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Konstruktiv positiv: Wie HR Optimismus im Unternehmen trainieren kann

Fielen einst drei unterschiedliche Frösche in einen Sahnebottich, ein Pessimist, ein hoffnungsvoller und ein zuversichtlicher. Der Pessimist sagte sich: „Hat ja eh keinen Sinn, wie soll ich da je rauskommen“ – und soff nach kurzer Zeit ab. Der hoffnungsvolle Frosch pfiff „Don’t worry, be happy“, legte sich auf den Rücken, irgendwer werde ihn schon herausholen aus dem Sahnebottich, hoffte und dachte er – und versank ebenfalls. Der zuversichtliche Frosch aber sagte sich: „Mist, jetzt bin ich in den Sahnebottich gefallen. Ich will da raus. Ich habe starke Beinchen, jetzt versuche ich mal an den Rand zu schwimmen.“ Strampelte und strampelte, und wie er so mit seinen Beinchen den Sahnebottich umquirlte, wurde die Sahne plötzlich fest und steif – und irgendwann konnte er bequem aus dem Bottich heraushüpfen.

Ein Ziel vor Augen

Denn genau das macht Zuversicht und Optimismus aus: ein Ziel vor Augen haben. Wege zu diesem Ziel sehen. Und an die eigene Kraft glauben, diese Wege auch gehen zu können, trotz möglicher Steine und Hindernisse.

Die Corona-Pandemie, mit all ihren Unwägbarkeiten, ihren Umbrüchen, die sie von uns abverlangt. Der Klimawandel, der mit Hochwasser hier und Bränden dort seine Muskeln spielen lässt. Die Taliban, die jetzt wieder in Afghanistan das Sagen haben: In diesen Zeiten ist Optimismus manchmal ein knappes Gut. Es könnte so verlockend sein, wie der pessimistische Frosch alle Hoffnung fahren zu lassen und aufzugeben. 

Doch Zuversicht lässt sich trainieren, wie ein Muskel. Und sie lohnt sich. Denn Menschen, die ein optimistisches Bild von der Zukunft haben:

  • sind produktiver
  • haben mehr Resilienz in Krisenzeiten
  • leben länger und gesünder
  • haben engere persönliche Beziehungen

um nur einige wenige Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Literatur zu Zuversicht zu zitieren. Wer dagegen pessimistisch durchs Leben geht, berichtet statistisch häufiger über Stress, chronische Erkrankungen, Schlafstörungen und Schmerzen. Dass zuversichtliche Menschen auch durchschnittlich länger leben, ist allerdings nur für die Optimisten eine gute Nachricht. „Geschieht Euch Recht“, dürften die Pessimisten dazu sagen.

Optimismus trainieren und stärken

Zwar gibt es Menschen, die von ihrem Naturell her zuversichtlicher sind als andere. Gleichwohl lässt sich Optimismus auch trainieren und stärken. Besonders als Führungskraft, als Beraterin und Berater von Führungskräften sollten Sie das auch tun. Denn wer als pessimistischer Frosch die Belegschaft führt, wird diese in schwierigen Zeiten kaum dazu animieren, doch mal mit den Beinchen zu strampeln und sich so aus dem Sahnebottich herauszubringen – Sie verstehen, was ich meine, oder? Wie den Optimismus optimieren, für sich und andere? Hier ein paar Strategien, die dabei helfen können:

  • Wer die so genannte Selbstwirksamkeit stärkt, also Menschen das Gefühl gibt, sie bekommen etwas auf die Reihe, sie haben Einfluss darauf, wie sie Arbeitsabläufe gestalten können, und sind damit erfolgreich: die oder der stärkt damit Zuversicht. Gerade in schwierigen Zeiten. Unterstützung darf dabei sein – wer aber jegliche tatsächlichen oder vermeintlichen Hindernisse zu früh und zu stark aus dem Weg räumt, schwächt möglicherweise den Selbstwirksamkeits- und damit auch den Zuversichtsmuskel.
  • Wenn Sie dafür sorgen, dass immer wieder auch Fortschritt, Weiterkommen, Erfolge  wahrgenommen werden, statt immer nur zu kommunizieren, welches Projekt auf rot ist, was alles noch nicht geschafft ist und was noch besser laufen könnte, wenn Sie dazu beitragen, dass geforderte Ziele realistisch und erreichbar sind – auch dann ermöglichen Sie Optimismus! Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman hat einmal gesagt: „Ein Rezept für ein unglückliches Erwachsenenalter besteht darin, Ziele festzusetzen, die besonders schwer zu erreichen sind.“ So genannte Mikroziele wie etwa die vielen Challenges, die Menschen in Lockdown-Zeiten begonnen haben, sind das Gegenmodell zu dem, was Kahneman sagt. Mikroziele, Meilensteine, Etappen können sehr hilfreich sein, um uns in Zeiten von Ungewissheit und Frustration eine kleine Dosis Zuversicht zu verschaffen – und unserem Gehirn einen Schuss Dopamin und andere Glücksbotenstoffe verschaffen.
  • Außerdem, das kennen Sie vielleicht aus eigener Erfahrung, rauben uns Gefühle des Alleinseins und des Unverstandenseins häufig den Mut. Sobald ich mich mit anderen austauschen kann und verbunden fühle, ist auch die schwärzeste Stunde nicht mehr ganz so schwarz. Und darauf wird es in den neuen hybriden Formen des Zusammenarbeitens ganz besonders ankommen: Dass Führende und alle, die mit der Organisation von Arbeit zu tun haben, bewusst Raum für Miteinander, Austausch und Teamgeist schaffen, egal ob remote oder physisch – auch das schafft und stärkt Zuversicht. 

Kennen Sie das so genannte Stockdale-Paradox? James D. Stockdale, einer der höchstdekorierten Soldaten in der Geschichte der US-Marine, war über sieben Jahre lang Kriegsgefangener im Vietnam-Krieg. Als er gefragt wurde, welche Faktoren aus seiner Sicht dazu beigetragen hätten, dass manche Soldaten die Kriegsgefangenschaft besser überlebt hatten als andere, sagte er, die Optimisten unter seinen Kameraden seien am schnellsten zerbrochen. Zuversicht kann also auch zu viel, zu früh, falsch sei.

Realistisch mit Hürden und Hindernissen beschäftigen

Wenn also etwa eine HR- oder Führungskraft in einem Changeprojekt die glorreiche Zukunft nur in den buntesten Farben ausmalt, wer anderen in einer Krise sofort und ständig und ausschließlich die Chancen zu verdeutlichen sucht, die oder der kann Vertrauen verspielen. Die Psychologin Gabriele von Oettingen hat in zahlreichen Studien nachgewiesen, wie rein positive Phantasien Menschen in ihren Anstrengungen bremsen können, Ziele zu erreichen – wenn sie sich nicht realistisch mit den Hürden und Hindernissen auf dem Weg dorthin beschäftigen. Mit der von ihr entwickelten „WOOP“-Strategie können wir Zuversicht um eine gute und hilfreiche Portion Skepsis und Vorsicht ergänzen – darüber habe ich vor kurzem auf meinem Blog geschrieben. Wie Sie die richtige Dosis, den richtigen Zeitpunkt für Zuversicht zu finden und Kontraindikationen vermeiden können – das können Sie nur gut einschätzen, wenn Sie in echtem Kontakt zu Ihren Kolleginnen und Kollegen oder Mitarbeitenden sind. Und dann können möglichst viele Frösche aus den Sahnebottichen, in die wir alle gelegentlich fallen, wieder herauskrabbeln.

Christian Thiele ist Autor und Coach für positive Leadership. Sein Buch „Positiv führen für Dummies“ ist gerade im Wiley-Verlag erschienen, sein Podcast „Positiv Führen“ lässt sich auf allen großen Podcast-Plattformen abrufen.
https://positiv-fuehren.com/