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Vier-Tage-Woche: „Wie Leute ihre Arbeit sehen, hat sich verändert“

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Die Debatte um die Vier-Tage-Woche hat jüngst wieder an Fahrt gewonnen. In der Politik-Talkshow bei Markus Lanz hatte Katharina Stolla, Co-Bundessprecherin der Grünen Jugend, gesagt: „Wir müssen eine Arbeitswelt schaffen, in der man nicht krank wird, in der man nicht kaputtgeht.“ Die Vier-Tage-Woche sei eine Lösung, um genau dies zu tun. „Sie hat in ganz vielen Studien und Modellbeispielen gezeigt, dass das eben funktioniert.“

Eine Aussage, die Kritik auf sich zog. Wer soll das denn bezahlen? Und warum ist Arbeit etwas Böses, das uns kaputt macht? Die erste Frage stellte Moderator Markus Lanz Stolla mehrmals. Die blieb ihm eine Antwort schuldig. Die zweite Frage stellte die Unternehmerin Tijen Onaran via Linkedin. „Warum lese und höre ich zunehmend, dass Arbeit nur noch schlimm, schlecht und doof ist? Warum lese ich immer weniger von Arbeit als Motivation, als Aufstieg als Teil einer Selbstverwirklichung?“, fragt Onaran.

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Doch ist Stollas Aussage wirklich aus der Luft gegriffen? Eine kurze Analyse zeigt: Studien, die zeigen, dass die Vier-Tage-Woche funktionieren kann und sich dann positiv auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden auswirkt, gibt es zahlreiche. Vor Kurzem veröffentlichte die Initiative Global 4 Day Week in Kooperation mit verschiedenen Universitäten in Großbritannien, Irland und den USA Ergebnisse ihres anhaltenden Vier-Tage-Woche-Projekts.

Im Herbst 2022 hatten 61 britische Unternehmen im Vereinigten Königreich für ein halbes Jahr die Vier-Tage-Woche getestet. Rund ein Jahr nach Ende des Pilotprojekts wird das Arbeitszeitmodell in der Mehrheit der Unternehmen weiterhin angewendet und positive Effekte davon können wie auch schon direkt nach der Testphase immer noch festgestellt werden.

Wohlbefinden und Arbeitgeberattraktivität profitieren

Von 61 Unternehmen, die am Pilottest teilnahmen, nutzen 54 weiterhin die Vier-Tage-Woche. 31 von ihnen haben angekündigt, ihre Mitarbeitenden dauerhaft vier Tage die Woche arbeiten zu lassen. Wohlergehen und Mitarbeiterbindung sind weiterhin besser als vor der Einführung des Arbeitszeitmodells. Alle befragten Führungskräfte der teilnehmenden Unternehmen berichten, dass die Vier-Tage-Woche einen (sehr) positiven Einfluss auf das Unternehmen hat. So verbessere sie das Wohlbefinden der Beschäftigten (82 Prozent), verringere die Fluktuationsrate (50 Prozent) und erhöhe die Arbeitgeberattraktivität im Recruiting (32 Prozent). Zudem sorge die verkürzte Arbeitszeit dafür, dass Mitarbeitende effizienter arbeiten und sich die Produktivität erhöhe (46 Prozent).

Aus Mitarbeitersicht wirkt sich die Vier-Tage-Woche vor allem positiv auf die Gesundheit aus, aber auch auf die Weise, wie man seinem Job gegenübersteht. „Es hat sich verändert, wie Leute ihre Arbeit sehen“, sagt ein Mitarbeiter der teilnehmenden Unternehmen. „Es fühlt sich nicht mehr so negativ an, zur Arbeit zu kommen, und die Extra-Zeit, die wir durch die Vier-Tage-Woche gewinnen, ist gefüllt mit Freude, Familie und Freunden.“

Woran die Vier-Tage-Woche scheitern könnte

Trotz der positiven Ergebnisse hat nicht jedes Unternehmen an der Vier-Tage-Woche festgehalten. Das impliziert: Das Arbeitszeitmodell funktioniert nicht überall. Eine kleine Beratungsagentur mit etwas mehr als zehn Mitarbeitenden hatte beispielsweise die Vier-Tage-Woche aufgegeben, weil diese nicht mit den Erwartungen der Kunden und Stakeholder zusammenpasse. Das Umfeld sei noch nicht an reduzierte Arbeitszeiten angepasst, so der Eindruck von Unternehmensvertreterinnen und -vertretern.

Eine Pflegeeinrichtung mit mehr als 1.000 Beschäftigten, ist zwar bei der Vier-Tage-Woche geblieben, berichtete den Studienverantwortlichen aber auch von Herausforderungen bei der Einführung und Umsetzung des Arbeitsmodells. Dort gebe es sehr unterschiedliche Geschäftseinheiten, die andere Voraussetzungen haben, bei denen eine Vier-Tage-Woche nicht immer gleich gut funktioniert. Deshalb hatte sich das Unternehmen auch dazu entschieden, jedes Team für sich nach getaner Arbeit entscheiden zu lassen, wann ein zusätzlicher freier Tag in der Woche genommen werden kann. „Es ist ein Privileg, keine Pflicht“, nennen die Studienverantwortlichen dieses Modell. Das wiederum erschwerte es , ein einheitliches Verständnis der Vier-Tage-Woche zu schaffen. „Manche Teams haben effektiv eine Kultur der Vier-Tage-Woche kreiert und jede Woche den freien Tag genommen, während andere Arbeitsverpflichtungen Priorität gegeben haben und auch an freien Tagen noch auf Bereitschaft abrufbar waren“, so die Studienverantwortlichen. Diese Uneinheitlichkeit führte im besagten Unternehmen zu Groll gegenüber den Mitarbeitenden, die wirklich mehr frei hatten.

Wie sich die Vier-Tage-Woche auf die Unternehmen in Deutschland und deren Wirtschaften auswirkt, testen seit Februar 2024 45 Arbeitgeber. Bis es zum Experiment Ergebnisse gibt, wird es noch etwas dauern.

Die Frage nach dem Geld und den fehlenden Arbeitskräften

Worauf auch die Studienergebnisse keinen Hinweis geben, ist die Frage, wer das bezahlen soll. Denn Arbeitgeber erhalten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch die Vier-Tage-Woche weniger geleistete Stunden für dasselbe Gehalt. Diese Rechnung geht gerade in Zeiten des Fachkräftemangels nicht auf, sagte Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability der Hochschule Ludwigshafen, bereits bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Deutschen Personalwirtschaftspreises 2023. Das würde sich auch durch eine Produktivitätssteigerung nicht ändern.

Dass die Arbeitszeitreduzierung die Arbeitgeber mehr Geld kosten könnte, darüber war sich auch der spanische Staat bewusst. Im Herbst 2023 startete in Spanien einen Pilottest der Vier-Tage-Woche, der mindestens ein Jahr lang andauern soll. Teilnehmende Unternehmen erhalten dafür eine Entschädigung. Insgesamt will der Staat 9,6 Milliarden Euro investieren. Und das „nur“ für eine Testphase, die nur für ein Jahr lang andauert und an der nicht alle Unternehmen im Land teilnehmen.

Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch Themen aus den Bereichen Recruiting, Employer Branding und Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit.