In der Regierung wird diskutiert, ob der Karenztag in Deutschland eingeführt werden soll. Damit würden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag keinen Lohn gezahlt bekommen. Mit dieser im Jahr 1970 abgeschafften Regelung wollen einige Politikerinnen und Politiker die Menschen in Deutschland dazu motivieren, mehr zu arbeiten – auch, um der aktuellen Wirtschaftskrise entgegenzuwirken. Weniger Krankheitstage wiederum würden die Produktivität unseres Landes steigern.
Eine aktuelle Analyse des Marktforschungsinstituts Datapulse und des Instituts zur Fortbildung von Betriebsräten (Ifb) legt nun aber nahe, dass dies keine gute Idee ist. Denn in europäischen Ländern, welche Karenztage haben, sind die Fehlzeiten nicht unbedingt niedriger als in Ländern, in denen ab dem ersten Krankheitstag der volle Lohn gezahlt wird. Zudem fanden die Analystinnen und Analysten heraus: In Ländern mit weniger Fehlzeiten ist die Produktivität nicht unbedingt höher als in solchen mit höheren Fehlzeiten. Hier gilt es zu betonen: Fehlzeiten, Karenztag und Produktivitätszustand existieren nebeneinander. Von den Analystinnen und Analysten wurde aber nicht festgestellt, dass sich diese drei Aspekte gegenseitig beeinflussen.
Diskussion um Fehlzeiten in Deutschland: Was bisher geschah
Seit Anfang 2025 wird in der deutschen Wirtschaft und Politik verstärkt darüber diskutiert, warum sich Arbeitnehmende in den vergangenen Jahren häufiger krankmelden als zuvor. Wieso liegen wir im Europavergleich so weit vorne mit dem Krankenstand? Besagte Vertreterinnen und Vertreter leiten aus den steigenden Fehlzeiten ab, dass Mitarbeitende nicht mehr leistungswillig sind und das System rund um Krankschreibungen zum Blaumachen einlade. Diese Ableitung basiert auf einer falschen Einordnung von Zahlen der Krankenkassen.
Fakt ist: Zwischen 2021 und 2024 hat es einen klaren Anstieg an Fehlzeiten gegeben, die bei den Krankenkassen gemeldet wurden. Mittlerweile haben die Krankenkassen diesen Anstieg nicht mehr auf ein höheres Krankheitsaufkommen oder mehr Blaumachen zurückgeführt, sondern auf die Einführung der elektronischen Krankschreibung (eAU). Dadurch werden flächendeckend mehr Krankheitstage erfasst als zuvor. Der Rest des Anstiegs ergibt sich aus einem sensibleren Umgang mit Atemwegserkrankungen nach der Corona-Pandemie sowie einem gleichbleibend langsamen Anstieg der psychischen Erkrankungen. So weit, so bekannt – zumindest in der HR-Szene.
Deutschland ist bezüglich Fehlzeiten nicht Spitzenreiter in Europa
Dass Deutschland generell bezüglich der Krankheitstage nicht Spitzenreiter in Europa ist, zeigt nun erneut die Analyse von Datapulse und dem Ifb. Sie haben Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2024 analysiert, für die Beschäftigte in 26 europäischen Ländern direkt nach ihrer Abwesenheit befragt wurden.
Diese Datengrundlage ist laut den Studienautorinnen und -autoren sinnvoll, da sie einen Ländervergleich möglich macht. Würde man dahingegen beispielsweise die Krankenkassendaten zu den Fehlzeiten in den Ländern vergleichen, erhalte man ein verzerrtes Bild, denn: Die Erhebungsweise der Fehlzeiten unterscheidet sich in Europa stark. Welchen Effekt das haben kann, hat die Umstellung in Deutschland zur elektronischen Krankschreibung gezeigt.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten in Europa eine enorme Bandbreite haben. Durchschnittlich melden sich europäische Beschäftigte rund 2,6 Wochen pro Jahr krank. Deutschland liegt hier mit jährlich 3,6 Wochen auf dem siebten Platz. Damit befindet sich die Bundesrepublik zwar im oberen Drittel, bleibt aber hinter Ländern wie Norwegen (5,9 Wochen), Finnland (5 Wochen), Spanien (4,9 Wochen), Slowenien (4,7 Wochen), Portugal und Frankreich (jeweils 4,1 Wochen) und gleichauf mit Belgien.
In Griechenland und Rumänien meldeten sich die Arbeitnehmenden dahingegen kaum krank. „Die geringe Abwesenheit deutet typischerweise auf hohe Arbeitsplatzunsicherheit hin“, mutmaßen die Analystinnen und Analysten. „Und: Wer nicht erscheint, wird oft nicht bezahlt.“
Ein Karenztag beeinflusst nicht unbedingt die Fehlzeiten
Das klingt erstmal so, als ob der Karenztag eine gute Idee sein könnte. Datapulse hat die Fehlzeitenzahlen mit den Krankschreibungsregelungen der Länder gegenübergestellt. So sollte geschaut werden, ob Länder mit geringen Fehlzeiten einen Karenztag haben und den Mitarbeitenden somit der erste Krankheitstag nicht gezahlt wird.
Das Ergebnis: „Einige der großzügigsten Systeme haben die niedrigsten Fehlzeiten, während einige der strengsten Systeme mit hohen Zahlen kämpfen“, heißt es im Analysebericht. In Spanien blieben die ersten drei Krankheitstage in der Regel unbezahlt. Dort gibt es mit rund fünf Wochen pro Jahr allerdings eine der höchsten Fehlzeitenquote.
In Litauen dahingegen melden sich die Arbeitnehmenden jährlich nur rund 1,5 Wochen krank, bekommen aber an den ersten beiden Krankheitstag 62 bis 100 Prozent ihres Gehalt gezahlt. In Italien wiederum gibt es unbezahlte Karenztage und die Beschäftigten melden sich nur 0,9 Wochen jährlich krank – hier scheint die Maßnahme zu funktionieren. Es könnte aber auch an anderen Gegebenheiten des Landes liegen. Dies gilt übrigens generell. Neben den Karenztagen können zahlreiche weitere Aspekte in irgendeiner Art eine Auswirkung auf die Fehlzeiten haben.
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Deshalb sollte Präsentismus nicht gefördert werden
Die Analystinnen und Analysten weisen in diesem Zuge auch darauf hin, dass sich eine Präsenz bei Krankheit (Präsentismus) – was durch die Einführung eines Karenztages gefördert werden könnte – negativ auf die Fehlzeiten auswirken kann. Denn so könnten andere Mitarbeitende angesteckt werden oder die besagte Person aufgrund ihrer Krankheit teure Fehler machen. Auch dass die Person ihre Krankheit in die Länge zieht, könnte eine Folge sein.
Mehrere Studien deuten an, dass die Kosten für Präsentismus den Kosten für Fehlzeiten ähneln oder sie sogar übersteigen. Für die Pflegebranche wurde von einem Forschungsteam rund um Michelle Freeling ausgerechnet: Jährlich kostet Präsentismus die Arbeitgeber zwischen 13.700 und 21.000 Euro pro Person.
Und die vergleichbaren Kosten bei Krankschreibungen? Die dürften niedriger liegen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) schätzte für das Jahr 2020, dass der Arbeitsausfall pro Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin für das gesamte Jahr 2.125 Euro kostet. Dazu kämen noch pro Person gut 3.500 Euro an Kosten, verursacht durch Verluste der Arbeitsproduktivität und einen Ausfall der Bruttowertschöpfung. Insgesamt wären wir damit bei jährlich gut 5.600 Euro. Hier muss aber erwähnt werden: Unterschiedliche Berechnungen offenbaren leicht andere Kosten.
So wirken sich Fehlzeiten auf die Produktivität aus
Und wo wir schon bei Geld sind: Das BIP pro Arbeitsstunde ist in Ländern mit einer hohen Fehlzeitenquote nicht unbedingt höher als in Ländern, in denen sich Arbeitnehmende seltener krankschreiben. „Die Annahme, dass jede fehlende Stunde eins zu eins die Wettbewerbsfähigkeit mindert, greift zu kurz“, heißt es im Analyse-Bericht.
So verzeichneten Norwegen und Belgien deutlich mehr Fehltage als der europäische Durchschnitt, halten aber einige der höchsten Produktivitätsraten. Im Gegensatz dazu haben Griechenland und Ungarn Fehlzeiten von weniger als einer Woche, verzeichnen aber eine sehr niedrige Produktivität im Ländervergleich. Die Zahlen implizieren, dass man hohe Fehlzeiten und eine hohe Produktivität haben kann. Deshalb lautet das Resümee der Studienautorinnen und -autoren: „Wer krankheitsbedingte Fehltage primär als eine Frage der Anreize betrachtet, verkennt die Komplexität der vorliegenden Daten.“
(Hinweis: Nach kritischen Anmerkungen der Leserinnen und Leser haben wir in diesem Artikel noch einmal betont, dass die Studie nicht aussagt, dass Karenztage nicht zu niedrigeren Fehlzeiten führen. Sie stellt lediglich zwei Realitäten nebeneinander.)
Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch das Thema Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit und das HR Forum Banking.

