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Azubis verzweifelt gesucht

Nachdem die Corona-Pandemie die Ausbildungssituation erschwert hat, stellt nun der Fachkräftemangel das nächste Problem dar: Noch nie war es für Unternehmen so schwierig, Azubis zu rekrutieren. 42 Prozent der Unternehmen können nicht alle Ausbildungsplätze besetzen, ein Drittel erhält überhaupt keine Bewerbungen– ein negativer Rekordwert. Das geht aus einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter bundesweit rund 15.000 Ausbildungsbetrieben hervor.

Negativer Rekordwert bei Stellenbesetzung

Demnach ist die Zahl der Unternehmen, die nicht alle Auszubildendenplätze besetzen können, seit 2018 branchenübergreifend um 10 Prozent gestiegen. Je nach Branche fällt der Anteil noch größer aus. In der Industrie (ohne Baugewerbe) stieg die Quote von 33 Prozent im Jahr 2018 auf 50 Prozent 2021. In Transport und Logistik wurde ein Zuwachs von 40 auf 54 Prozent verzeichnet und im Gastgewerbe, das ohnehin schon erhebliche Besetzungsprobleme hatte, erhöhte sich der Anteil der leer ausgehenden Betriebe von der Hälfte (56 Prozent) auf zwei Drittel (67 Prozent). Lediglich bei den unternehmensorientierten Dienstleistungen änderte sich Situation gegenüber 2018 nicht; dort gab weiterhin etwa ein Viertel (26 Prozent) der Unternehmen an, dass sie nicht alle Azubistellen besetzt hatten.

Mehr als jeder dritte Betrieb erhält gar keine Bewerbung

Woran liegt das? Zwei Drittel (67 Prozent) der Unternehmen sagten, dass ihnen keine geeigneten Bewerbungen vorlagen. Diese Situation scheint für viele Betriebe noch Luxus zu sein. Denn immer mehr Arbeitgeber erhalten überhaupt keine Bewerbungen mehr für Auszubildendenstellen. Während dies 2017 erst 20 Prozent und 2018 noch 30 Prozent angaben, waren es vergangenes Jahr bereits mehr als ein Drittel (36 Prozent) – das sind 27.000 Unternehmen in Deutschland.

Doch auch wenn es Bewerbungen gibt, die zu einer Vertragsunterzeichnung führen, heißt das noch nicht, auch wirklich Azubis als Arbeitskräfte zu haben. 13 Prozent der Betriebe sagen, dass die Lehrstellen von den Azubis nicht angetreten wurden oder sie Ausbildungsverträge nach Beginn der Lehre wieder aufgelöst hatten. Dieses Verhalten ist in den vergangenen Jahren allerdings seltener geworden.

Fehlende Berufsorientierung und Praktika in der Corona-Zeit

Dass sich die Schere zwischen Ausbildungsangeboten und nachfragenden Jugendlichen noch weiter geöffnet hat, führt Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer, nicht zuletzt auf die coronabedingten Einschränkungen zurück. Dadurch seien sowohl die Berufsorientierung und -beratung als auch die Ausbildungsplatzsuche erheblich erschwert worden. Berufsberater der Arbeitsagenturen kamen nicht mehr in die Schulen, Ausbildungsmessen und Betriebspraktika mussten abgesagt werden. Gerade das Fehlen von Praxiserfahrungen habe bei vielen Jugendlichen die Orientierungslosigkeit verstärkt, so Dercks.

Pläne: mehr Orientierungsangebote und Ausrichtung an Wünschen der Gen Z

Das soll sich nun ändern. Für die Zukunft beabsichtigen drei Viertel der befragten Ausbildungsbetriebe, ihre Angebote zur beruflichen Orientierung weiter auszubauen. Jedes zweite Unternehmen (51 Prozent) plant, mehr Schülerpraktika anzubieten. Außerdem wollen 38 Prozent der Unternehmen Veranstaltungen durchführen und ein Viertel hat vor, digitale Informationsangebote vermehrt ins Leben zu rufen.

Um mehr Auszubildende zu gewinnen, versuchen die Unternehmen, sich hinsichtlich der Ausbildung selbst sowie der Art der Wissensvermittlung mehr an den Wünschen der Generation Z auszurichten. Laut Befragung haben fast sechs von zehn Betrieben (58 Prozent) in den vergangenen Jahren versucht, ihre Ausbildung mit flachen Hierarchien (58 Prozent) attraktiver zu machen. Jedes zweite Unternehmen (51 Prozent) setzt auf moderne IT-Technik (51 Prozent). 37 Prozent gestalten den Einstellungsprozess zeitgemäßer und ebenso viele bieten finanzielle Anreize. Außerdem nannten die Befragten neue Lehr- und Lernkonzepte (27 Prozent), Projekte für Azubis (26 Prozent) und Mentorenprogramme (18 Prozent). Auch mobile und Teilzeit-Ausbildungsangebote oder Auslandsaufenthalte stehen im Fokus, um Azubis anzuziehen.

Doch es gibt auch Unternehmen, die ihre Stellen besser besetzt bekommen, als noch vor einigen Jahren. So etwa die Deutsche Bahn (DB). Das Unternehmen hat nach eigener Aussage keine Probleme, Auszubildende für sich zu gewinnen. Für das neue Ausbildungsjahr seien so viele Bewerbungen eingegangen wie noch nie, 15 Prozent mehr als 2020. Martin Seiler, Vorstand Personal und Recht bei der DB, räumt jedoch ein, dass es angesichts des sich stark veränderten Arbeitsmarkts trotz steigender Bewerbungszahl herausfordernder werde, alle Stellen für Nachwuchskräfte zu besetzen.

Mehrheit der Betriebe spricht sich gegen geplante Ausbildungsgarantie aus

Die DIHK-Umfrage holte von den Betrieben auch ein Meinungsbild zur Ausbildungsgarantie ein, die die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag nach österreichischem Vorbild plant. Damit sollen Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden haben, das Angebot einer überbetrieblichen Ausbildung erhalten, die vom Staat garantiert und finanziert wird und am Ende zu einem vollständigen Abschluss führt. Vier von fünf der befragten Betriebe lehnen die Ausbildungsgarantie ab.

Der Grund: Fast jeder zweite Betrieb (43 Prozent) befürchtet, dass außerbetrieblich Qualifizierte nicht dem Bedarf der Praxis entsprechen würden. Zwölf Prozent machen sich Sorgen, dann noch weniger Azubi-Bewerbungen zu erhalten. Auch denkt jeder zehnte Befragte, dass schulschwache Jugendliche eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn sie im Betrieb ausgebildet werden.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.