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Strategie: So will die Bundesregierung den Fachkräftemangel bekämpfen

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, hat die Bundesregierung eine Strategie erstellt und diese am Mittwoch auf einem Fachkräftegipfel vorgestellt. Damit dem Arbeitsmarkt auch zukünftig genügend qualifizierte Beschäftigte zur Verfügung stehen, sollen demnach vor allem Regelungen hinsichtlich Ausbildung, Weiterbildung, Potenzialförderung, Frauenerwerbsbeteiligung und Zuwanderung geändert werden.  Die Pläne gehen im Ursprung auf eine Initiative aus dem Jahr 2028 zurück.

Die Prognosen ohne ein politisches und wirtschaftliches Entgegenwirken schätzt die Bundesregierung als düster ein. 2026 werde es eine Fachkräftelücke von rund 240.000 Stellen geben. Grund dafür seien der demografische Wandel, die Digitalisierung und die Dekarbonisierung. Es gelte nun die Rahmenbedingungen zu verändern, um das Zukunftsszenario zu verbessern.

Berufliche (Re-)Orientierung fördern

Das möchten die Ministerinnen und Minister folgendermaßen machen: Zum einen soll die Ausbildung gefördert werden, indem berufliche Orientierungsangebote in der Schule ausgebaut und mehr Beratungsinstitute wie etwa Jugend- und Beratungszentren errichtet werden. Besonders auch die berufliche Ausbildung solle gefördert und als attraktiver Karrierepfad beschrieben werden.

Der zweite Pfahl der Strategie fokussiert sich auf die Weiterbildung von Mitarbeitenden. Damit Beschäftigte während ihrer Anstellung genug Zeit haben, um sich weiterzubilden, soll eine Bildungszeit eingeführt werden, für die sie von ihrem Arbeitgeber freigestellt werden. Während dieser Zeit sollen Arbeitgeber wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vom Staat ein Qualifizierungsgeld erhalten.

Potenzial sieht die Bundesregierung nicht nur in bestehenden Arbeitskräften, sondern auch in Menschen, die bisher keine berufliche Ausbildung absolviert haben. Sie sollen zukünftig mehr gefördert werden. Und zwar unter anderem mittels einer Ausbildungsgarantie. Demnach soll künftig jeder und jede die Möglichkeit bekommen, einen Abschluss zu machen, um nicht  – wie bisher oftmals geschehen – in Übergangsangeboten stecken zu bleiben. Wer keinen Ausbildungsplatz bei einem Unternehmen erhält, soll den Abschluss an einer Berufsschule oder in einem Ausbildungszentrum machen können.

Arbeitsbedingungen attraktiver gestalten

Auch das Potenzial von Frauen ist laut den Ministerinnen und Minister noch nicht ausgeschöpft. Es könnten weitaus mehr von ihnen stärker in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Für weibliche Talente soll die Arbeitswelt durch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie steuerrechtliche Änderungen attraktiver gemacht werden. Unter anderem möchte die Regierung einen Ausbau der Kinderbetreuung fördern.

Doch nur mit der Förderung von inländischen Talenten glaubt die Bundesregierung den Fachkräftemangel nicht beheben zu können. „Wir müssen inländische Potenziale heben und voll ausschöpfen und gleichzeitig – wenn wir diese Register gezogen haben – qualifizierte Zuwanderung hinbekommen“, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) auf dem Fachkräftegipfel.

Regierung will Chancenkarte einführen

Dafür sollen ausländische Fachkräfte leichter eingebürgert werden und einen einfacheren Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt durch eine sogenannte „Chancenkarte“ erhalten. Wer die „Chancenkarte“ – und damit eine temporäre Arbeitsberechtigung – ausgestellt bekommt, entscheidet sich an einem Punktesystem. Verfügt das Talent über Deutschkenntnisse? Ist die Person unter 35 Jahre alt? Hat sie eine Ausbildung absolviert und mindestens drei Jahre Berufserfahrung? Werden drei von den vier Fragen mit Ja beantwortet, wird eine Chancenkarte ausgestellt. So sollen auch ausländische Fachkräfte in den Arbeitsmarkt integriert werden, die noch keine direkte Anerkennung ihres ausländischen Abschlusses haben. Allerdings nur in Maßen: Die Bundesregierung möchte ein festes Kontingent für die Chancenkarten einführen.

Arbeitgeber reagieren positiv auf das Papier und denken weiter

Das rund 40-seitige Strategiepapier stieß auf Anklang bei Arbeitgebern und Gewerkschaften, die ebenfalls gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit, kommunalen Spitzenverbänden und Vertreterinnen sowie Vertretern der Länder auf dem Gipfel versammelt waren. Sie werden sich nun gemeinsam mit den Ministerinnen und Ministern zur Fachkräfte-Strategie beraten.

Arbeitgeber und Gewerkschaften sehen vor allem die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie als ausschlaggebend, um den Fachkräftemangel zu verringern. So fordert der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter, gegenüber dem Handelsblatt, flexible Regelungen bei der Arbeitszeit auf Bundesebene einzuführen und das gesetzliche Renteneintrittsalter neu zu verhandeln. „Nur wenn wir die politischen Denkverbote über Bord werfen und einen umfassenden Ansatz zur Fachkräftesicherung erstellen, werden wir erfolgreich sein“, sagt Kampeter.

In diesem Ansatz solle es – wenn es nach dem Geschäftsführer des Digitalverbands Bitkom, Bernhard Rohleder, geht – auch eine Abkehr von bisher üblichen Einstellungsausschlusskriterien geben. Er plädiert dafür, dass ausländische IT-Fachkräfte nicht mehr zwingend Deutsch sprechen müssten, um Chancen auf eine Anstellung zu haben. Zudem sollten Arbeitgeber und Staat nicht mehr so viel Wert auf Hochschulabschlüsse legen, die von den „ohnehin schon überforderten Behörden überprüft werden müssen“.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.