Ein klassisches Dilemma kennzeichnet unsere Arbeitswelt: Einerseits werden Entscheidungszyklen immer kürzer, Informationen immer mehr, Ablenkungen und Input aller Art verlangen permanente Aufmerksamkeit. Andererseits erfordert die hohe Veränderungsgeschwindigkeit kontinuierliches Lernen aller Beteiligten. Dafür aber sind kognitive Ressourcen erforderlich, die in dem skizzierten Dauerstress Mangelware sind.
In dem White Paper „The Human Mind in Learning“ vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) verknüpfen Nektaria Tagalidou und Mathias Vukelić aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie, Kognitions- und Neurowissenschaft, um zu zeigen, wie betriebliche Weiterbildung wirksam gestaltet werden kann.
Was die Forschung zeigt
Drei Befunde sind für Lernverantwortliche besonders relevant:
- Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis sind begrenzte Ressourcen. Bereits die bloße Anwesenheit eines Smartphones reduziert messbar die
kognitive Leistung. Multitasking ist neurobiologisch nicht möglich – das Gehirn wechselt nur schnell zwischen Aufgaben, was Fehler erhöht und schneller ermüdet. - Vergessen ist der Normalzustand. Ohne gezielte Wiederholung sind schon nach einem Tag häufig weniger als 30 Prozent des Gelernten abrufbar. Einmalige Schulungen ohne Nachfassen entfalten damit nur begrenzte Wirkung.
- Das weit verbreitete Konzept der „Lerntypen“ ist empirisch widerlegt. Die relevante Frage lautet nicht „Welcher Typ bin ich?“, sondern „Welche Strategie hilft mir in der fraglichen Situation?“
Das Paper formuliert Handlungsoptionen, einige davon kurzfristig und ohne oder mit nur geringem technischem Aufwand umsetzbar, und andere, die (technisch) eher Zukunftsmusik sind.
Was HR daraus ableiten sollte
- Fokuszeiten schützen: Verbindliche Lernfenster einrichten, in denen Benachrichtigungen deaktiviert sind.
- Verteiltes Lernen statt Intensivschulungen: Kurze, zeitlich gestaffelte Einheiten mit wachsenden Wiederholungsabständen sind wirksamer.
- Aktiven Abruf fördern: Selbsttests und Anwendungsaufgaben sind effektiver als passiver Konsum.
- Selbstwirksamkeit stärken: Komplexe Qualifizierungen in bewältigbare Schritte zerlegen, Fortschritt sichtbar machen, Feedback auf Anstrengung statt auf Begabung richten.
- Autonomie ermöglichen: Intrinsische Motivation – der stärkste Treiber nachhaltigen Lernens – wächst, wenn Mitarbeitende Tempo, Format und Thema mitbestimmen können.
Für die fernere Zukunft skizziert das Paper neuroadaptive Systeme, die kognitive Zustände in Echtzeit erkennen und Lerninhalte automatisch anpassen. Doch Technologie, so schreiben die Fraunhofer-Experten, sei Mittel, nicht Zweck.
Datenschutz, Freiwilligkeit und die klare Trennung von Lernunterstützung und Leistungsbewertung seien unverhandelbare Voraussetzungen. Der wirkungsvollste Startpunkt bleibe menschzentriert – und brauche keine einzige neue Plattform.
Info
Kurzkommentar: Handy weg. Weit weg!
Wo befindet sich Ihr Smartphone, während Sie diesen Text lesen? In der Hosentasche oder vor Ihrer Nase auf dem Schreibtisch? Oder vielleicht im Schließfach auf dem Flur?
Warum die Frage? Schon die physische Nähe des Smartphones bindet kognitive Ressourcen. Selbst wenn es gar nicht benutzt wird, hat es einen negativen Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit. Konzentration aber ist ein wesentlicher Faktor, damit der biologische Vorgang des Lernens gelingen kann, heißt es in dem Fraunhofer-Paper „The Human Mind in Learning“. Das zählt natürlich auch für Aus- und Weiterbildung. Und nicht nur das Smartphone ist ein Konzentrationskiller – unsere ganze Arbeitswelt mit ihrer permanenten Reizüberflutung und der Gleichzeitigkeit zahlreicher Anforderungen ist als Lernumgebung schlecht geeignet.
Lernverantwortliche sollten solche Erkenntnisse nutzen. Sie können beispielsweise Zeitblöcke etablieren, die für unterbrechungsfreies Lernen geblockt sind und sich an die individuellen mentalen Hochphasen anpassen. Und es sollten – wenn möglich – handyfreie Pausen und Zonen etabliert werden, um konzentriertes Lernen und Arbeiten zu ermöglichen.
Das übrigens gilt auch für HRler im Allgemeinen und Lernverantwortliche im Besonderen. Seien Sie Vorbild: Legen Sie das Smartphone auch mal weg – weit weg!
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

