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MBA: Nachhaltigkeit steht immer häufiger auf dem Studienplan

Die ursprünglich durch ihre Glühbirnen bekannte Osram Licht AG setzt auf umweltverträgliche Inhaltsstoffe, eine lange Produktlebensdauer und vermeidet Abfall. Auch die Achtung der Menschenrechte spielt für das Hightech-Photonik-Unternehmen eine tragende Rolle. Damit lebt Osram – wie auch einige andere Firmen – vor, was in Unternehmen insgesamt immer mehr zum Standard werden dürfte.

Denn im Business wird verantwortungsvolles Handeln gegenüber Umwelt und Menschen zunehmend zum Qualitätsmerkmal, weiß Frank Immenga, Professor für Umweltwirtschaft und -recht und Direktor des Instituts für Compliance & Environmental Social Governance (ICESG) am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier. „Firmen werden nicht mehr daran vorbeikommen, sich dem Thema ‘Nachhaltigkeit‘ zu stellen – insbesondere, weil der gesetzliche Druck, nachhaltiger zu handeln, in den nächsten Jahren deutlich steigen wird.“

Abgesehen von Gesetzen und Regelungen zur Nachhaltigkeit erwarten (potenzielle) Mitarbeitende und Kunden ein deutliches Augenmerk auf das Thema. „Nachhaltigkeit wird zum Image-Faktor. Insbesondere die junge Generation legt Wert darauf, dass das Unternehmen, bei dem sie arbeiten, beziehungsweise von dem sie Leistungen beziehen, ökologisch und sozial korrekt agiert“, sagt Amanda Shantz, Management-Professorin und MBA-Direktorin an der Universität St. Gallen. Neben dem quantitativen Aspekt von Nachhaltigkeit sei für die Unternehmen daher auch der qualitative Aspekt ihrer Effektivität bezüglich Nachhaltigkeit wichtig.

Organisch gewachsene Inhalte an der Universität St. Gallen

Environmental Social Governance, Imagegründe und/oder die reine Überzeugung, dass es in der heutigen Zeit dringend notwendig ist, ökologisch und sozial verantwortungsvoll zu wirtschaften – für Nachhaltigkeitsmanagement gibt es viele Gründe. In Unternehmen spielt die Integration von Nachhaltigkeit in betriebswirtschaftliche Managementkonzepte daher eine zunehmend große Rolle. Entsprechend wird das Thema inzwischen auch mehr und mehr in die Managementausbildung integriert.

An der Universität St. Gallen ist dies quasi automatisch erfolgt, da bei vielen unternehmerischen Entscheidungen außer wirtschaftlichen inzwischen auch ökologische und soziale Aspekte berücksichtigt werden müssen. „Unser MBA-Studiengang hat sich organisch mit der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeit weiterentwickelt, – schon allein darum, weil Fallstudien hier eine große Rolle spielen“, berichtet Amanda Shantz.

Wie wichtig ist Sustainability?

Wie groß der Anteil von Sustainability inzwischen in der Lehre ist, sei offensichtlich geworden, als die Verantwortlichen des MBA-Rankings der Financial Times darum gebeten hätten, Informationen und Maßnahmen bezüglich Nachhaltigkeit für das Ranking durchzugeben. „Bei unserer Analyse haben wir festgestellt, dass bereits mehr als ein Drittel des MBA-Inhalts ESG betrifft“, so Shantz.

In Zukunft will die MBA-Direktorin dem Thema „Nachhaltigkeit“ auch strukturell mehr Ausdruck verleihen: Das nächste Curriculum, das im September 2022 startet, umfasst einen neuen Kurs mit dem Titel „Purpose“. Dabei soll es laut Shantz insbesondere um Strategie und Nachhaltigkeit gehen – und damit verbunden um die Frage nach dem Sinn des unternehmerischen Tuns, die für ein strategisches Vorgehen von wesentlicher Bedeutung ist. Aber auch die Messbarkeit von Nachhaltigkeit soll in dem Kurs intensiv behandelt werden.

Ranking für „Better World MBA“

Während das MBA-Ranking der Financial Times die Themen Corporate Social Responsibility, Ethik und Nachhaltigkeit als einige wichtige Aspekte von vielen in seine Wertung einbezieht, ist das Top 40-Ranking „Better World MBA Corporate Knights“ spezialisiert auf das Thema Nachhaltigkeit.

Bei Corporate Knights handelt es sich um ein Forschungsunternehmen mit gleichnamigem Magazin für nachhaltige Wirtschaft mit Sitz in Toronto. Laut dessen CEO Toby Heaps, sollte es Anspruch eines jeden MBA-Programms sein, Führungskräften einen ganzheitlichen Sinn zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass sie über die Kompetenzen, Hilfsmittel und Werte verfügen, mit denen sie eine inklusivere, gesünderer Wirtschaft aufbauen können, die der Gesellschaft zugutekommt und im Einklang mit der Natur existiert. Ausgehend von diesem Standpunkt wird das Ranking von Corporate Knights bereits seit mehr als zehn Jahren durchgeführt, die ersten Jahre noch unter dem Titel „Sustainable MBA“.

Das Better-World-MBA-Ranking 2021 umfasst sämtliche Wirtschaftshochschulen aus dem aktuellen MBA-Ranking der Financial Times, die Top 40 des Better World MBA aus dem Jahr 2020 sowie alle aktuellen PRME-Champions – jene Business- und Management Schools, die Mitglieder der UN-Initiative „PRME Principles for Responsible Management Education“ sind.

Universität St. Gallen unter den Top Ten

Die nötigen Daten für das Ranking Better World MBA 2021 wurden aus öffentlich zugänglichen Informationen anhand von fünf Leistungsmerkmalen (KPI) ermittelt. Dazu gehören Integration von Nachhaltigkeit in Kernkursen, Forschungspublikationen zum Thema Nachhaltigkeit aller Lehrkräfte im Jahr 2020 sowie Forschungsinstitute und -zentren mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit. 

Von den Hochschulen und Business Schools aus dem deutschsprachigen Raum erfüllt die Universität St. Gallen die Kriterien am besten. Sie nimmt Platz neun ein und rangiert somit auch weltweit unter den Top Ten der nachhaltigsten MBAs. Die WHU – Otto Beisheim School of Management rangiert als beste deutsche Business School für Nachhaltigkeit auf Platz 23, die Mannheim Business School landete auf Platz 26.

Führungskräften Verantwortung bewusst machen

Bei der WHU – Otto Beisheim School of Management sticht insbesondere das „Center for Responsible Leadership“ hervor, – eine Plattform für den Austausch zwischen Unternehmen und Wissenschaftlern, mit der eine Basis für Lehre und Wissensaufbau im Bereich Führung, Wirtschaftsethik und Unternehmertum geschaffen werden soll. Zudem stellt die private Hochschule ihrem MBA den einwöchigen Leadership-Kurs „Future Leaders Fundraising Challenge“ voran, der mit darauf ausgelegt ist, den Studierenden gesellschaftliche Verantwortung von Führungskräften über ihr Unternehmen hinaus bewusst zu machen.

Laut eigener Angaben sind Ethik, soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit von jeher in das Curriculum der Otto Beisheim School of Management integriert. Ebenso verhält es sich bei der Mannheim Business School, wie dessen Director Marketing and Communications Ralf Bürkle mitteilt. „Inzwischen durchdringen die Themen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zudem alle Fächer unserer MBA-Programme – von Finance über Lieferketten und Logistik bis hin zum Marketing“, sagt Bürkle.

Info

Spezialisierte Weiterbildungen jenseits des MBA

Jenseits ihres MBA hat die Mannheim Business School außerdem kürzlich den Mannheim Master of Sustainability and Impact Management auf den Markt gebracht. Start des berufsbegleitenden Studiengangs, der sich an Nachwuchskräfte mit einem Erstabschluss und ersten Berufserfahrungen richtet, war im September 2021. Laut Bürkle werden in dem neuen Weiterbildungsstudium grundlegende Management-Lehrinhalte mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung betrachtet. Zudem sind Veranstaltungen zu Themengebieten wie Impact Measurement und Valuation, Dekarbonisierung, Impact Investing oder Social Entrepreneurship fester Bestandteil des Curriculums. Wahlfächer lassen darüber hinaus individuelle Schwerpunktsetzungen zu.

Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung oder zu unternehmerischem Denken sollen die Studierenden überdies in die Lage versetzen, Veränderungsprozesse in Unternehmen anzustoßen sowie umzusetzen. Mit ihrem Weiterbildungsangebot im Bereich Nachhaltigkeit ist die Mannheim Business School nicht alleine. Immer mehr Hochschulen streben mit spezialisierten Studiengängen auf den Markt. Das ist einerseits erfreulich, weil ökologische und soziale Verantwortung im Management sich dadurch „etabliert“. Andererseits wird der Markt aber auch zunehmend unübersichtlich.

Während die Qualität des Studiengangs der Mannheim Business School als gesichert gilt, ist bei einigen anderen Angeboten genauer hinzuschauen – insbesondere, weil die Länder teilweise Fördergelder für nachhaltig orientierte Studiengänge zahlen und dies so manche Hochschule zu Schnellschüssen bewegt.

Der wahrscheinlich weltweit erste „Green MBA“

Zurück zum MBA-Markt: Eine Besonderheit hier ist der MBA-Studiengang Nachhaltigkeitsmanagement der Leuphana Universität Lüneburg. Gestartet ist der „MBA Sustainability Management“ bereits im Jahr 2003, wahrscheinlich als weltweit erster „Green MBA“. 

Stefan Schaltegger, der den Studiengang entwickelt hat, war bereits zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt, dass die Wirtschaft Manager in Schlüsselpositionen braucht, die über das Know-how zum Nachhaltigkeitsmanagement verfügen. Umwelt und Wirtschaft dürfen seiner Ansicht nach nicht im Widerspruch stehen, dem Thema „Ökobilanz und Umweltrechnungslegung“ widmete er sich gemeinsam mit Andreas Sturm in seiner Dissertation, die im Jahr 1992 erschien.

„Mit unserem MBA wollen wir in den Unternehmen Menschen befähigen, Agenten eines Wandels für Nachhaltigkeit zu werden“, so Schaltegger. Der Anspruch geht somit weit darüber hinaus, sich bloß mit den Themen der ökologischen und sozialen Verantwortung zu befassen. Wer sich für den MBA Sustainability Management der Leuphana Universität Lüneburg entscheidet, sollte vielmehr aktiv einen Wandel in den Unternehmen voranbringen wollen.

„Alle Unternehmen sind gefordert, Nachhaltigkeitslösungen zu finden. Je länger wir die Probleme nicht gelöst haben desto größer werden die Herausforderungen und desto radikaler müssen die Veränderungen sein“, sagt Schaltegger. Wichtig seien demnach Menschen in Entscheidungsfunktionen der Unternehmen, die als Persönlichkeit überzeugen und über fundiertes Know-how zu Nachhaltigkeit verfügen.

Radikale Lösungen erarbeiten

Der Lehrplan des MBAs wird beständig an die neusten Erkenntnisse angepasst. „Viele Themen haben sich in den vergangenen Jahren sehr stark weiterentwickelt“, sagt Schaltegger. So seien Lösungen früher vorrangig produktorientiert gewesen und aus der Perspektive einer Effizienzverbesserung betrachtet worden.

Heute indes seien die Ansätze weitaus radikaler, sie würden das Kerngeschäft grundlegend anders denken. „So etwas wie Elektromobilität oder Carsharing war früher kein Thema“, nennt Schaltegger ein Beispiel. „Stattdessen habe man sich lange Zeit zum Ziel gesetzt, ein Ein-Liter-Auto zu entwickeln“.

In den einwöchigen Abschluss-Workshops des MBA Sustainability Management werden mitunter solch radikale Lösungen erarbeitet. „Ein führender Heizungshersteller hat beispielsweise durch Arbeiten und Impulse der Studierenden seine Strategie vollkommen geändert und auf Nachhaltigkeit ausgerichtet“, berichtet der Professor für Nachhaltigkeitsmanagement nicht ohne Stolz.

Die Studierenden sind im Workshop gefordert, alles, was sie im MBA-Studium gelernt haben, einzubringen. Hierzu bearbeiten sie gemeinsam Nachhaltigkeitsprojekte in einem Unternehmen. Die rund 25 Teilnehmenden werden dabei in vier bis fünf Gruppen für unterschiedliche Themen aufgeteilt, die im Vorfeld mit dem Unternehmen besprochen werden. „Regelmäßige Themen sind dabei die strategische Ausrichtung, externe Nachhaltigkeitskommunikation und Mitarbeitermotivation, wo der Frage nachgegangen wird, wie die Mitarbeitenden stärker in das Nachhaltigkeitsmanagement eingebunden werden können“, erläutert Schaltegger.

Moralisches Handeln mehr thematisieren

Der Professor hofft, dass Nachhaltigkeitsmanagement in der Wirtschaft irgendwann zur Normalität wird. Bis dahin sei es jedoch noch ein weiter Weg. Damit sich dieser ein Stück weit verkürzen lässt, plädiert Amanda Shantz von der Universität St. Gallen dafür, dass Hochschulen und Business Schools beziehungsweise deren Lehrende in ihren MBAs neben Umweltaspekten auch mehr über moralisches Handeln sprechen. „Wem zum Beispiel sollte bei der Kaffeeproduktion mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden: den Shareholdern oder den Menschen, die in den Kaffeeplantagen arbeiten?“, verdeutlicht sie, um welche Problematiken es unter anderem geht. Für solche Herausforderungen müssten die Studierenden besser vorbereitet werden.