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„Recharge Days“: Wenn Mitarbeitende 26 Urlaubstage on top bekommen

Es begann mit einem Gespräch in der Büroküche und endete in einem Pilotprojekt für Zusatzurlaub. Beim Marketingsoftware-Entwickler Crossengage testen Gründer und Beschäftigte derzeit, ob sie mit 26 Urlaubstagen on top, den sogenannten Recharge Days, ihre Work-Life-Balance verbessern und weiterhin wirtschaftlich wachsen können.

In besagter Büroküche hatten sich Mitarbeitende und Gründer vor ein paar Monaten die Frage gestellt: Wie lässt sich Produktivität messen? „Nicht anhand der Arbeitszeit“, sei seine Antwort darauf gewesen, erinnert sich Co-Gründer und CMO Markus Wübben. Warum den Beschäftigten in einer stressigen Arbeitswelt also nicht mehr Freizeit geben? Die Idee für die Recharge Days war geboren.

Sie gibt es in allen geraden Kalenderwochen am Freitag. Dann haben die Beschäftigten frei. In ungeraden Wochen finden freitags zumindest keine Meetings statt. Auf das Gehalt wirkt sich die neue Regelung nicht aus. Wofür die zusätzlichen freien Tage genutzt werden – für Weiterbildung, Hobbys oder Familienleben – sei irrelevant, sagt Wübben. Dem CMO sei es nur wichtig, die Work-Life-Balance in seinem Unternehmen zu verbessern. Denn gerade in der ersten Zeit, als das 2015 gegründete Crossengange noch ein Start-up war, sei „Druck auf der Leitung“ gewesen. „Der Erholungseffekt war nach einem Wochenende leider nicht immer da“, sagt er. Gleichzeitig möchte Wübben weiterhin das Wachstum des Unternehmens fördern. „Wir müssen auch mit den Recharge Days unsere Ziele erreichen können.“

Arbeit umverteilen

Dafür hätten sich die Mitarbeitenden umorientieren müssen. Denn sie mussten ihre Arbeit auf weniger Stunden in der Woche verteilen. Das brauchte vor allem eine Herausforderung: Wie kann der Kundensupport, der 24/7 erreichbar sein soll, abgedeckt werden? Das Team im Kundensupport musste als Zwischenlösung gesplittet werden – dasselbe gilt für die IT, die bei Problemen auf Abruf sein sollte. Sie können nicht immer am Freitag freihaben. Einzelne wählen dafür einen anderen Tag in der Woche aus, an dem sie nicht arbeiten. „Zukünftig wollen wir aber eine einheitliche Regelung finden“, sagt Wübben. Zur Not wolle er dafür auf freie Mitarbeitende zurückgreifen. Denn: „Damit es operativ in unserem Bestandsteam langfristig funktioniert, können die Recharge Days nicht zu flexibel sein“, ist der CMO überzeugt.

Der Output habe unter der verkürzten Arbeitszeit bisher nicht gelitten. „Wir haben kreative Leistung als Output. Mehr Stunden heißt nicht unbedingt mehr Kreativität“, sagt Wübben. Und auch die OKRs (Objectives and Key Results, eine Zielsetzungsmethode) fürs erste Quartal hätte das Team erreicht. „Wir waren frühzeitig mit den OKRs fertig, obwohl wir uns die Ziele mit dem alten Mindset auf Basis der vorherigen Arbeitszeitregelung gesetzt hatten.“ Unter den Zielen waren auch solche zur Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit, die mittels regelmäßigen Befragungen gemessen werden. Besonders bei der Mitarbeiterzufriedenheit sei ein Anstieg verzeichnet worden.

Alle Details bedenken

Ganz reibungslos verlief das Pilotprojekt dennoch nicht. Manche Mitarbeitende – allen voran das Management – seien anfangs etwas skeptisch gewesen. Wübben und seine Unterstützer und Unterstützerinnen kommunizieren klar, dass es sich zunächst um einen Versuch handelt. Gleichzeitig sei es wichtig, möglichst viele Details zu bedenken, um auf entsprechende Nachfragen antworten zu können und so Unsicherheiten zu nehmen. Das habe Wübben im Prozess gelernt. So galt es beispielsweise, eine Regelung für Teilzeitkräfte zu finden. Der CMO und der Rest der Geschäftsführung boten ihnen an, entweder ihre Arbeitszeit prozentual zu reduzieren oder bei der alten Stundenanzahl zu bleiben und dafür mehr Gehalt zu bekommen. Die meisten der Teilzeitkräfte hätten sich für mehr Lohn entschieden. Wübben erklärt sich diese Entscheidung folgendermaßen: „Ich bin davon überzeugt, dass es für jeden die optimale Anzahl an Arbeitsstunden pro Woche gibt – und das ist nicht unbedingt die geringste.“

Auch hänge der Erfolg der Recharge Days davon ab, wie diszipliniert sich das gesamte Team an sie hält. „Bei mir als Gründer klappt das nicht immer“, gesteht Wübben. „Aber die Mitarbeitenden sollen sich freinehmen.“ Es sei auch Aufgabe der Führungskräfte, das sicherzustellen und die Einsatzpläne der insgesamt 70 Mitarbeitenden entsprechend anzupassen.

Bisher laufe das gut. Gleiches gelte für die Kommunikation der Arbeitszeitreglung nach außen. In Stellenausschreibungen werden die Recharge Days explizit erwähnt. Schließlich kann es nicht schaden, mit dem Extra-Angebot seine Arbeitgeberattraktivität zu erhöhen.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.