Personalwirtschaft: Herr Professor Frohn, Sie leiten das Institut für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA) und führen aktuell eine Studie dazu durch, wie viele queere Menschen sich heutzutage bei der Arbeit outen. 2017 haben Sie die Studie schon einmal gemacht. Welche Ergebnisse gab es damals?
Dominic Frohn: Im Jahr 2017 konnten wir folgende Verteilung bei den Befragten messen: Etwa ein Drittel der lesbischen und schwulen Beschäftigten kann als verschlossen beschrieben werden. 1997 waren dies noch 67 Prozent. Es ist also etwas in Bewegung und gleichzeitig ist noch viel zu tun. Vor allem im Bereich weiterer Personengruppen aus dem queeren Spektrum: 56 Prozent der bisexuellen Beschäftigten und fast 70 Prozent der transgeschlechtlichen Beschäftigten sprechen bei der Arbeit nicht offen über ihre sexuelle beziehungsweise geschlechtliche Identität.
Woran liegt es, dass sich bisexuelle und trans Menschen tendenziell seltener outen als homosexuelle Mitarbeitende?
Wie es zu dieser Verteilung kommt, ist anhand unserer Zahlen nicht wissenschaftlich abzuleiten. Meine Hypothese ist jedoch, dass die Lebenssituation lesbischer und schwuler Personen schon deutlich länger ein gesellschaftspolitisches Thema ist, während die Situation bisexueller Menschen lange unberücksichtigt blieb. Die Lebenssituation transgeschlechtlicher Personen ist erst seit wenigen Jahren ein Thema. Für inter* Personen liegen insgesamt noch nicht ausreichend Daten vor: Daher sind wir auf die Ergebnisse der kommenden Erhebung „Out im Office?!“ sehr gespannt.
Woran liegt es, dass sich Menschen nicht outen?
LSBT*I*Q+-Personen erleben nach wie vor in erstaunlich hohem Umfang Diskriminierung und Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz. Das hält einige davon ab, offen über ihre sexuelle und geschlechtliche Identität zu sprechen.
Trotzdem outen sich laut Ihren Erkenntnissen mehr Menschen als noch vor einigen Jahren. Was sind die Gründe hierfür?
Wir beobachten, dass immer mehr Menschen von ihrem Arbeitgeber einfordern, dass sie ihre Identität kommunizieren können, ohne dadurch benachteiligt zu werden. Als lesbische Führungskraft unbeschwert mit Kollegen:innen nach dem Urlaub darüber sprechen zu können, wohin sie mit ihrer Partnerin verreist ist und wie es ihnen beiden dort gefallen hat, sollte ihrer Meinung nach eine Selbstverständlichkeit in Unternehmen sein.
Welche möglichen Auswirkungen hat es für Arbeitgeber, wenn sich queere Menschen in ihrem Unternehmen nicht outen wollen oder sich nicht trauen, über ihre sexuelle und geschlechtliche Identität zu sprechen?
Wir können wissenschaftlich bestätigen, dass sich ein verschlossener Umgang mit der sexuellen und geschlechtlichen Identität am Arbeitsplatz negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirkt. Umgekehrt hat ein offener Umgang positive Auswirkungen auf diverse leistungsrelevante Variablen, wie zum Beispiel Arbeitszufriedenheit oder Verbundenheit mit Arbeitgebenden. Wenn Menschen mit ihrer Identität in Unternehmen selbstverständlich offen sein können, hat dies also nicht nur für die LSBT*I*Q+-Personen selbst in der Regel erfreuliche Auswirkungen, sondern es ist auch für Unternehmen von Vorteil.
Info
Für eine Neuauflage der Studienreihe „Out im Office?!“ suchen Dominic Frohn und sein Team vom Institut für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung LSBT*I*Q+-Beschäftigte. Die Studie möchte Erkenntnisse zur Arbeitssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* sowie inter* und queeren Mitarbeitenden liefern. Hier können Interessierte an der Studie teilnehmen.
Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch das Thema Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit und das HR Forum Banking.

