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Arbeitnehmer sind gestresster und wenig an Unternehmen gebunden

Wie geht es Arbeitnehmern derzeit bei der Arbeit? Dieser Frage ist das Beratungsunternehmen Gallup auch in diesem Jahr bei seinem Global Workplace Report nachgegangen. Das Ergebnis: Weltweit sind Beschäftigte so gestresst wie noch nie seit dem Beginn der Erhebungen 2013. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass Arbeitnehmer mehr an ihr Unternehmen gebunden sind. Im Gegenteil: Global geben nur 21 Prozent an, eine hohe Bindung zu ihrem Arbeitgeber zu haben.

In Deutschland fanden die Gallup-Expertinnen und -Experten eine ähnliche Situation vor. Wenn auch die „negativen Gefühle“, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer täglich angaben zu empfinden, weniger stark ausgeprägt zu sein scheinen – vor allem, wenn es um das Thema Sorgen geht. Gaben weltweit 44 Prozent der mehr als 105.000 Befragten in 146 Ländern an, sich täglich gestresst zu fühlen, sind es in Deutschland 40 Prozent (3 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr). Sorgen machen sich jeden Tag global 40 Prozent der Mitarbeitenden (in Deutschland 28 Prozent), traurig sind 23 Prozent von ihnen (in der Bundesrepublik 19 Prozent) und Wut empfinden bei der Arbeit weltweit 21 Prozent (in Deutschland 18 Prozent).

Dass sich in Deutschland Tätige besser im Beruf fühlen, führt Marco Nink, Director of Research & Analytics EMEA bei Gallup, auf das System in der Bundesrepublik zurück: „Wir profitieren in Deutschland von einer Kombination aus weitgehender Arbeitsplatzsicherheit durch das Instrument der Kurzarbeit und einem stabilen Sozial- und Gesundheitssystem“, sagt er. „Deutsche Beschäftigte brauchen sich um ihre Existenz weniger Sorgen zu machen als die Arbeitnehmenden vieler anderer Länder. Die Homeofficepflicht hat darüber hinaus, zum Beispiel durch Wegfall des täglichen Pendelns, bei vielen den täglichen Stresspegel gesenkt.“

Fehlende Mitarbeiterbindung kann teuer werden

Wenn es um die Bindung an den Arbeitgeber geht, schneidet Deutschland allerdings schlechter als der weltweite Durchschnitt ab. Mitarbeitende in der Bundesrepublik fühlen sich im Schnitt weniger stark emotional an ihren Arbeitgeber gebunden: 16 Prozent in Deutschland und 21 Prozent weltweit gaben an, eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen zu haben. Spitzenreiter hinsichtlich der emotionalen Bindung sind die USA und Kanada mit 33 Prozent. Dies überrascht gerade auch im Hinblick auf die während der Corona-Zeit gestartete Kündigungswelle in den USA, die als „Great Resignation“ oder „Big Quit“ bekannt geworden ist.

Eine fehlende Bindung an einen Arbeitgeber kann allerdings nicht nur in Zeiten des sich zuspitzenden Fachkräftemangels negative Konsequenzen haben und einen Arbeitgeber ohne Fachkräfte dastehen lassen, sie wirkt sich auch auf den Profit des besagten Unternehmens aus. Die Gallup-Forscherinnen und -Forscher rechneten aus: Fühlen sich die Mitarbeitenden an ihre Organisation gebunden, macht diese bis zu 23 Prozent mehr Profit. Andersherum koste eine geringe Mitarbeiterbindung die Weltwirtschaft pro Jahr rund 7,3 Billionen Euro oder 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Beschäftigte schätzen Arbeitsmarkt als gut ein 

Wer aufgrund einer fehlenden emotionalen Bindung das Unternehmen verlässt, könnte weniger häufig verzweifeln als noch vor ein paar Jahren. Denn: Weltweit sind 45 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer davon überzeugt, dass derzeit eine gute Zeit ist, einen neuen Job zu finden. In Deutschland sind dieser Ansicht sogar 53 Prozent. Sollte es zu einem Jobwechsel kommen, sind in der Bundesrepublik allerdings nur 11 Prozent bereit, ihren Wohnort für ihre neue Tätigkeit zu wechseln. „Beschäftigte haben in den vergangenen zwei Jahren gelernt, dass Arbeit nicht notwendigerweise Anwesenheit an einem bestimmten Ort voraussetzt“, kommentiert Marco Nink die Ergebnisse des Reports. „Sie sind darum weniger denn je bereit, für einen neuen Job persönliche Einbußen in Kauf zu nehmen – und der dynamische Arbeitsmarkt, in dem Fachkräftemangel herrscht und der viele neue Chancen bietet, bestätigt ihre Auffassung.“

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.