Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

„Es ist ein Irrglaube, dass Teilzeitkräfte nicht effizient arbeiten“

Es war eigentlich nur ein Ausdruck der Frustration, der auf Linkedin viral ging. Personal- und Organisationsentwicklerin Katharina Schleeberger beschrieb in einem Post, wie sie als Teilzeitkraft im Bewerbungsprozess diskriminiert wurde. Im Interview verrät die 38-Jährige aus Mülheim an der Ruhr mehr zu den Hintergründen und beschreibt mögliche Lösungsansätze.

Personalwirtschaft: Frau Schleeberger, was genau ist an dem Tag, an dem Sie den Post geschrieben haben, geschehen?
Katharina Schleeberger: Ich bin seit einem Jahr selbstständig, habe mich aber immer mal wieder beworben, weil ich noch nicht ganz überzeugt davon bin, ob die Selbstständigkeit mein Weg ist. An besagtem Tag hatte ich um 13 Uhr eine Bewerbung an einen Headhunter geschickt, um 14 Uhr kam die Einladung zum Gespräch, das wir dann um 17 Uhr hatten. Ich bin ein guter Fit für die Stellen, auf die ich mich bewerbe, in zwei von drei Fällen werde ich zum Gespräch eingeladen. Das Gespräch mit dem Headhunter hat dann jedoch nur acht Minuten gedauert. Das ist schon länger als andere Interviews, die ich zuvor gehabt hatte. Ich war auch schonmal bei drei Minuten raus. Sobald ich mitteile, 30 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen und dass ich Mutter bin, verschwindet das Interesse urplötzlich. So auch bei diesem Headhunter. Man konnte in seinem Gesicht sehen, wie er sich die Frage stellte: Sie soll die Leitung der Personalentwicklung innehaben, das geht doch nicht in Teilzeit? Gesagt hat er das nicht. Stattdessen teilte er mit: Für den Klienten kommt das dann nicht in Frage. Und übrigens, wo wohnen sie denn genau? Ist das nicht viel zu weit vom Arbeitsort entfernt? Was vielleicht auch gestimmt hat, aber eben nicht das Kernausschlusskriterium für ihn war.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Frustration und Enttäuschung in einen öffentlichen Post zu verwandeln?
Während ich an diesem Tag das Abendessen für meine Familie kochte, beschloss ich das Erlebnis nicht mehr wie zuvor herunterzuschlucken und nur meinem nächsten Umfeld davon zu erzählen. Mit der einen Hand habe ich Spinat gerührt, mit der anderen den Post aufgesetzt. Es war nicht strategisch überdacht, ich musste nur die Emotion herauslassen.

Und damit haben Sie einen Nerv getroffen. Mehr als 400.000 Menschen haben den Post gesehen, über 10.000 Menschen haben darauf reagiert, knapp 1.000 darunter kommentiert (Stand 11.5.21).
Das hat mich selbst überrascht, aber auf positive Weise. Es haben sich viele Männer in Nachgang des Posts bei mir gemeldet – vor allem Väter, viele davon auch alleinerziehend oder Manager. Sie wollten gerne kürzertreten, aber ihr Umfeld erlaubt es nicht. A ist es nicht sozial akzeptiert und B wäre es in ihrem Unternehmen gefühlt nicht realisierbar. Doch hier tut sich momentan etwas – auch pandemiebedingt.

Was verändert sich?
Immer mehr Menschen fragen sich, was ihnen wichtig ist und was sie brauchen, um zufrieden zu sein. Gibt es Alternativen und welche bietet mein Arbeitgeber? Arbeitszeit ist Lebenszeit, die wir verkaufen. Stellt sich die Frage, wie viel Lebenszeit man persönlich an seinen Arbeitgeber verkaufen und wie viel Lebenszeit man für sich behalten möchte. Zudem nehmen wir alle immer mehr Rollen ein. Jetzt sind wir beispielsweise alle beruflich in den sozialen Netzwerken unterwegs und haben das Corona-Bündel zu tragen – und das alles zusätzlich zu den bestehenden Aufgaben.

Wenn so viele Menschen den Wunsch haben, Teilzeit zu arbeiten, woran hakt es dann?
An der Gewohnheit und den Vorurteilen. Wenn man ein Unternehmen am Schreibtisch plant, geht man erst einmal von Vollzeit-Mitarbeitenden aus. Getreu dem Motto: Die perfekte Arbeitskraft arbeitet mindestens 40 Stunden. Denn bei der Teilzeitkraft hat man Angst, dass sie in der verkürzten Zeit bestimmte Dinge nicht schafft. Die aktuelle vorherrschende Auffassung vieler ist es, dass Dinge liegen bleiben, weil man als Teilzeitkraft nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Das ist ein Irrglaube. Teilzeitkräfte arbeiten effektiv und ihnen ist es vielleicht noch wichtiger, dass ihre Arbeit als gut befunden wird, als für Vollzeitkräfte, die scheinbar unbegrenzt Zeit mitbringen.

Die im Unternehmen anfallenden Aufgaben müssen trotzdem erledigt werden. Mit Teilzeit geht oftmals eine stärkere Aufgabenteilung einher.
Genau. Ein Linkedin-Kommentator hat das Modell des Jobsharings in Führungspositionen als möglichen Lösungsweg genannt und es wird auch bereits in einigen Unternehmen durchgeführt. Dabei gibt es zwei Vorgesetzte, die sich die Aufgaben der Führungskraft teilen. Im ersten Moment ist es ungewohnt, im zweiten aber unheimlich effizient und für die Mitarbeitenden auch angenehm, weil es mehrere Personen gibt, die ansprechbar sind und mit denen die Chemie stimmen kann. Natürlich erfordert dies von den Unternehmen ein Maß an Flexibilität.

Erhöht sich hierdurch nicht das Chaos-Potential?
Stellen Sie sich vor, es gibt zwei Menschen, die erfahren sind und kompetent und die im Gespräch gemeinsam entwickeln, wie sie vorgehen oder es gibt eine Person, die vielleicht aufgrund der Belastung total unter Druck ist und alleine eine Entscheidung treffen muss. Ein gut funktionierendes Tandem kann hier viel bessere Lösungen finden. Natürlich ist dieses Szenario – wie jede Teilzeit – für Unternehmen teurer als Vollzeit. Das beginnt schon in der aufwendigeren Administration, bei der beispielsweise zwei Gehaltsabrechnungen gemacht werden müssen.

Was können Unternehmen tun, die sich noch unsicher sind, ob Sie den Aufwand auf sich nehmen möchten?
Will man lieber einen Totalausfall riskieren, weil ein Mitarbeitender sechs Wochen aufgrund eines Burnouts in der Klinik ist, als die Arbeitslast auf zwei Schultern zu verteilen? Wenn man klein anfangen will, dann schaut man sich die Schlüsselpositionen im Unternehmen an, diejenigen, die überproportional zum Unternehmenserfolg beitragen. Hier könnten beispielsweise zwei Know-How-Träger statt einem positioniert werden. Wenn man hier Erfolg spürt, hat man für das ganze Unternehmen ein Leuchtturmprojekt geschaffen.

Als Leuchtturm könnte man auch Ihren Post bezeichnen.
Der Headhunter hat sich jedenfalls nach den zahlreichen Reaktionen auf den Post wieder gemeldet. Er sei ins Nachdenken gekommen und habe mit dem Kunden geredet. 30 Stunden wären auch okay. Zuvor war er aber einfach von 40 Stunden als Standard ausgegangen. Ich habe mehrere tausend Nachrichten bekommen, aber diese Nachricht wollte ich nicht beantworten.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.

Ihre Meinung zählt!
An Nutzerbefragung teilnehmen & Prämie sichern
Jetzt mitmachen »
ihre meinung zählt!
An Nutzerbefragung teilnehmen & Prämie sichern
Jetzt mitmachen »