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„Homeoffice an sich ist nicht ungesund“

Sabine Voermanns, Leiterin des Gesundheitsmanagements bei der Techniker Krankenkasse, verrät, ob das Homeoffice für unsere Gesundheit per se schlecht ist. (Foto: Techniker Krankenkasse)
Sabine Voermanns, Leiterin des Gesundheitsmanagements bei der Techniker Krankenkasse, verrät, ob das Homeoffice für unsere Gesundheit per se schlecht ist. (Foto: Techniker Krankenkasse)

Das Homeoffice hat einen schlechten Ruf, was seine gesundheitlichen Folgen angeht. Ist das berechtigt? Sabine Voermans, Leiterin des Gesundheitsmanagements bei der Techniker Krankenkasse, verrät im Interview wie es um die Gesundheit der Mitarbeitenden in Deutschland steht und was getan werden kann, um diese zu verbessern.

Personalwirtschaft: Frau Voermans, ist das Homeoffice wirklich so ungesund, wie ihm nachgesagt wird?

Sabine Voermans: Man kann nicht sagen, dass Homeoffice ungesünder ist. Im Homeoffice gelten jedoch andere Rahmenbedingungen als im Büro. Faktoren, um die sich sonst der Arbeitgeber kümmert, beispielsweise die Büroausstattung ist am Heimarbeitsplatz nicht immer optimal und kann so zu einem Gesundheitsrisiko werden. So ist es wichtig, die Ergonomie auch im Homeoffice zu beachten, um Rückenschmerzen zu vermeiden. Auch die zeitliche Planung ist unter Umständen nicht mehr so klar strukturiert, wie zuvor. Die virtuellen Meetings sind deutlich enger getaktet, als physische Treffen. Es gibt oftmals keine klaren Abgrenzungen mehr zwischen dem Privat- und Arbeitsleben. Es fehlt eine Struktur, wenn man sich diese nicht selbst schafft. Die Eigenverantwortung nimmt also zu. Das kann Mitarbeitende belasten und Stress verursachen. Über diesen Stress kann man sich nicht live mit den Kolleginnen und Kollegen austauschen. Denn durch die räumliche Distanz fehlt oftmals der soziale Kontakt – eine sonst enorm wichtige Kraftquelle zum Umgang mit Stress.

Das klingt jetzt alles aber doch sehr negativ. Warum ist Homeoffice dennoch nicht ungesünder als die Arbeit vor Ort im Betrieb?

Homeoffice bietet die Chance, die Bedürfnisse der Mitarbeitenden bei der Arbeit stärker zu berücksichtigen. Wir haben mehr Zeit und sind flexibler. Ein möglicher langer Weg zur Arbeit fällt weg. Die Zeit kann genutzt werden, um mehr Sport oder Entspannungstrainings zu machen. Private Verpflichtungen, wie zum Beispiel ein Arztbesuch, können besser im Arbeitsalltag abgestimmt werden. Einige können sich zu Hause auch besser ernähren, weil sie sich in der Mittagspause etwas kochen, anstatt sich schnell etwas auf die Hand beim Imbiss neben dem Büro zu kaufen. Wichtig ist, dass die Mitarbeitende mit der Freiheit nicht allein gelassen werden, sonst kann die Selbstbestimmung in Selbstausbeutung umschlagen.

Es besteht das Risiko des Präsentismus.

Wirkt sich das auch auf den Krankenstand aus?

Wir haben einen so niedrigen Krankenstand wie noch nie. Mit 3,8 Prozent ist der Krankenstand der Beschäftigten, die bei der Techniker Krankenkasse versichert sind, im ersten Quartal 2021 so niedrig, wie seit 13 Jahren nicht mehr. 2019 betrug er im Vergleich 4,8 Prozent. Erkältungen und Magendarm-Erkrankungen gab es seit Pandemieausbruch sehr selten. Wir geben uns im Büro nicht mehr die Hand oder begegnen uns erst gar nicht, wobei mögliche Krankheitserreger nicht ausgetauscht werden. Umgekehrt besteht das Risiko des Präsentismus: Mitarbeitende im Homeoffice arbeiten auch bei leichten Erkrankungen, die früher ein Grund für eine Krankmeldung waren. Ob die Mitarbeitenden zum Beispiel mehr Rückenschmerzen haben, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Wie sieht es mit den psychischen Krankheiten aus?

Die psychischen Erkrankungen haben als einzige Krankheitsgruppe zugenommen. Menschen, die psychisch vorbelastet sind, sind mit der aktuellen Krisensituation und dem Gesundheitsrisiko durch das Corona-Virus oftmals deutlich stärker gefordert. Angstzustände und Depressionen können sich verstärken. Vor allem durch den Wegfall von sozialem Kontakt mit Kollegen und Freunden fehlt eine wichtige Ressource zum Umgang mit Stress und belastenden Situationen. Ein anderer Punkt ist mir aber noch wichtig: Die Vermittlung der Sinnhaftigkeit der jeweiligen Tätigkeit im Homeoffice, denn das Thema Entfremdung vom Arbeitsplatz ist auch zu beachten. Wenn mir dies nicht mehr regelmäßig bewusst wird, dann stellt sich irgendwann die Frage: Für wen arbeite ich überhaupt und fühle ich mich noch zu einem Team zugehörig?

In den Meetings sollten auch einmal Pausen ausgehalten werden.

Wie kann diese Identifikation und ein sozialer Austausch vom Homeoffice aus hergestellt werden?

Die Unternehmenskultur ist der Dreh und Angelpunkt, es können aber auch Kleinigkeiten sein. Wird den Mitarbeitenden Vertrauen entgegengebracht? Es ist zudem wichtig, aktiv virtuell zu kommunizieren und dabei gezielt auch Raum für sozialen Austausch und das Herumspinnen mit Ideen freizuhalten. Das gilt sowohl zwischen der Führungskraft und dem Mitarbeitenden als auch zwischen den Kollegen. Die Kameras bei virtuellen Meetings anzulassen hilft, um Gestik und Mimik besser wahrnehmen zu können. In den Besprechungen sollten auch mal Pausen ausgehalten werden, um Mitarbeitenden zu ermöglichen, sich auszudrücken und einzubringen. Gleichzeitig erleben viele von uns eine Informationsflut, die vorher so nicht gewesen ist.

Was meinen Sie?

Es gibt nicht nur mehr E-Mails, sondern auch Chats, Video-Calls und andere Nachrichten. Man muss viel aufmerksamer sein und für sich wichtige Informationen herausfiltern oder es für sich akzeptieren, nicht alles verfolgen zu können. Auch hier gilt: All diese neuen Umstände können auf der einen Seite Stress verursachen, auf der anderen neue innovative Kommunikationswege und Arbeitsformen ermöglichen. Hier zeigt sich deutlich: Die Umstellung auf Homeoffice ist ein Change-Prozess und die Teammitglieder müssen dabei begleitet werden – sinnvollerweise auch durch die Personalabteilung. Für die Verantwortlichen ist es hierbei gut, sich zu vernetzten und Erfahrungen auszutauschen. Sie sind schließlich auch von dem Ausnahmezustand und Wandel betroffen und benötigen hier und da Unterstützung. Stimmt die Erwartungshaltung der Führung und des Umfelds, klappt es meistens auch gut mit der Veränderung.

Gibt es sonst noch Faktoren, die viele Mitarbeitenden davon abhalten, gesund im Homeoffice zu arbeiten?

Das Festhalten am Status Quo vor der Pandemie. Wir müssen von dem früheren Normalzustand Abschied nehmen. Es wird nicht mehr so wie vorher werden. Auf dieser Basis kann man sich fragen: Was bedeutet dies für mein Team aber auch für mich individuell? Reflexion und Austausch untereinander ist das A und O, um die Situation für sich selbst und die Mitarbeitenden so angenehm und gesund wie möglich zu gestalten. Sehen Sie den Umbruch als Chance, die Sie gesund gestalten können.

 

 

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.