Leistung soll sich lohnen. Diese Annahme prägt Vergütungsmodelle, Zielvereinbarungen und Bonussysteme in vielen Unternehmen. Variable Bezahlung gilt dabei als Ausdruck von Fairness und Effizienz – wer mehr beiträgt, soll mehr erhalten. Doch welche Folgen hat diese Logik jenseits der reinen Leistungskennzahlen?
Dieser Frage sind jetzt Forschende vom Lehrstuhl für Arbeitsmarktökonomik der Universität Trier unter Leitung von Professor Dr. Uwe Jirjahn nachgegangen. Grundlage ihrer Analysen ist das deutsche Sozio-ökonomische Panel (SOEP), eine seit 1984 laufende Wiederholungsbefragung. Jährlich geben darin bis zu 30.000 Menschen Auskunft zu Arbeit, Einkommen, Bildung, Wohnsituation, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Für die aktuellen Untersuchungen wurden Daten aus den Jahren 2004 bis 2016 ausgewertet.
Leistungsabhängige Bezahlung erhöht den Stress
Ein zentraler Befund der Trierer Forschung: Leistungsabhängige Bezahlung geht signifikant häufiger mit erhöhtem Stress und sozialen Spannungen einher als das bei fixen Entlohnungsmodelle der Fall ist. Dieser Zusammenhang bleibt auch dann bestehen, wenn Faktoren wie Einkommen, Arbeitszeit oder Berufsstatus statistisch berücksichtigt werden, heißt es.
Besonders ausgeprägt fallen die Effekte demnach dort aus, wo Leistungsdruck auf Unsicherheit im Erwerbsverlauf oder zusätzliche private Belastungen trifft. In diesen Konstellationen steigt die Wahrscheinlichkeit von Stressreaktionen und sozialer Belastung deutlich an, haben die Forschenden herausgefunden.
Daneben hat eine leistungsorientierte Bezahlung bei manchen Angestellten offenbar noch einen weiteren negativen Effekt: So fördere eine solche Entlohnung den Alkoholkonsum, was wiederum auf den höheren Stressfaktor oder auch Einsamkeit zurückgeführt werden könne. Menschen, die leistungsbasiert bezahlt werden, würden häufiger trinken und mehr verschiedene Alkoholsorten zu sich nehmen, so der Befund. Bei Frauen sei der Effekt etwas stärker als bei Männern. „Eine Erklärung dafür ist, dass Frauen neben der Arbeit deutlich häufiger familiäre Aufgaben übernehmen und dementsprechend noch mehr Stress spüren“, erläutert Uwe Jirjahn.
Unterschiede zwischen den Geschlechtern
Mit Blick auf Männer und Frauen haben die Trierer Forscherinnen und Forscher einige geschlechterspezifische Unterschiede ausgemacht. So stehe eine leistungsgerechte Vergütung beispielsweise in Zusammenhang mit höheren Scheidungsraten. Dies treffe allerdings nur auf Paare zu, bei denen die Frau leistungsbezogen entlohnt werde.
„Dafür gibt es vor allem zwei mögliche Ursachen: Es könnte einerseits daran liegen, dass Frauen, die leistungsbezogen bezahlt werden, finanziell selbständiger sind und so eher eine unpassende Partnerschaft beenden.“, führt Mehrzad Baktash, einer der Studienverantwortlichen, aus. „Andererseits fordern höhere Einkünfte bei Frauen die immer noch mehrheitlich verbreiteten Gender-Normen in Beziehungen heraus, was ebenfalls häufiger zu Trennungen führt.“
Positiver Nebeneffekt
Es gebe jedoch auch positive Auswirkungen einer leistungsabhängigen Vergütung: Sie reduziere den sogenannte „Gender Time Gap“. Dieser beschreibt das Phänomen, dass Frauen im Schnitt weniger wöchentliche Arbeitsstunden haben, weil sie zum Beispiel zusätzlich mit Care-Arbeit belastet und daher häufiger in Teilzeit sind. Werden Frauen nun leistungsorientiert bezahlt, steigt laut Trierer Studie ihre Arbeitszeit im Schnitt um drei bis vier Prozent. Bis zu sieben Prozent sind es, wenn Kinder im Haushalt sind, wobei der Effekt auf über 14 Prozent steigt, je jünger die Kinder sind.
Bei Männern steigt die Wochenarbeitszeit nur um etwa ein Prozent bei Leistungsvergütung, unabhängig von Anzahl und Alter der Kinder. Das entspricht einer Angleichung der geschlechterspezifischen Arbeitszeit von 1,5 bis 2 Stunden pro Woche, die Frauen dann auch weniger im Haushalt arbeiten. Weitere Untersuchungen könnten Aufschluss darüber geben, in welchen Haushaltsbereichen genau diese Zeit gekürzt wird.
„Angesichts der negativen Aspekte Stress und Alkoholkonsum, die ebenfalls verstärkt Frauen betreffen, würden wir dennoch nicht empfehlen, für mehr Gleichberechtigung auf leistungsbezogene Vergütungsmodelle zu setzen“, so Uwe Jirjahn. „Familienfreundliche Firmenpolitik und Maßnahmen, die Männer zu mehr Care-Arbeit anregen, sind hier wahrscheinlich angemessener.“
Abschalten als entscheidender Gegenpol
Eng verknüpft mit dem Thema Leistungsdruck ist die Frage der Erholung. Im Fokus der Trierer Studien steht die sogenannte psychologische Distanz zur Arbeit – also die Fähigkeit, nach Feierabend gedanklich Abstand vom Job zu gewinnen. Das sei ein Aspekt, der im Kontext leistungsorientierter Systeme häufig unterschätzt werde, urteilen die Autorinnen und Autoren der Untersuchung.
Beschäftigte, denen besagtes Abschalten gelingt, berichten den Angaben zufolge im Durchschnitt fünf bis sechs Prozent weniger über negative Emotionen wie Ärger, Sorgen oder Niedergeschlagenheit. Gleichzeitig steigt ihre Zufriedenheit mit zentralen Lebensbereichen – etwa Schlaf, Gesundheit, Freizeit und Familienleben – um zwei bis sechs Prozent. Das seien aus arbeitsmarktwissenschaftlicher Sicht substanzielle Effekte, gerade weil diese Lebensbereiche normalerweise als relativ stabil gelten würden, unterstreichen die Studienmachenden.
Abschalten ist jedoch keine rein individuelle Entscheidung. Die Auswertungen zeigen, wie stark mentale Distanz von organisationalen Erwartungen abhängt. Wo Beschäftigte davon ausgehen müssen, auch außerhalb der regulären Arbeitszeit erreichbar zu sein, fällt Erholung deutlich schwerer. Dauererreichbarkeit wird so zum Verstärker des Leistungsdrucks. Der Feierabend verliert seine Funktion als Erholungsphase – mit langfristigen Folgen für Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit.
Keine Kritik an Leistung – sondern an Einseitigkeit
Die Auswirkungen der Forschenden in Trier zeigen, dass Anreize nur unter bestimmten Bedingungen ihre beabsichtigte Wirkung entfalten: Leistungsorientierte Vergütung steigere zwar die Leistung, geht im Durchschnitt aber auch mit signifikant höheren Stresswerten einher.
Gleichzeitig würden Schutzfaktoren wie psychologische Erholung deutlich wirken: Beschäftigte, denen es gelinge, nach der Arbeit mental Abstand zu gewinnen, berichten fünf bis sechs Prozent weniger negative Emotionen und eine um zwei bis sechs Prozent höhere Zufriedenheit mit Gesundheit, Schlaf und Familienleben, so die Untersuchung.
Info
Die Untersuchung:
- Datengrundlage: Deutsches Sozio-ökonomisches Panel (SOEP)
- Zeitraum: 2004–2016, Wiederholungsbefragung seit 1984
- Stichprobe: jährlich bis zu 30.000 Befragte
Zentrale Befunde:
- Erhöhter Stress bei leistungsorientierter Vergütung
- 5–6 % weniger negative Emotionen bei hoher psychologischer Distanz zur Arbeit
- 2–6 % höhere Zufriedenheit mit Schlaf, Gesundheit, Freizeit und Familienleben
Effekte bleiben stabil nach Kontrolle von Einkommen, Arbeitszeit und Berufsstatus
Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Arbeitsrecht und Regulatorik und verantwortet die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.

