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TalentPro: Es gibt keine Patentlösungen für den Fachkräftemangel

Menschen sind unterschiedlich. Dass diese eigentlich relativ banale Erkenntnis auch im Recruiting gilt und deshalb  Ansprüche und Ansprache der unterschiedlichen Kandidatengruppen andere sind, ist bei der TalentPro Anfang Juli in München gleich in mehreren Vorträgen und Diskussionen deutlich geworden. „Während sich ITler weltweit bewerben können und zum Beispiel ins Silicon Valley ziehen, wollen Blue-Collar-Mitarbeiter oft in der Region bleiben“, formulierte es etwa Maximilian Mendius, Leiter Recruiting Systeme, Prozesse und Tools bei BMW. „Da sagen Leute ab, weil der Weg zu einem anderen Arbeitgeber fünf Minuten kürzer ist.“

Mendius saß gemeinsam mit Ute Neher, Head of Executive Client Engagements bei indeed, und Kerstin Wagner, Executive VP Talent Acquisition bei der Deutschen Bahn, auf einem Podium, um über das „Münchhausen-Problem“ der Branche zu sprechen. Denn, so erklärte es Moderator Raoul Fischer, sei es an HR (beziehungsweise Recruiterinnen und Recruitern), die Unternehmen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen wie weiland der Baron Münchhausen.

Dass das wiederum nicht einfach wird, zeigten die Zahlen, die Ute Neher mitbrachte: Der Jobmarkt wächst trotz aller Krisen, die Zahl der Arbeitskräfte wird kleiner. Schon 2030 werden mehr Leute im Alter von über 65 Jahren auf dem Arbeitsmarkt sein als unter 20-Jährige. Und: Bei aller Einwanderung verliert Deutschland ebenso viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an Unternehmen im Ausland wie es von dort anlockt. Das wiederum führt dazu, dass die einzelnen Unternehmen und Industrien untereinander konkurrieren. „Wir rekrutieren die Leute aus anderen Industrien weg“, fasste es Bahn-Recruiterin Kerstin Wagner zusammen. Es sei ein gesamtdeutsches Problem, sekundierte BMW-Mann Mendius: „Denn wenn ich meine Zulieferer kaputtmache, weil sie keine Leute mehr finden, dann bekomme ich keine Teile mehr.“

Nachwuchskräfte sind verunsichert

Aber woher sollen die Leute kommen, insbesondere die jungen? Schließlich gibt es von denen rein zahlenmäßig weniger als früher, Stichwort: demographischer Wandel. Dazu kommen aber noch mehr Probleme, nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie. „Durch Covid gab es bei den jungen Leuten noch mehr Desorientierung“, sagte Wagner. „Wer macht da die Beratung?“ Dass es hier Herausforderungen gibt, zeige nicht zuletzt, dass die Gruppe derer, die nicht bereit für eine Ausbildung sind, größer werde.

Das wiederum ist ein Argument, das man aus der Wirtschaft wohl schon seit Jahrzehnten hört, wo gleichzeitig aber zu selten die laut Ute Neher entscheidende Frage gestellt werde: „Was brauche ich wirklich für den Job?“ Kerstin Wagner wurde für die Bahn konkreter: „Wieso sollte ich einen Busfahrer durch ein Assessment Center schicken?“ Der müsse sicher Busfahren können (und die entsprechenden Papiere haben) und eine Service-Mentalität zeigen, aber kein fehlerfreies Motivationsschreiben verfassen.

Zusammenarbeit muss verbessert werden

Bei aller Verschiedenheit zwischen den Personengruppen dürfe die Kommunikation und das Miteinander allerdings nicht leiden, weder innerhalb von HR noch im Rest des Unternehmens. Bei BMW sei man gerade dabei, sich alle HR-Touchpoints anzuschauen und teamübergreifend Verbesserungen zu diskutieren, erzählte Mendius. Schließlich nutze es niemandem, wenn das Unternehmen Fachkräfte findet, diese aber nach kurzer Zeit wieder verliert. „Wir haben uns innerhalb von HR immer weiter voneinander isoliert“, stimmte Ute Neher zu. „Jetzt müssen wir wieder lernen, das zusammenzudenken.“

Auch für die Kommunikation zwischen Blue- und White-Collar-Mitarbeitenden lieferte Mendius ein Beispiel von BMW. „Jeder neue White-Collar-Mitarbeiter geht am Anfang seiner Zeit hier mal ans Band“, erzählte er. „Dann unterhält man sich und entwickelt ein Verständnis füreinander.“ Und oft werde beiden Seiten klar, wie gut sie es eigentlich haben mit ihrem jeweiligen Job. Denn, siehe oben: Die Menschen sind unterschiedlich.

Info

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.