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Hat die Vier-Tage-Woche ihre Zeit verpasst?

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Es scheint wie eine 180-Grad-Wende. Noch vor Kurzem diskutierten große Teile der Wirtschaft über Vor- und Nachteile der Vier-Tage-Woche. Heute scheint Arbeitszeitreduktion ein Konstrukt zu sein, das nicht mehr mit der wirtschaftlichen Realität vereinbar ist. Zumindest, wenn man unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz zuhört. Merz fordert immer wieder, dass Beschäftigte in Deutschland mehr arbeiten müssen und Teilzeit so weit es geht reduziert werden soll. Nur so komme die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung.

Denn eine längere Arbeitszeit erhöhe die Produktivität. Dieser Logik nach müsste die Vier-Tage-Woche dazu führen, dass Mitarbeitende weniger produktiv sind. Ist die Vier-Tage-Woche damit ein Modell der Vergangenheit?

Wenn es nach Carsten Meier geht, dann nicht unbedingt. Meier ist Co-Founder und strategischer People & Culture Partner der Unternehmensberatung Intraprenör und hat gemeinsam mit Prof. Dr. Julia Backmannn der Universität Münster die erste Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche in Deutschland durchgeführt. 43 Unternehmen testeten das Arbeitszeitmodell. 2024 wurden die ersten Ergebnisse vorgestellt. Nun erschien ein Follow-up. Ziel dieses Folgeberichts ist es nun, zwei Jahre nach Beginn der Studie, die weiteren Entwicklungen in den teilnehmenden Organisationen zu verfolgen und ihren aktuellen Status zu bewerten.

Wie viele Unternehmen halten an der Vier-Tage-Woche fest?

Demnach haben 70 Prozent der teilnehmenden Organisationen die reduzierte Arbeitszeit beibehalten. Carsten Meiers Aussage nach nutzen viele der untersuchten Organisationen weiterhin das klassische Modell mit freiem Freitag oder Montag. Gleichzeitig lässt sich eine zunehmende Flexibilisierung im Umgang mit Arbeitszeitmodellen beobachten. Dazu zählen etwa Wahlmodelle, bei denen Mitarbeitende selbst entscheiden können, ob sie eine reduzierte Arbeitszeit auf vier oder fünf Tage verteilen. Ebenso sind saisonale Modelle möglich, bei denen in ruhigeren Phasen eine Vier-Tage-Woche gilt und in arbeitsintensiven Zeiten wieder an fünf Tagen der Tätigkeit nachgegangen wird.

Der gemeinsame Kern dieser Ansätze liegt dabei nicht in einem zusätzlichen freien Tag, sondern in der Reduzierung der Gesamtarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. In flexibleren Modellen werden laut den Studienautoren und -autorinnen wirtschaftliche Gegebenheiten, Teamstrukturen und betriebliche Anforderungen in den Vordergrund gerückt.

Unternehmen, die an der Vier-Tage-Woche festhalten, berichten weiterhin von positiven Auswirkungen. So verbesserte sich bei 75 Prozent die Arbeitgeberattraktivität. Zudem berichten 94 Prozent, dass ihre Arbeitsbedingungen sowie die Work-Life-Balance als besser wahrgenommen werden. In Bezug auf Leistung und Produktivität blieben die finanziellen Kennzahlen trotz reduzierter Arbeitszeiten und weniger Überstunden weitgehend stabil.

Hinsichtlich der Gesundheit wurden Verbesserungen bezüglich gesteigerter körperlicher Aktivität, längerer Schlafdauer und mehr Freizeitaktivitäten vermerkt. Allerdings werden nur wenige Belege für die langfristige Nachhaltigkeit von Arbeitszeitreduzierungen und deren positiven Wirkungen geliefert.

Arbeitsorganisation ist wichtiger als Arbeitszeit

Die Studienautorinnen und -autoren räumen allerdings ein: Die Einführung einer Vier-Tage-Woche muss nicht unbedingt diese positiven Auswirkungen mit sich ziehen. Denn: Der Übergang zu reduzierter Arbeitszeit ist kein garantierter Erfolg. Die Umstellung gehe mit Kosten und organisatorischen Herausforderungen einher, bei denen durchaus ein Risiko des Scheiterns bestehen könne. Sprich: Wer eine Vier-Tage-Woche einführen möchte, muss die Arbeit im Unternehmen gut organisieren.

 „Die Organisationen haben gelernt, dass Arbeitszeitreduzierung ein Veränderungsprojekt ist und kein Selbstläufer“, sagt Carsten Meier. „Die Unternehmen, die damit auch zwei Jahre später erfolgreich sind, haben ihre Prozesse hinterfragt, Abläufe und Routinen verändert und ihre Organisation teilweise digitalisiert.“ Dieses Hinterfragen habe übrigens auch den „Rückkehrern“ zur Fünf-Tage-Woche geholfen, ihre Arbeitsabläufe und Anpassungsfähigkeit zu verbessern.

Laut Meier und Team wird hier klar: Es gibt keine direkte Wechselwirkung zwischen Arbeitszeit und Produktivität. Stattdessen werde deutlich, dass eine Effizienzsteigerung durch andere Hebel bewirkt wird. „Entscheidend ist, wie Arbeit organisiert wird und wie anpassungsfähig Organisationen sind“, sagt Meier. „Wenn Organisationen die Vier-Tage-Woche ernst nehmen, lässt sich auch in weniger Zeit höhere Produktivität erreichen.“

In Engpassberufen ist die Vier-Tage-Woche weiter verbreitet

Das Follow-up der Pilotstudie ist nicht die einzige Untersuchung, die sich mit der Verbreitung der Vier-Tage-Woche in Deutschland beschäftigt. Die Bertelsmann-Stiftung hat Ende 2025 die Ergebnisse einer Analyse von Stellenanzeigen veröffentlicht. Dabei wurde untersucht, in wie vielen Stellenanzeigen aus dem Jahr 2024 eine Vier-Tage-Woche erwähnt wird. Das Ergebnis: Nur in einer von 1.000 Stellenanzeigen wird die Vier-Tage-Woche genannt – als verkürzte Vollzeit sogar nur in einer von 20.000. Vergleiche man das mit der Situation 2019, sei das Angebot kaum gestiegen.

Interessant ist: Die Vier-Tage-Woche wird weitaus häufiger in Engpassberufen angeboten oder in Jobs, bei denen die Möglichkeiten zur Flexibilisierung generell eingeschränkt sind. Eine parallel durchgeführte repräsentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zeigt zudem, dass nur vier Prozent der Unternehmen 2024 eine Vier-Tage-Woche umsetzten.

„Die Vier-Tage-Woche ist weit davon entfernt, ein flächendeckendes Arbeitszeitmodell zu sein“, heißt es vonseiten der Bertelsmann-Stiftung. „Sie ist vielmehr eine Möglichkeit, um schwer zu besetzende Stellen attraktiver zu machen beziehungsweise qualifiziertes Personal zu binden.“

Weg von Emotionalisierung, hin zu Pragmatismus

Zurück zur Pilotstudie: Überraschenderweise empfindet Meier den zurückgegangenen Hype rund um die Vier-Tage-Woche als nicht schlimm. Denn das habe zur Folge, dass Unternehmen die Vier-Tage-Woche nun deutlich pragmatischer angehen – „ohne Heilsversprechen, aber auch ohne reflexhafte Ablehnung“. Zudem hält er es für wirtschaftlich notwendig, weiter mit Arbeitszeitmodellen zu experimentieren, solange Fachkräftemangel, Wettbewerbsdruck und Produktivitätsfragen weiter auf der täglichen Agenda stehen.

„Von der Politik wünsche ich mir dabei eine konstruktivere Grundstimmung. Die Debatte ständig auf angeblich faule Beschäftigte oder mutlose Unternehmer zu verengen, hilft niemandem – und wirkt langfristig eher demotivierend als lösungsorientiert“, sagt Meier.

Tonia Schöler ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.