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Kurzer Recruiting-Prozess: Yormas fragt Bewerbende nur nach drei Informationen

Wer häufig mit dem Zug unterwegs ist und sich auf dem Weg ein Brötchen oder einen Kaffee bei Yormas holt, hat die Boxen mit Kärtchen vielleicht schon gesehen. Sie stehen auf der Theke in guter Sicht zu den Kunden und Kundinnen und dienen als Bewerbungsportal. Denn statt eines Lebenslaufs und einer Bewerbung müssen Menschen, die für Yormas arbeiten möchten, lediglich eine der Karten ausfüllen und in der Filiale hinterlassen. Dieses Recruiting-Konzept gibt es beim Systemgastronom bereits seit rund 20 Jahren.

Damals seien viele Bewerbende einfach so in die Filialen gekommen und hätten nach Jobmöglichkeiten gefragt. Verkäuferinnen und Verkäufer hätten nicht immer Zeit gehabt, um die Kontaktdaten der Interessierten festzuhalten, weil sie Kunden und Kundinnen betreuen mussten. Die Kontaktdaten seien deshalb nicht aufgenommen oder verloren worden, was für das Recruiting damals schon fatal gewesen sei.

Auf die Schnelligkeit kommt es an

Die Rückseite der Bewerbungs-Karte von Yormas. (Foto: Tamara Eberl)

Auf den Karten müssen Interessierte nur drei Informationen hinterlassen: ihren Namen, eine Telefonnummer und ihre E-Mail-Adresse. „Für uns ist die Schnelligkeit im Recruiting-Prozess das Wichtigste“, sagt Tamara Eberl, Leitung Kreativabteilung und Tochter des Vorstandsvorsitzenden bei Yormas. Denn die Fluktuationsrate in der Systemgastronomie ist hoch: Seit Beginn des Jahres wurden schon 400 Menschen eingestellt. Das sind mehr als ein Viertel der gesamten Mitarbeiterzahl bei Yormas, nämlich rund 1.100, die auf 62 Filialen in Deutschland verteilt sind.  Neue Mitarbeitende werden also immer schnell gesucht. Die Hemmschwelle zur Bewerbung soll so gering wie möglich gehalten werden.

Wer sich vorstellen kann, bei Yormas zu arbeiten, muss daher nur drei Informationen hinterlassen und kann dies im Stillen ohne persönlichen Kontakt zum Yormas-Team tun. „Viele trauen sich nicht, eine traditionelle Bewerbung abzugeben, oder uns aufgrund von schlechter Deutschkenntnisse oder sonstiger Gründe anzusprechen“, sagt Eberl. Deutschkenntnisse seien zwar auch für den Service wichtig, doch diese eigne man sich während der Arbeit schnell an.

Unternehmen nutzt Karten als zusätzliches Hilfsmittel

Das Recruiting-Konzept wird angenommen: Drei bis vier Karten in der Woche gehen laut Eberl pro Filiale ein – wobei die Zahl abhängig von der Größe der Stadt ist. Welchen Anteil die Bewerbungen per Karte ausmachen, werden von Yormas allerdings nicht erhoben. Fest steht laut Eberl nur, dass die Zahlen der Bewerbungen seit der Einführung der Karten angestiegen sind. Sie funktionieren also mindestens als zusätzliches Hilfsmittel zum Karriereportal der Webseite, Werbungen auf Bildschirmen an der Theke, Plattformen im Internet wie Ebay-Kleinanzeigen, Plakaten an den Scheiben der Filiale sowie einer Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit.  

Yormas glaubt an Learning by Doing statt an mitgebrachte Qualifikationen

Egal über welchen Weg der Erstkontakt beim Recruiting zustande kommt, im zweiten Schritt rufen der Regionalleiter oder die Filialleiterin die Interessierten an und laden sie zu einem Gespräch ein. Denn so einfach, wie der Bewerbungsprozess für die Interessierten begonnen hat, soll er auch weitergehen: Das Bewerbungsgespräch ist laut Eberl ein Austausch über Arbeitszeiten, Lohn und mögliche Positionen. Dann folge ein Probearbeiten. Bestehende Qualifikationen oder zwischenmenschliche Eigenschaften erachtet das Yormas-Team nicht als ein wichtiges Thema für das Interview. „Beim Probearbeiten sieht man, ob die Person für uns arbeiten will und kann“, sagt Eberl. Für den Job benötigte Fähigkeiten könnten sich die neuen Angestellten während der Arbeit aneignen. „Auch Deutsch lernen sie zur Not schneller im Verkauf und gemeinsam mit den Kollegen als in einer Sprachschule.“

Trotz vereinfachtem Bewerbungsprozess spürt auch Yormas den Personalmangel. Mit diesem habe sich auch die Haltung vieler Bewerbende geändert. Erschienen früher noch fast alle Interessierten, die ihre Kontaktdaten hinterlassen hatten, zum Vorstellungsgespräch, tue dies heute nur noch rund die Hälfte. „Heute kommen von zehn Kontaktierten fünf zum Vorstellungsgespräch und drei stellen wir dann ein“, sagt die Marketing-Leiterin. Der Grund für die recht geringe Erfolgsquote: „Die Bewerbenden machen öfter einen Rückzieher.“ Wie sich das ändern lässt, habe das Yormas-Team bisher noch nicht herausgefunden. Umso wichtiger sei es aber, auch in Zukunft die Hemmschwelle für Bewerbungen so viel wie möglich abzubauen.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.