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Grundeinkommen: Eine Herausforderung für Personaler

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde Arbeitgeber in Sachen Anziehungskraft vor besondere Herausforderungen stellen; Bild: cherezoff/Fotolia.de
Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde Arbeitgeber in Sachen Anziehungskraft vor besondere Herausforderungen stellen; Bild: cherezoff/Fotolia.de

Zahlreiche Studien belegen es: Geld ist für viele Mitarbeiter, insbesondere für gut qualifizierte Fachkräfte, längst nicht mehr der alleinige Grund, arbeiten zu gehen. Die Digitalisierung der Arbeitswelt und die demografische Entwicklung zwingen Personalverantwortliche und Führungskräfte schon heute, ein Umfeld zu schaffen, in denen sich Arbeitnehmer wohlfühlen. Nicht nur aus purer Menschenliebe, sondern auch aus ureigenem Interesse.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) würde diesen Druck in Sachen Arbeitgeberattraktivität verstärken. Ein angemessener Lohn bliebe zwar auch nach Einführung eines BGE ein Argument, um Mitarbeiter anzuziehen; doch der Wettbewerb um Mitarbeiter würde noch größer, und manch ein Unternehmen müsste seine Kultur deutlich verändern. Das dürfte vor allem für Tätigkeiten gelten, die gemeinhin als wenig attraktiv gelten, kurz: die kaum einer machen will. Sie würden automatisch höher entlohnt werden. Gleichzeitig würde die Möglichkeit geschaffen, sinnstiftende oder persönlich erfüllende Arbeit anzunehmen, die bisher aufgrund schlechter Bezahlung keine Alternative war.

Mehr Druck für Arbeitgeber

So oder so: Ziemlich sicher scheint, dass Arbeitgeber mit dem BGE an Macht einbüßen würden und mit größerer Unsicherheit leben müssten. Wer nicht mehr auf Gedeih und Verderb auf seinen Job angewiesen ist, kann sich eher erlauben, mit seinem Chef auf Konfrontationskurs zu gehen oder seinen Job gleich ganz an den Nagel zu hängen.

Während der Druck auf Seiten der Arbeitgeber also zunähme, würde er bei den Mitarbeitern sinken – ein Effekt, von dem aber beide Seiten profitieren könnten. Die Gesundheitsreports der Krankenkassen sprechen eine deutliche Sprache: Von hohen Fehlzeiten aufgrund von psychischen Störungen ist etwa im aktuellen Bericht der TK die Rede. Stress und Arbeitsverdichtung können auch zu körperlichen Beeinträchtigungen führen. Die psychischen Erkrankungen fallen für Arbeitgeber aber besonders ins Gewicht, da es meist lange dauert, bis sie auskuriert sind.

Überhaupt, die Psyche. Sie kann auch bei der Positionierung von Arbeitgebermarken eine wichtige Rolle spielen, um Menschen trotz BGE für eine Tätigkeit im Unternehmen zu motivieren.

Die Arbeitslosigkeitsforschung zeigt, dass in dieser Situation auch andere wichtige Funktionen verloren gehen, wie etwa soziale Kontakte, eine Zeitstruktur oder das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun,

berichtet Professor Dr. Sandra Ohly, Leiterin des Fachgebiets Wirtschaftspsychologie an der Universität Kassel. Arbeitgeber seien gut beraten, Bedingungen zu schaffen, die diese Bedürfnisse bei der Arbeit befriedigen.

Administrative Entlastungen willkommen

Für Unternehmen – und ihre Personalabteilungen – würden sich mit dem BGE weitere Fragen stellen. Ein Beispiel: In einer Broschüre des Bundesarbeitsministeriums zum Kündigungsschutz heißt es, dass Arbeitnehmer wirtschaftlich und im Rahmen des Arbeitsvertrags auch persönlich vom Arbeitgeber abhängig sind und daher den Schutz des Arbeitsrechts benötigen. Das Argument ist mit einem BGE zwar nicht vollkommen hinfällig. Trotzdem könnte sich ohne diese Abhängigkeit der Schwerpunkt vom umfassenden Schutz des Arbeitnehmers auf die Gewährung von mehr Freiheiten für beide Parteien verlagern.

Ganz wichtig sei, dass sich die Arbeitskosten nicht verteuern dürften, betont Christian Vetter, Präsidiumsmitglied des Bundesverbands der Personalmanager und Leiter Arbeits- und Sozialrecht bei Dow Deutschland Inc. Das könnte beispielsweise bei einem hohen BGE der Fall sein, weil dann die Anreize noch höher sein müssten, “um die Menschen vom Sofa zu holen”. Administrative Entlastungen seien den Arbeitgebern dagegen mehr als willkommen – etwa durch den Wegfall der Sozialversicherungsbeiträge oder die Abschaffung von “zig Meldeverpflichtungen”, unter denen viele Unternehmen ächzen.

Neue gesellschaftliche Herausforderungen?

Was die möglichen Veränderungen in der Belegschaft für die Arbeitgeber bedeuten könnten, ist schwieriger zu prognostizieren. Jedoch dürfte es weniger Arbeitnehmer geben, die innerlich bereits gekündigt haben. Die Arbeitswelt könnte innovativer werden, mutmaßt Vetter. Ob das auch für die Bevölkerung insgesamt gilt, ist fraglich. Derzeit gebe es motivierte Beschäftigte, nicht motivierte Beschäftigte sowie Arbeitslose. Mit einem BGE würde die Mitte weitgehend wegfallen und sich auf die anderen beiden Gruppen verteilen:

Das würde zu neuen gesellschaftlichen Herausforderungen führen,

ist sich Vetter sicher.

Dass die Arbeitskräfte noch knapper werden, als sie es ohnehin schon sind, ist möglich, aber nicht sicher. Wie Luke Haywood vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung herausstellt, könnte man es sich mit dem BGE vielleicht leisten, zu Hause zu bleiben. Es gebe jedoch einen gesteigerten Anreiz für Arbeitslose: Für Empfänger von Sozialleistungen lohne sich die Aufnahme von Arbeit heute unter Umständen kaum, da sie diese weitgehend abgeben müssen. Das BGE dagegen wird in voller Höhe zusätzlich zum Lohn gezahlt.

Ein Anfang im Kleinen

Das BGE ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Dass ausgerechnet Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas die Idee umsetzt, ist kurz- bis mittelfristig kaum vorstellbar, zumal praktische Erfahrungen weitgehend fehlen. Ein privates Projekt will das in kleinem Rahmen ändern: “Mein Grundeinkommen” sammelt via Crowdfunding Geld und schüttet es in Verlosungen an Menschen aus, die ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von monatlich 1.000 Euro ohne Gegenleistung erhalten. Mehr als 40.000 Menschen haben bereits für das Projekt gespendet und damit 43 solcher Grundeinkommen finanziert.

Dies war der dritte und letzte Teil unserer Serie “Bedingungsloses Grundeinkommen: Was wäre, wenn?” Kennen Sie schon die ersten beiden Teile? Falls nein, lesen Sie sie > hier.

Autor:
David Schahinian, freier Journalist

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