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Jobwechsel: Wo sind all die Kellner hin?

Die Corona-Pandemie hat ihre Spuren in der Hotel- und Gastronomiebranche hinterlassen: In keiner anderen Branche verließen 2020 mehr Menschen ihren Arbeitgeber. Der Wechsel war oft radikal: Viele Angestellte haben nicht nur ihre Arbeitsstelle, sondern komplett die Branche gewechselt.

Dies zeigt eine aktuelle Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach haben knapp 216.000 Fachkräfte der Hotel- und Gastronomiebranche den Rücken zugekehrt – das ist mehr als jeder oder jede Vierte, der oder die noch im ersten Corona-Jahr dort gearbeitet hatte. Die meisten der Abgänger und Abgängerinnen fanden einen neuen Job im Verkauf (knapp 35.000) und arbeiten nun beispielsweise als Kassierer oder Kassiererin in Supermärkten. Gut 27.000 der ausgebildeten Hotel- und Gastronomie-Fachkräfte sind in die Verkehrs- und Logistik-Branche gewechselt, wo sie nun unter anderem als Lagerlogistikerin oder Paketbote tätig sind. Ein etwa gleicher Anteil wechselte in den Bereich Unternehmensführung und -organisation und verdient dort sein Geld als Sekretär oder Bürokauffrau.

Trotz der Wanderungen verließen weniger Fachkräfte ihren Arbeitgeber als vor der Pandemie. Wie eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, hat das Gastgewerbe von April 2020 bis April 2021 28 Prozent weniger Kündigungen als im entsprechenden Vorzeitraum verzeichnet. Darüber berichtete die F.A.Z.

Sicherheit und bessere Arbeitsbedingungen

Für die Mitarbeiterwanderungen gibt es laut der IW-Analyse verschiedene Ursachen – allen voran das Bedürfnis nach höherer Sicherheit: Ursprünglich wechselten die Hotel- und Gastronomiefachkräfte ihr Arbeitsumfeld, weil sie dort aufgrund der Corona-Pandemie in naher Zukunft keine sichere Aussicht auf einen ausreichend bezahlten Job hatten. Nach dem Wechsel bemerkten viele der ehemaligen Angestellten allerdings, dass die Arbeitsbedingungen zum Teil besser waren, als in ihrem alten Berufsfeld. Hierzu zählen beispielsweise die Arbeitszeiten im Verkauf, die grundsätzlich besser mit dem Privatleben vereinbar sind, als die Schichtarbeit in der Hotel- und Gastronomiebranche.

„Deswegen sollten Unternehmen auch in krisengeplagten Branchen deutlich machen, welche langfristigen Perspektiven sie bieten können sowie weiter an der Vereinbarkeit der Tätigkeiten und ihrer Arbeitgeberattraktivität arbeiten“, heißt es vonseiten des IW. „Zu diesem Zweck kann beispielsweise geprüft werden, ob sich flexible Arbeitszeitregelungen durch persönliche Arbeitszeitkonten eignen oder Unterstützung für die Randzeitenbetreuung in der Kita geleistet werden kann.“

Unternehmen fordern leichtere Zuwanderungsregeln

Viele Unternehmen verbessern laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga gerade ihre Arbeitsbedingungen. So hätten einige Betriebe der Branche Entgelttarifverträge mit Lohnerhöhungen im zweistelligen Prozentbereich abgeschlossen und Ausbildungen modernisiert, um attraktivere Perspektiven zu bieten. Diese Änderungen kamen nicht von ungefähr. Denn der Personalmangel hat die Branche fest im Griff. Laut einer Dehoga-Umfrage von Anfang Juni 2022, suchen mehr als 60 Prozent der gastgewerblichen Betriebe Fach- und Hilfskräfte. „Weil es an Mitarbeitern fehlt, müssen Unternehmen ihre Öffnungszeiten reduzieren und Veranstaltungen ablehnen“, sagt Dehoga-Präsident Guido Zöllick.

Doch laut IW kann die Branche nicht eigenständig einen Weg aus der aktuellen Misere finden: „Langfristig ist der Fachkräftemangel nicht allein durch personalpolitische Maßnahmen zu beseitigen, sondern muss auch weiterhin durch politische Initiativen wie etwa Regelungen zur Fachkräfteeinwanderung flankiert werden.“ Dem schließt sich die Dehoga an und fordert auch für das Gastgewerbe erleichterte Zuwanderungsregeln, um Fachkräfte aus dem Ausland als Unterstützung von Arbeitgebern aus der Hotel- und Gastronomiebranche schneller einstellen zu können. Diese könnten an den neuen Regeln für türkische Fachkräfte im Bereich der Bodenabfertigungsdienste bei Fluggesellschaften und Flughafenbetreibern angelehnt sein.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.