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Wie sind die Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten und Co.?

Gutes und Schlechtes hört man derzeit über Lieferdienste. Während ihr wirtschaftlicher Erfolg durch die Corona-Krise gefördert wurde, werden Beschwerden über schlechte Arbeitsbedingungen laut. Handelt es sich bei den Klagen gegen die Dienstleister um Einzelfälle oder zeigen sie ein größeres branchenspezifisches Problem auf? Das wollte die Initiative Fairword herausfinden und hat zwölf digitale Plattformen untersucht sowie fünf Kriterien unter die Lupe genommen: Bezahlung, Arbeitsbedingungen, Verträge, Management-Prozesse und Mitbestimmung. Die Studie wurde unter anderem vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin und der University of Oxford durchgeführt.

Bezahlung variiert je nach Beschäftigungsart

Was das Kriterium Bezahlung betrifft, so zahlen die meisten untersuchten Plattformen Löhne, die nach Abzug der betrieblichen Kosten über dem gesetzlichen Mindestlohn von 9,60 Euro liegen. Vor allem die Dienstleister, die Personal als Selbstständige, freie Mitarbeiter oder Subunternehmer beschäftigen, haben jedoch oft keine Lohnuntergrenze, bieten keine Entschädigung für pandemiebedingt ausgefallene Arbeit oder verlangen hohe Provisionen wie etwa Helping und Betreut.de: Die Plattformen fungieren als Schnittstelle zwischen Freelancern und Kunden und ermöglicht es diesen, sich gegenseitig zu finden. Helping behält für die ersten drei Schichten mit jedem neuen Kunden 40 Prozent Provision ein. Man muss also länger für die Plattform arbeiten, damit es sich lohnt.

Prekäre Arbeitsbedingungen keine Seltenheit

Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen stellten die Studienverfasser fest, dass viele Beschäftigte unter prekären Bedingungen tätig sind. Denn die meisten Arbeitsplätze werden nicht regelmäßig auf ihre Sicherheit geprüft. Zum Beispiel schützt die zur Verfügung gestellte Ausrüstung nicht ausreichend vor Risiken, Lager erfüllten die grundlegenden Sicherheitsstandards nicht oder die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen sich ihre Ausrüstung, unter anderem Schutzmasken und Desinfektionsmittel, selbst beschaffen. Bei Lieferando zum Beispiel sollten die Beschäftigten ihre privaten Fahrräder und Handys nutzen, um Kunden zu beliefern. Das Bundesarbeitsgericht kam jedoch zu dem Urteil, dass der Lieferdienst den Fahrern Diensthandy und -fahrrad stellen muss.

Unbefristete Verträge

Da Arbeitsverträge in Deutschland gesetzlich stark reglementiert sind, müssen Beschäftigte umfassende und zumeist zweisprachige Verträge oder Geschäftsbedingungen erhalten. Daran hielten sich die meisten Lieferdienste. Das gilt auch für die Datenschutzregelungen. Bei den Essens- und Lebensmittellieferdiensten war Ende 2021 eine Verbesserung der Vertragsbedingungen zu beobachten; mittlerweile erhalten mehr Beschäftigte unbefristete Verträge. Bei den Fahrdiensten zeigte sich allerdings, dass sie inzwischen meistens mit Subunternehmen arbeiten. Dadurch üben die Plattformen nur wenig Kontrolle über die Verträge aus. So ist es möglich, dass Beschäftigte, die für eine Plattform, aber verschiedene Subunternehmen fahren, verschiedene Arbeitsbedingungen haben und ungleich bezahlt werden.

Ansprechpartner für Beschäftigte oft nicht vorhanden

Die Analyse der Management-Prozesse ergab, dass die meisten Plattformen ihren Arbeitern und Arbeiterinnen zwar eine designierte Ansprechperson für ihre Anliegen zur Verfügung stellen, die Beschäftigten jedoch oft auf deren Antwort warten müssen. Häufig müssen sie Probleme unter sich lösen und gehen in der Folge Konflikten oft aus dem Weg – aus Angst, den Job zu verlieren. Zudem verfügen trotz des hohen Anteils an migrantischen und weiblichen Arbeitskräften die meisten Plattformen nicht über Antidiskriminierungsmaßnahmen am Arbeitsplatz oder über Mittel zur Bekämpfung von diskriminierendem Verhalten von Kunden und Auftraggebern. Das stelle vor allem im Bereich der Haus- und Pflegearbeit ein großes Problem für die Beschäftigten dar, so die Studienverfasser. Nur fünf der zwölf Plattformen setzen sich gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz ein.

Mitbestimmung liegt meist (noch) im Argen

Bezüglich der Mitbestimmung zeigt sich, dass nur wenige der Unternehmen über funktionierende Gremien verfügen, in denen die Beschäftigten zu Wort kommen – und wenn, so befinden sie sich erst in einem frühen Stadium. Vergangenes Jahr versuchten zwar immer mehr Beschäftigte – vor allem von Essens- und Lebensmittellieferdiensten – Betriebsräte zu bilden, was jedoch einige Firmen aktiv zu verhindern suchten, zum Beispiel durch Abmahnungen oder auch durch Änderung ihrer Geschäftsmodelle. Insbesondere Gorillas machte negative Schlagzeilen, weil der Lieferdienst versuchte, die Gründung eines Betriebsrats zu verhindern. Außerdem gab es dort Ärger mit Massenentlassungen.

Wo sind die Arbeitsbedingungen am besten?

Im Fairness-Ranking der zwölf untersuchten Plattformen konnte jedes Unternehmen maximal zehn Punkte erhalten. Der Spitzenreiter Zenjob, ein 2015 gegründeter Personaldienstleister in Berlin, erreichte neun Punkte. Den zweiten Platz mit je sieben Punkten teilen sich die Lieferdienste Wolt und Lieferando. Auf den mittleren Rängen befinden sich Flink, Lieferdienst für Supermärkte, und Careship, eine Plattform für Alltagshelfer in der Nachbarschaft, mit je sechs Punkten sowie der Lebensmittellieferdienst Getir mit fünf Punkten. Der Lieferdienst Amazon Flex kommt auf drei Punkte. Betreut.de, ein Portal für Betreuung und Haushaltshilfe, außerdem Helpling, Online-Marktplatz für Putzkräfte, und Gorillas befinden sich mit nur je zwei Punkten auf dem vorletzten Platz. Den letzten Platz teilen sich die Taxi-Apps Freenow und Uber mit jeweils nur einem Punkt. 

Das Fairwork Deutschland Rating 2021 steht hier zum Download zur Verfügung.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.