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Flughäfen holen nur wenige Aushilfen aus der Türkei

UPDATE 24. August: Die Zahlen dürften sogar noch niedriger liegen. In einem Zeitungsbericht sind von lediglich 32 erteilten Visa die Rede.

Der größte deutsche Flughafen will keine Aushilfskräfte aus der Türkei einstellen. „Intensive Gespräche mit den türkischen Personaldienstleistern und detaillierte Prüfungen zugesendeter Personalunterlagen haben gezeigt, dass das tatsächliche Qualifikationsniveau vielfach deutlich unter unseren geforderten Minimalanforderungen liegt“, sagte Dieter Hulick, Sprecher der Frankfurter Betreibergesellschaft Fraport der Frankfurter Rundschau in der vergangenen Woche. Schulungen seien angesichts des befristeten Einsatzes über lediglich drei Monate nicht sinnvoll. 

Ursprünglich war mit rund 2.000 Aushilfskräften aus der Türkei gerechnet worden, die dabei helfen sollten, den akuten Personalmangel an den Airports zumindest zeitweilig zu entschärfen. Und noch Anfang des Monats hatte Thomas Richter, Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL), dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gesagt, es sei „realistisch, dass bis Mitte August 250 ausländische Hilfskräfte da sind“. 

Hamburg und Stuttgart bereiteten sich weit vor den Sommerferien auf den Personalengpass vor 

Fragt man bei den großen Betreibergesellschaften einmal nach, könnte selbst diese Zahl zu hoch angesetzt sein. Neben Frankfurt hat auch der Hamburger Flughafen das Programm nicht genutzt – dies aber auch nie vorgehabt, wie die Pressestelle unserer Redaktion auf Anfrage schrieb. Man habe von Anfang an keinen Bedarf an türkischen Hilfskräften angemeldet, die Gepäckbe- und entladung laufe auch so im Regelbetrieb. „Unsere Bodenverkehrsdienste, die im HAM Ground Handling als 100-prozentige Tochter des Flughafens zusammengeführt sind, haben weitsichtig inmitten der Lockdowns und Reisebeschränkungen befristet Beschäftigte übernommen“, heißt es weiter. Zudem seien schon vor Monaten zusätzliche Arbeitskräfte im europäischen Ausland gesucht worden, „weil der Hamburger Arbeitsmarkt leergefegt ist“. Rund 40 Mitarbeitende aus dem EU-Mitgliedsstaat Griechenland seien so eingestellt worden. 

Auch in Stuttgart war eine Verstärkung aus dem Türkei-Programm nicht nötig, wie uns eine Sprecherin bestätigte. „Der Flughafen Stuttgart ist personell vergleichsweise gut ausgestattet und konnte den Reiseverkehr diesen Sommer bislang gut bewältigen.“ In den beiden Pandemiejahren sei dank der Kurzarbeit das Stammpersonal weitgehend an Bord geblieben, auch wenn im Passagier- und Gepäckhandling befristete Verträge nicht verlängert wurden. Im Rahmen einer Einstellungsoffensive seien schon im Frühjahr rund 200 Stellen neubesetzt worden. „Davon konnten weit über 90 Prozent aus dem lokalen Arbeitsmarkt heraus besetzt werden“, betonte die Sprecherin. 

Unterschiedliche Sprachvoraussetzungen 

Auch dort, wo Aushilfskräfte angeworben wurden, ist ihre Zahl relativ gering – und oft sind die Arbeitskräfte noch nicht vor Ort. Etwa in Nürnberg, wo man 15 bis 20 Aushilfskräfte erwartet. „Der aktuelle Stand ist, dass ein Visum ausgestellt wird“, schreibt ein Sprecher unserer Redaktion. Sie würden eingesetzt, um Koffer auf die Förderbänder zu laden sowie eventuell auch Flugzeuge zu reinigen. Für die Tätigkeiten werde es Schulungen und Einweisungen geben. Eine Beschäftigung sei nach aktuellem Stand bis zum 6. November möglich. Aber auch am zweitgrößten bayerischen Flughafen wurde das Gros der Vakanzen durch einheimische Arbeitskräfte gefüllt: „Wir haben seit Dezember 2021 rund 150 Kolleginnen und Kollegen für die operativen Bereiche über eine Social Media- & Online-Kampagne überwiegend in der Metropolregion Nürnberg akquiriert“. 

Die höchsten Zahlen an türkischen Arbeitskräften meldet der Flughafen der Landeshauptstadt München. 45 Aushilfen sollen dort ab der kommenden Woche arbeiten. „Wir benötigen derzeit vor allem Unterstützung im Innendienst bei der Gepäckeinschleusung“, sagt Kerstin Bahr, Personalleiterin des dortigen Abfertigungsunternehmens AeroGround Flughafen München. Dort seien zumindest Deutschkenntnisse nicht so wichtig wie bei Jobs mit Kundenkontakt. „Die 45 decken tatsächlichen unseren Bedarf an Kräften ohne größeren Schulungsaufwand und geringen Deutschkenntnissen“, sagt Bahr weiter. „Für alle anderen Positionen ist ein höherer Schulungsaufwand nötig, der sich nur bei einem längeren Einsatz lohnt und für den gute Deutschkenntnisse erforderlich sind.“ 

„Aufwendiges und zeitkritisches Verfahren“ 

Genauere Zahlen über die ganze Branche hinweg zu bekommen, ist nicht ganz leicht, weil viel Personal bei Dienstleistern angestellt ist und diese die Bedarfe ermitteln. Das sind teilweise Tochterunternehmen der Betreiber, teilweise aber auch externe Unternehmen, die auf verschiedenen Flughäfen tätig sind. So kann der Berliner Flughafen ebenso wenig Zahlen zum Personalbedarf nennen wie der in Düsseldorf. Man habe allerdings den Dienstleistern eine Bedarfsanmeldung empfohlen. Nach Kenntnis des Düsseldorfer Flughafens seien noch keine Fachkräfte aus der Türkei im Einsatz, teilte ein Sprecher unserer Redaktion mit. Auch der ABL-Chef Thomas Richter spricht mittlerweile von nur 150 Aushilfen plus „einige beim Dienstleister Swissport-Losch“, wie es in einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur heißt. 

Kritisiert wurde von der Branche an dem Ende Juni von der Politik beschlossenen Programm vor allem die langwierige Zuverlässigkeitsüberprüfung (ZÜP), die bei der Einstellung von Flughafenpersonal nötig ist – auch bei Aushilfskräften. „Bei einer mehrwöchigen Wartezeit bis zum Abschluss der ZÜP springen viele potenzielle Bewerber ab und nehmen Angebote aus anderen Branchen an“, heißt es von Seiten des Flughafenverbands ADV. Insgesamt dauere es alleine sechs Wochen, bis die ZÜP abgeschlossen sei, dazu kommt noch das eigentliche unternehmensinterne Bewerbungs- sowie das Visumsverfahren. „Trotz der von der Bundesregierung veranlassten administrativen Erleichterungen ein aufwendiges und zeitkritisches Verfahren“, schlussfolgert der Verband. Die ZÜP sei eine Einstellungshürde, die es in keiner Branche außer dem Luftverkehr gebe. Die Rekrutierung von dringend benötigtem Personal könne durch eine effizientere und damit kürzere Zuverlässigkeitsüberprüfung deutlich erleichtert werden, ohne dass auf Sicherheitsstandards verzichtet wird. 

Im kommenden Jahr wolle man ohnehin wieder mehr auf „normale“ Tarifbeschäftigte zurückgreifen, bestätigte der ABL. Die letztlich erfolglose Anwerbung von Aushilfskräften aus der Türkei werde man für 2023 nicht erneut verfolgen, sagte am Donnerstag der Chef ihres Verbandes, Thomas Richter. 

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft und schreibt off- und online. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Arbeitsrecht, HR-Start-ups und Recruiting.