Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Bundesfamilienministerium ergänzt Schnellcheck im Familienfreundlichkeits-Index

Wie familienfreundlich das eigene Unternehmen tatsächlich ist, lässt sich nicht immer leicht herausfinden. Denn Maßnahmen an sich zu haben, heißt nicht unbedingt, dass auch die Unternehmenskultur eine Vereinbarung von Arbeits- und Familienleben erlaubt. Das Bundesfamilienministerium hat gemeinsam mit Unternehmen, dem Bundesverband der Personalmanager (BPM) und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) den Fortschrittsindex Vereinbarkeit entwickelt, um hier Abhilfe zu schaffen. Das Online-Tool ist eine Art externes KPI-System, die eigene familienbewusste Unternehmenskultur, also die gelebte Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben der Mitarbeitenden zu messen. Nun gibt es eine neue Variante davon: den „Fortschrittsindex Quick“.

Der Index stellt 12 Kennzahlen in Handlungsfeldern wie Elternzeit, Arbeitszeitmodelle oder Betreuungsangebote bereit. Das Neue am Fortschrittsindex Quick: Organisationen müssen nicht mehr so viele Daten eingeben, um Empfehlungen und eine Einschätzung über den Stand im eigenen Unternehmen zu erhalten. 

Dagmar Weßler-Poßberg, Vize-Direktorin des Bereichs Gesellschaftspolitik bei Prognos, hat gemeinsam mit ihrem Team den Index entwickelt.

Im Detail heißt das: Es müssen nicht mehr vollständig alle zwölf Kennzahlen des Fortschrittsindex ermittelt und ausgefüllt werden, um einen Vergleich mit anderen Unternehmen der gleichen Branche oder Unternehmensgröße und passende Empfehlungen zu erhalten. Nun ist es auch möglich, einzelne Kennzahlen für bestimmte Handlungsfelder einzugeben, die für das Unternehmen aktuell besonders wichtig sind. „Somit erhalten Unternehmen gezielt für die Bereiche eine Einschätzung, die dem Unternehmen aktuell am Herzen liegen“, sagt Dagmar Weßler-Poßberg, Vize-Direktorin des Bereichs Gesellschaftspolitik bei Prognos, die den Index umsetzen. 

„Teilnehmende Unternehmen hatten uns rückgemeldet, dass sie während der Pandemie nicht unbedingt die Kapazitäten haben, alle 12 Kennzahlen vollständig zu bearbeiten“, so Weßler-Poßberg. „Doch gerade in der Pandemie ist Vereinbarkeit für Unternehmen und ihre Mitarbeitenden unabdingbar“. Der neue niederschwelligere Einstieg in den Index soll damit der aktuellen Situation Rechnung tragen und Unternehmen motivieren, Vereinbarkeit weiter voranzutreiben.

Vergleich, Empfehlungen und Teilnehmersiegel

Alles andere am Index bleibt gleich: Unternehmen können beispielsweise ihre Ausprägung der Kennzahlen für „Führungskräfte in Teilzeit“ oder „Elternzeit von Männern und Frauen im Vergleich“ herausfinden, indem sie entsprechende unternehmensinterne Daten anonym eingeben. Zudem geben Nutzende die Branche des Unternehmens, seine Größe und die Gründungszeit an. „Dadurch ist ein Vergleich mit den Durchschnittswerten in anderen Unternehmen möglich. Der Fortschrittsindex spiegelt den Unternehmen, wo sie im Vergleich mit der eigenen Branche oder Unternehmensgröße stehen“ sagt Weßler-Poßberg. Außerdem erhalte jeder User auf seine Ergebnisse abgestimmte Empfehlungen, um sich im bestimmten Bereich zu verbessern. 

Wer seine Teilnahme am Fortschrittsindex öffentlich bekannt machen möchte, kann sich in eine Liste der teilnehmenden Unternehmen eintragen lassen und ein vom BMFSFJ ausgestelltes Siegel erhalten. Dafür müssen Organisationen allerdings weiterhin alle zwölf Kennzahlen ermitteln und zusätzlich die Leitlinien des Indexes unterschrieben haben. „Die Leitlinien zeigen die Punkte auf, die eine familienbewusste Unternehmenskultur prägen“, sagt Weßler-Poßberg. Die Unterzeichnung der Leitlinien sei somit eine Art freiwillige Selbstverpflichtung, sich zu bemühen, als Unternehmen familienfreundlicher zu werden. 

Wie soll der Index verwendet werden?

Wie intensiv der Index verwendet wird, solle jede Organisation für sich entscheiden. Weßler-Poßberg hat dennoch eine Nutzungsempfehlung: „Unternehmen, die bereits viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun, können den Index als Controlling-Tool verwenden. Hier bietet sich eine kontinuierliche Nutzung an.“ 

Organisationen, die sich erst seit Kurzem damit beschäftigen, wie sie familienfreundlicher werden können, können vielleicht nicht unbedingt alle Kennzahlenbereiche auf einmal angehen. „Sie können einfach mal mit ein bis zwei Kennzahlen beginnen und spielerisch an die Sache herangehen.“ Schritt für Schritt zeige sich oftmals auch ein Fortschritt: „Wenn man sich mit einer Kennzahl beschäftigt und erste Erfolge damit hat, dann werden die anderen Bereiche von Familienfreundlichkeit auch nach und nach angesprochen“, hat Weßler-Poßberg beobachtet. 

Neben Messbarkeit eines kontinuierlichen Fortschritts in Sachen Vereinbarkeit, soll der Index aber auch Anreize schaffen, um unternehmensinterne Gespräche über dieses Thema anzutreiben. Auch könne er eine Art Realitäts-Check sein, um zu schauen, ob Aktivitäten und Angebote für mehr Familienfreundlichkeit wirklich angenommen und damit Teil der Kultur geworden sind. 

Wer nutzt den Fortschrittsindex Vereinbarkeit?

Der Fortschrittsindex Vereinbarkeit wird vor allem von Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor verwendet. Fast 50 Prozent der teilnehmenden Unternehmen lassen sich in diesem Sektor verorten. Verallgemeinernd lässt sich laut Weßler-Poßberg sagen, dass Branchen, in denen ein hoher Anteil der Beschäftigten Frauen sind, anteilig mehr im Index vertreten sind als andere Branchen. Das verarbeitende Gewerbe ist mit rund 10 Prozent vertreten. Demgegenüber stehen Unternehmen aus Branchen, in denen männliche Beschäftigte deutlich dominieren, wie das Baugewerbe, aber auch der Energiesektor. Sie sind mit jeweils unter 3 Prozent im Fortschrittsindex aktiv. Das Online-Tool wird bisher vor allem von kleinen und mittelständischen Unternehmen genutzt. Die beiden größten Gruppen der Teilnehmenden sind Unternehmen mit bis zu 50 Beschäftigten (37 Prozent) und mit 50 bis 249 Beschäftigten (27 Prozent).

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.