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Arbeitsschutz an heißen Tagen: Gibt es Hitzefrei im Büro?

Herr Dr. Block, es soll in den nächsten Tagen wieder deutlich wärmer werden. Welche Vorkehrungen muss der Arbeitgeber gegen Hitze am Arbeitsplatz treffen? Gibt es möglicherweise sogar einen Anspruch auf “Hitzefrei”?
Thomas Block: Nein, es gibt kein Recht auf “Hitzefrei”. Der Gesetzgeber formuliert blumig: Es müsse eine “gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur bestehen”. Nach der Arbeitsstättenrichtlinienverordnung gilt zur Konkretisierung ein abgestuftes System.

Was sind das für Stufen?
Neben Sonnenschutz, der immer zu gewährleisten ist, hat ein Arbeitgeber bei Raumtemperaturen über 26 Grad Celsius zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter zu ergreifen. Dazu zählen unter anderem Lüftung in den Morgenstunden, Nutzung von Gleitzeitregelungen zur Arbeitszeitverlagerung, Lockerung von Bekleidungsregelungen sowie die Bereitstellung geeigneter Getränke. Ab 30 Grad Celsius müssen wirksame Maßnahmen gemäß einer Gefährdungsbeurteilung getroffen werden. Ab 35 Grad Celsius gilt ein Raum nicht mehr als geeigneter Arbeitsraum, es sei denn, es werden technische, organisatorische oder persönliche Schutzmaßnahmen ergriffen.

Wie können diese aussehen?
Das können zum Beispiel Luftduschen und Wasserschleier sein.

Muss der Arbeitgeber sonst noch etwas beachten?
Ja, es ist zu analysieren, ob konkrete individuelle Gefährdungslagen bestehen. Insbesondere bei Schwangeren, Jugendlichen, ältere Mitarbeiter, gesundheitlich Vorbelasteten und schwer körperlich Arbeitenden. Grundlage arbeitsschutzrechtlicher Maßnahmen sollte immer eine Gefährdungsbeurteilung sein. Auf Basis dieser lassen sich etwaige Hotspots systematisch lokalisieren und individuelle Gefährdungen identifizieren. Gesetzlich verpflichtend sind sie auch.

Wie genau können Arbeitgeber beim Planen arbeitsschutzrechtlicher Maßnahmen vorgehen?
Arbeitgeber sollten Arbeitsschutzkonzepte auf Basis fachkundig durchgeführter Gefährdungsbeurteilungen entwickeln. Am besten gemeinsam mit ihren Betriebsräten und/oder einer Fachkraft für den Arbeitsschutz. Alle Maßnahmen zum Arbeitsschutz sind zu dokumentieren, festgestellte Mängel sind unverzüglich zu beseitigen. Gegebenenfalls müssen Mitarbeiter geschult werden. Gute Empfehlungen sowie Muster für erforderliche Dokumentationen erhalten sie bei den Berufsgenossenschaften. Sie sind in der Regel frei zugänglich. Auch psychische Belastungen sollten im Rahmen der Gefährdungsbeurteilungen nicht vergessen werden. Denn hierauf achten Aufsichtsbehörden immer.

Momentan sind immer noch viele Arbeitnehmer im Homeoffice. Was gilt dort?
Zunächst ist zu unterscheiden zwischen einem vom Arbeitgeber eingerichteten Homeoffice-Platz und der mobilen Arbeit. Beim Homeoffice wird die Arbeitsleistung an einem fest eingerichteten Arbeitsplatz außerhalb des Betriebs, typischerweise in den eigenen vier Wänden, erbracht. Der Arbeitgeber hat die Beschäftigten im Arbeitsschutz zu unterweisen und eine Begutachtung des häuslichen Arbeitsplatzes vorzunehmen. Vor allem sind die allgemeinen Anforderungen an Bildschirmarbeitsplätze nach der Arbeitsstättenverordnung einzuhalten. Die Vorgaben zur Raumtemperatur gelten nicht und obliegen der Verantwortung des jeweiligen Mitarbeiters im Homeoffice. Hier greift die gesetzliche Unfallversicherung nur, wenn es sich um einen Arbeitsunfall handelt. Die mobile Arbeit kann von überall erfolgen. Die Arbeitsstättenverordnung findet da keine Anwendung.

Haben Menschen bei Hitze in Dachgeschosswohnungen ein Vorrecht, wenn es um die Rückkehr ins Büro geht?
Weil der Arbeitgeber nicht für die Temperaturen im Homeoffice verantwortlich ist, ergibt sich keine Pflicht, Mitarbeitern in Dachgeschosswohnungen ein Vorrecht aufs Büro zu gewähren. Dennoch bleibt die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers bestehen. Jeder Einzelfall ist abzuwägen. Deshalb sollte ein Arbeitsschutzkonzept Regeln für die Bürobelegung vorsehen. Spätestens hier kommt der Betriebsrat ins Spiel: Denn im Bereich des Gesundheitsschutzes muss dieser nach dem Betriebsverfassungsgesetz mitbestimmen. Davon abgesehen fällt es beiden Betriebspartnern gemeinsam in der Regel leichter, ein angemessenes Konzept aufzustellen, das auch persönliche Umstände der Mitarbeiter berücksichtigt und von der Belegschaft akzeptiert wird.

Was ist, wenn sich ein Arbeitnehmer vom Arbeitsplatz entfernt und sich auf die Nichteinhaltung des Arbeitsschutzes beruft?
Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf die Einhaltung von Gesetzen – Arbeitgeber aber auch. Theoretisch hat ein Arbeitnehmer daher ein Leistungsverweigerungsrecht, wenn der Arbeitgeber sich nicht an Gesetze hält. Entfernt er sich aber unberechtigt vom Arbeitsplatz, kann die (außerordentlich fristlose) Kündigung wegen Arbeitsverweigerung drohen. Insbesondere wenn der Arbeitgeber nach Ansicht eines Gerichts ausreichend Schutzmaßnahmen ergriffen hatte. Außerdem wird es hierzulande nur selten Temperaturen jenseits der 35 Grad Celsius im Innenraum für mehrere Tage geben. Folglich wäre ein Fernbleiben eher als treuwidrig zu qualifizieren.

Neben einem drohenden Bußgeld kommen Schadens- oder Schmerzensgeldansprüche der Arbeitnehmer in Betracht, wenn Arbeitgeber den Arbeitsschutz nicht hinreichend beachten.

Können Arbeitgeber bei Verstößen anderweitig belangt werden?
Neben einem drohenden Bußgeld kommen Schadens- oder Schmerzensgeldansprüche der Arbeitnehmer in Betracht, wenn Arbeitgeber den Arbeitsschutz nicht hinreichend beachten.

Gibt es denn Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen? Werden etwa Blue-Collar- und White-Collar-Worker unterschiedlich behandelt?
Die Arbeitsstättenverordnung unterscheidet nicht zwischen Tätigkeiten, sondern nur zwischen Arbeitsstätten. Der Anwendungsbereich der Verordnung ist jedoch recht weit gefasst. Nur wenige Bereiche sind ausgeschlossen. Das Reisegewerbe beispielsweise, ebenfalls der Marktverkehr oder Transportmittel im öffentlichen Verkehr. Ansonsten gelten die Regelungen zur Raumtemperatur für Produktionsstätten gleichermaßen wie für Büroräume. In machen Produktionsbetrieben oder auf Baustellen werden Temperaturen über 35 Grad schneller erreicht als in klimatisierten Bürogebäuden. Dies muss der Arbeitgeber im Blick behalten und darauf achten, dass Mitarbeiter keine gesundheitlichen Schäden erleiden.

(Der Beitrag wurde erstmals am 22. Juli 2021 veröffentlicht und zuletzt am 15. Juli 2022 überprüft und aktualisiert.)

Ist Redakteur der Personalwirtschaft und kümmert sich außerdem um die crossmediale Verbreitung der Inhalte. Seine Themenschwerpunkte sind Employer Branding, HR-Software sowie Betriebliches Gesundheitsmanagement.