Finanzielle Sorgen – unabhängig von der Einkommenshöhe – führen Studien zufolge zu Stress und somit zu körperlichen und mentalen Gesundheitsproblemen. Damit diese nicht zu groß werden, können Unternehmen ihren Mitarbeitenden ermöglichen, schon vor dem Monatsende – bevor sie das Gehalt auszahlen – auf einen Teil des Lohns zuzugreifen. Dieser Benefit nennt sich Flexible-Pay-Lösung, Earned Wage Access oder auch Gehaltsvorschuss. Er kann dazu beitragen, den finanziellen Stress der Mitarbeitenden zu reduzieren und gleichzeitig das Employer Branding zu stärken.
Der Geschäftsführer und Gründer der Open Finance Lab GmbH, Jan Riem, bietet seit ein paar Monaten eine Flexible-Pay-Lösung an, über die Mitarbeitende Zugriff auf bis zu einem Drittel ihres Gehalts erhalten, bevor es regulär ausgezahlt wird. Wir sprachen mit ihm über diesen Benefit und über dessen Vorteile und Grenzen.
Personalwirtschaft: Herr Riem, immer mehr Menschen fühlen sich heutzutage gestresst. Was ist aus Ihrer Sicht der größte Stressfaktor für Angestellte?
Jan Riem: Viele Menschen haben heute finanzielle Sorgen. Rund 60 Prozent der deutschen Haushalte leben von Gehaltszahlung zu Gehaltszahlung. Das ist ein enormes Problem, das sich durch die hohe Inflation und Energienachzahlungen verschlimmert.
Kann es den Mitarbeitenden Stress nehmen, wenn sie schon vorab auf einen Teil ihres Lohns zugreifen können?
In den USA und Großbritannien zeigen Studien, dass es nicht nur den Stress der Arbeitnehmer reduziert, wenn sie vorab auf einen Teil ihres Lohns zugreifen können, sondern dass auch ihre Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber steigt. Zudem verbessern sich die KPIs, es gibt also geringere Fehlzeiten, weniger Fluktuation und eine höhere Produktivität.
Und wie sieht das in Deutschland aus?
Bisher gibt es keine Research-Daten speziell zu Deutschland. Wir arbeiten deshalb mit Wissenschaftlern der TU München und der LMU München zusammen und haben ein Forschungsprojekt hierzu lanciert. Wir wollen Finanzstresskennzahlen messen und herausfinden, welche KPIs sich durch Flexible-Pay-Lösungen für den Arbeitgeber verbessern. Denn ein Mensch, der Finanzstress hat, ist abgelenkt. Dadurch passieren Arbeitsunfälle und Fehler.
Was ist die Idee von Flexible-Pay-Lösungen?
Eigentlich arbeiten wir in einer unfairen Welt: In den meisten Unternehmen arbeitet ein Arbeitnehmer 30 Tage, bevor er Gehalt bekommt. Er gibt damit seinem Arbeitgeber 30 Tage lang einen Kredit, bevor er selbst bezahlt wird. Daher ist es sinnvoll, so etwas wie Earned Wage Access anzubieten. Die Grundidee von Flexible-Pay-Lösungen ist nun, dass Mitarbeiter auf einen Teil ihres verdienten, aber noch nicht ausgezahlten Gehalts zugreifen können und dieses für den täglichen Bedarf oder für Notfälle nutzen können. Denn warum sollte ich in einer Welt, in der alles on demand ist, nicht einfach auf meinen Lohn zugreifen können?
„Warum sollte ich in einer Welt, in der alles on demand ist, nicht einfach auf meinen Lohn zugreifen können?“
Jan Riem, Geschäftsführer und Gründer Open Finance Lab GmbH
Wie funktionieren Flexible-Pay-Lösungen?
Sie funktionieren wie eine Abschlagszahlung. Denn genau genommen, ist der Arbeitgeber, und nicht etwa Banken oder Versicherungen, die wichtigste Finanzinstitution im Leben von Mitarbeitern. Ein Mitarbeiter, der erarbeiteten, aber nicht ausgezahlten Lohn hat, kann bis zu einem Drittel davon in Anspruch nehmen. Dafür zahlt der Mitarbeiter in anderen Ländern zumeist eine Gebühr. Wir bieten eine Lösung an, die kostenfrei für Mitarbeiter und Firmen ist. Denn unser Flexible Pay Feature gibt Mitarbeitenden den Lohnvorschuss nicht bar, sondern in Form von Gutscheinen. Diese erhalten sie von uns und nicht von dem Arbeitgeber. Damit können sie bei stationären Lebensmittelhändlern, Tankstellen und Onlinehändlern einkaufen und alle großen Ausgaben, die tagtäglich anfallen, bezahlen. Einen Handwerker können sie damit nicht bezahlen.
Muss der Benefit in das firmeneigene HR-System integriert werden?
Nein. Bei anderen Programmen ist die IT-Integration eine Notwendigkeit und große Hürde: CEO und HR-Abteilung finden es toll, etwas für die Mitarbeiter zu tun. Die IT-Abteilung schlägt aber die Hände über dem Kopf zusammen, weil Zeit und Ressourcen knapp sind. Die Finanzabteilung ist um die Auswirkungen auf den Cashflow besorgt. Bei unserer Lösung lädt sich der Mitarbeiter eine App herunter und verknüpft sein Gehaltskonto damit. Wir sehen das und geben ihm auf bis zu einem Drittel des erwarteten Gehalts Zugriff. Wenn er den nächsten Gehaltseingang hat, holen wir uns per Lastschrift das, was der Mitarbeiter in Anspruch genommen hat, zurück. Der Arbeitgeber selbst zahlt den „Vorschuss“ also gar nicht.
Welche Vorteile hat so ein Modell für die Arbeitgeber?
Auf Seiten der Arbeitgeber fallen keine Kosten an, und sie brauchen keine Integration eines Programms in das firmeneigene HR-System. Zudem stärkt ein solcher Benefit das Employer Branding, und der Arbeitgeber hat kein Risiko – wir übernehmen das Ausfallrisiko.
Und was haben die Arbeitnehmenden davon?
Auf Seiten der Mitarbeiter fällt durch den Benefit viel Stress weg. Zudem muss sich keiner die Blöße geben, bei seinem Arbeitgeber um einen Vorschuss zu bitten. Wir leben in einem Land, in dem man wenig über Finanzen spricht und auch nicht zeigen möchte, dass man finanzielle Sorgen hat.
Führt es nicht zu noch mehr Stress, wenn ein Arbeitnehmer ein Drittel seines Gehalts schon vorab ausgegeben hat? Das fehlt ihm doch im nächsten Monat, und er könnte leicht in einen Teufelskreis der Verschuldung geraten.
Die Charakterisierung von Schulden als teuflisch rührt von den negativen Effekten sich anhäufender Zinsen sowie von Straf- und Mahngebühren her. Bei unserem Flexible-Pay-Produkt gibt es das nicht. Es ist kostenfrei. Aber klar, am Monatsende hat der Arbeitnehmer dann nur zwei Drittel des Gehalts zur Verfügung – das muss er berücksichtigen.
Wieso ist das Modell in den USA so erfolgreich?
Nicht nur Niedrigverdiener haben finanzielle Sorgen, sondern es gibt immer einen großen Anteil an Personen, die unter Finanzstress leiden, egal, wie viel sie verdienen. Dadurch wurde das Thema in Amerika prominent. Auch in England und Asien kommt dieses Thema auf. In Deutschland ist das Konzept noch wenig bekannt. Wir leisten hier Pionierarbeit und sehen eine starke Nachfrage. Daher ergänzen wir die Lösung auch laufend und wollen Anfang 2024 weitere Features anbieten.
Wie finanziert sich das System, wenn weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer Gebühren dafür zahlen?
Über die Gebühren, die die Händler an uns zahlen.
Gibt es Grenzen bei der vorzeitigen Gehaltsauszahlung?
Ja. Neben der Begrenzung auf bis zu einem Drittel des Gehalts ist auch die Auswahl der Händler beschränkt. Weitere Hürden gibt es nicht.
Kirstin Gründel beschäftigt sich mit den Themen Compensation & Benefits, Vergütung und betriebliche Altersvorsorge. Zudem kümmert sie sich als Redakteurin um das Magazin "Comp & Ben". Sie ist redaktionelle Ansprechpartnerin für das Praxisforum Total Rewards.

