsentscheidung.
Unternehmen konkurrieren damit nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern zunehmend auch um Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Wer Ausbildung ausschließlich über Image oder Karriereslogans kommuniziert, wird diesen Bedürfnissen immer seltener gerecht. Gefragt sind konkrete Einblicke in Aufgaben, Arbeitsalltag, Entwicklungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen.
Ausbildungsmarketing entwickelt sich dadurch zunehmend von einer Kommunikationsdisziplin zu einer Passungsdisziplin. Sichtbarkeit bleibt wichtig. Entscheidend wird jedoch, ob junge Menschen verstehen, wie ein Beruf tatsächlich aussieht und ob er zu ihren Erwartungen passt. Genau dort entstehen später stabile Entscheidungen oder eben Ausbildungsabbrüche.
Warum hohe Ausbildungsabbruchquoten einen eigenen Retention-Markt entstehen lassen
Lange galt Ausbildungserfolg vor allem als pädagogische oder operative Aufgabe. Heute entwickelt sich Retention zu einem eigenständigen Technologiefeld. Die Zahl der Anbieter hat sich von 20 auf 39 nahezu verdoppelt. Das ist kein Zufall. Unternehmen erkennen zunehmend, dass die eigentliche Herausforderung nicht mit der Einstellung endet. Wer Auszubildende gewinnt, sie aber nicht erfolgreich durch die Ausbildung begleitet, hat das Fachkräfteproblem nicht gelöst. In einem Markt, in dem Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben und Talente knapp werden, steigt der Wert jeder erfolgreichen Ausbildung.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Diskussion über Ausbildungsabbrüche verändert sich. Lange wurden Abbrüche vor allem als individuelles Problem betrachtet. Heute rückt stärker in den Fokus, welche strukturellen Ursachen dahinterstehen. Fehlende Orientierung, unrealistische Erwartungen, mangelnde Begleitung oder fehlendes Feedback spielen dabei häufig eine größere Rolle als mangelnde Motivation.
Genau an dieser Stelle entstehen neue Lösungen. Sie beschäftigen sich mit Lernerfolg, Motivation, Ausbildungsqualität, Feedback-Prozessen, Kommunikation oder digitaler Begleitung während der Ausbildung. Das Ziel ist zum einen eine effizientere Betreuung, zum anderen, Risiken früher sichtbar zu machen und Ausbildungserfolg aktiv zu unterstützen. Ausbildung wird damit stärker entlang des gesamten Lebenszyklus betrachtet. Eine Entwicklung, die in anderen Branchen bereits deutlich früher eingesetzt hat und nun auch den Ausbildungsmarkt erreicht.
Wie digitale Administration zur strategischen Ausbildungsinfrastruktur wird
Im Bereich Administration lässt sich ein Muster beobachten, das viele junge Technologiemärkte durchlaufen: Je professioneller ein Markt wird, desto wichtiger werden die zugrunde liegenden Prozesse.
Mit steigender Komplexität wächst der Bedarf an digitalen Workflows, integrierten Systemen und automatisierten Abläufen. Unternehmen verwalten größere Mengen an Informationen, dokumentieren Lernfortschritte, koordinieren Ausbilder:innen, Berufsschulen und interne Ansprechpartner:innen und müssen gleichzeitig regulatorische Anforderungen erfüllen.
Was früher oft über Excel-Listen, E-Mails und manuelle Prozesse organisiert wurde, stößt zunehmend an Grenzen. Besonders größere Ausbildungsprogramme benötigen Transparenz über den gesamten Prozess hinweg. Wer Ausbildungsqualität systematisch steuern möchte, braucht belastbare Daten und effiziente Prozesse, kurz gesagt: ein solides Fundament. Administration entwickelt sich somit schrittweise von einer reinen Verwaltungsaufgabe zu einer strategischen Infrastruktur. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass Recruiting, Ausbildung und Retention überhaupt skalierbar werden.
Wann und wie konsolidiert der AzubiTech-Markt?
Mit dem Wachstum stellt sich zwangsläufig eine weitere Frage: Entsteht aus den vielen spezialisierten Lösungen irgendwann eine Plattformökonomie?
Aktuell sehen wir diese Entwicklung noch nicht in großem Umfang. Der Markt wächst derzeit stärker in die Breite als in die Tiefe. Neue Anbieter entstehen schneller, als bestehende Anbieter zusammenwachsen. Trotzdem spricht vieles dafür, dass Konsolidierung langfristig ein relevantes Thema wird. Unternehmen kaufen selten isolierte Lösungen ein. Sie denken Recruiting, Employer Branding, Orientierung, Retention und Administration zunehmend gemeinsam. Entsprechend attraktiv werden Anbieter sein, die mehrere dieser Bereiche miteinander verbinden können.
Was der Wandel zum Ausbildungs-Technologiemarkt für Unternehmen bedeutet
Die AzubiTech-Landscape zeigt vor allem eines: Ausbildung verändert sich strukturell. Was lange als Teilbereich von HR betrachtet wurde, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem eigenständigen Technologie- und Datenmarkt. Die Zahl der Anbieter wächst. Die Lösungen werden spezialisierter. Und die Probleme, die sie adressieren, werden wirtschaftlich relevanter. Unternehmen müssen künftig nicht nur Sichtbarkeit erzeugen. Sie müssen Orientierung ermöglichen, Passung verbessern, Ausbildungserfolg sichern und Talente langfristig binden.
Diese Entwicklung verändert auch die Rolle digitaler Plattformen. Lange bestand ihre Aufgabe vor allem darin, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Reichweite war der entscheidende Erfolgsfaktor. Diese Logik bleibt wichtig, reicht aber immer seltener aus. Wenn Berufsentscheidungen komplexer werden und Talente knapper sind, rückt eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie entstehen eigentlich gute Entscheidungen?
Auch Plattformen wie Ausbildung.de befinden sich heute mitten in dieser Transformation. Sie verbinden Berufsorientierung mit Recruiting, begleiten den Weg bis zur Bewerbung und bilden täglich ab, wie Angebot und Nachfrage tatsächlich zusammenfinden. Dadurch beobachten wir die Veränderungen nicht nur, sondern sind selbst Teil dieser Entwicklung.
Für uns ergeben sich daraus exemplarisch vier Aufgaben.
- Auf der Seite der jungen Menschen geht es zunächst darum, Orientierung zu schaffen. Wer heute vor der Berufswahl steht, braucht nicht noch mehr Informationen, sondern Sicherheit in einer komplexen Entscheidung. Deshalb müssen wir Berufsorientierung zunehmend als individuelle Entscheidungsbegleitung verstehen, vom ersten Nachdenken über mögliche Berufe bis hin zur Bewerbung. Gleichzeitig geht es darum, den Zugang zum gesamten Ausbildungsmarkt zu ermöglichen.
- Junge Menschen sollen den gesamten Ausbildungsmarkt entdecken können, ohne sich in Tausenden Stellenangeboten zu verlieren. KI und Personalisierung können dabei helfen, aus einer großen Auswahl diejenigen Optionen sichtbar zu machen, die tatsächlich zur jeweiligen Person passen.
- Auf der Unternehmensseite gewinnen Marktplatz- und Entscheidungsdaten strategisch an Bedeutung. Mit mehreren Millionen Nutzer:innen, über 100.000 Ausbildungsstellen sowie den täglich entstehenden Such-, Klick- und Bewerbungsdaten auf Ausbildung.de lässt sich der Ausbildungsmarkt besser verstehen. Es geht immer weniger um Annahmen über die Generation Z und immer stärker um belastbare Erkenntnisse darüber, wie junge Menschen tatsächlich suchen, vergleichen und Entscheidungen treffen.
- Gleichzeitig rückt Passung in den Mittelpunkt. Reichweite bleibt die Voraussetzung, entscheidet aber immer seltener über den Erfolg. Entscheidend wird, ob Unternehmen die richtigen Bewerber:innen erreichen und junge Menschen eine Ausbildung finden, die langfristig zu ihnen passt. Technologien wie unsere Berufsorientierungs-KI Abby fungieren deshalb nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug, um individuelle Entscheidungsprozesse besser zu begleiten und Passung datenbasiert zu verbessern.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus der diesjährigen Landscape: Ausbildung wird nicht einfach digitaler. Sie entwickelt sich zu einem Markt, in dem Daten, Technologie und menschliche Orientierung zusammenwirken müssen, damit junge Menschen und Unternehmen besser zusammenfinden.
Info
Kurzprofil des Autors
Felix von Zittwitz ist CEO von Ausbildung.de und Vice President des Young Talent Verticals bei EMBRACE. Als strategischer Denker mit Haltung steht er für eine neue Perspektive auf Ausbildung als Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit Ausbildung.de gestaltet er die Transformation des Ausbildungsmarktes aktiv mit: Vom Jobboard zum digitalen, datengetriebenen Ökosystem, das die richtige Passung zwischen Talenten und Unternehmen findet – und damit Orientierung schafft, Chancen eröffnet und soziale Teilhabe stärkt. In einem Markt, der sich neu sortiert: zwischen Fachkräftemangel, KI und dem Ringen um Zukunftsfähigkeit.
