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Weibliche Unternehmenskultur: „Frauen arbeiten induktiver“

Personalwirtschaft: Frau Ahmad und Frau Erler, Ihr Unternehmen für Betreuungslösungen ist seit seiner Gründung 1991 in Frauenhand, 88 Prozent ihrer Mitarbeitenden sind weiblich – und somit auch Ihre Unternehmenskultur. Was macht Ihre von Frauen geprägte Arbeitsweise aus?
Gisela Erler (Gründerin): Zunächst einmal möchte ich betonen, dass wir, wenn wir von weiblich oder von Frauen sprechen, natürlich immer generalisieren. Unsere Unternehmenskultur kann natürlich auch in männlich geprägten Unternehmen gefunden werden – auch wenn das tendenziell eher nicht der Fall ist. Was unsere Kultur ausmacht, ist eine dezentrale Arbeitsweise. Wir haben uns von Anfang an sehr dezentral organisiert. Zunächst lag das auch daran, dass wir sehr schnell gewachsen sind und einzelne Filialen an den unterschiedlichsten Standorten gründeten.

Und heute?
Gisela Erler: Wir haben diese Selbstständigkeit der Niederlassungen beibehalten und wollen das auch weiterhin. Denn wir sind dadurch weniger hierarchisch und starr organisiert, wie es meist in einem männlich geführten Unternehmen der Fall ist, sondern fördern den Austausch auf Augenhöhe und die Selbstverantwortung des Einzelnen. Für mich stellt dieses dezentrale Arbeiten und in Gruppen gemeinsam agieren, etwas sehr weibliches dar.
Alexa Ahmad (Geschäftsführerin): Darauf aufbauend sind wir sehr basisdemokratisch organisiert. Ich habe beispielsweise mit 48 Mitarbeitenden ein Direkt-Reporting, mit dem wir über aktuelle Themen diskutieren und Entscheidungen treffen. Es ist für die 48 Teammitglieder verpflichtend und für alle anderen Mitarbeitenden zugänglich. Eine Entscheidung treffe ich so gut wie nie alleine – sondern überwiegend im Dialog. Dadurch gibt es bei uns keine Geheimnisse, die nur der Teil der Mitarbeitenden kennt, der sich mit der dazugehörigen Aufgabe beschäftigt. Bei uns darf jeder und jede in die Bücher gucken, auch über Gehälter wird offen kommuniziert.

Welche Rolle nehmen Sie als Führungskraft ein?
Alexa Ahmad: Ich verstehe mich als Coach und nicht als Führungskraft. Unsere Mitarbeitenden wissen, was sie zu tun haben. Nur wenn es Probleme gibt, komme ich ins Spiel und unterstütze beziehungsweise vermittle. Dann versuche ich mir zunächst durch Gespräche ein umfassendes Bild von der jeweiligen Situation zu machen. In der Regel zeigen die Antworten meiner Gesprächspartner oft klar auf, was zu tun ist. Nur wenn sich die Aussagen 50/50 gegenüberstehen, entscheide ich alleine.

Dadurch scheint es auch, anders als in den meisten männlich geprägten Unternehmen, keine klare Rollenverteilung zu geben.
Alexa Ahmad: Ja, bei uns ist jeder mitverantwortlich und kann nicht sagen: ,Das ist nicht mein Bereich, das geht mich nichts an.‘

Kritiker könnten nun argumentieren, dass dies zu mehr Chaos und Fehlern führt. Stimmt das?
Alexa Ahmad: Ich sage immer. Einmal einen Fehler zu machen, ist okay, daraus lernen wir. Wird er zweimal oder dreimal gemacht, dann müssen wir sprechen. Wir haben eine gute Fehlerkultur und glauben an die Macht des Dialogs, nicht an Sanktionen. Es geht nicht darum, wie in manchen männlich geprägten Unternehmen Härte zu zeigen, sondern Verständnis für jede und jeden zu entwickeln, dadurch Informationen zu sammeln und so eine Lösung zu finden.

Welche anderen strategischen Aspekte gibt es bei Ihnen und damit wahrscheinlich auch in einer weiblichen Unternehmenskultur?
Gisela Erler: Wir – und ich denke die meisten Unternehmen mit einer Frauenkultur – arbeiten induktiver. Bei uns wird stark von den eigenen Erfahrungen ausgegangen, wir schauen uns die Praxis und den Alltag an und fügen die kleinen Dinge zu etwas Großem zusammen. Es geht für Frauen – und auch bei uns – weniger darum, einen Masterplan zu erstellen und diesen nur anhand von Business-Zahlen und Marktbeobachtungen zu entwickeln.

Lassen Sie uns auf Vorurteile gegenüber Frauengruppen eingehen: Es heißt immer, wenn viele Frauen zusammenarbeiten, gibt es Streitereien. Stimmt das Ihrer Erfahrung nach?
Gisela Erler: Frauen können sich unglaublich in die Haare bekommen. Die müssen sie dann wirklich auseinanderbringen und umtopfen. Gut zusammengespannt, sind sie aber unheimlich produktiv.
Alexa Ahmad: Die Kämpfe sind nicht schlimmer als bei Männern. Man muss nur andere Sachen berücksichtigen, um sie niederzulegen. Männer fügen sich irgendwann leichter ihrem Schicksal, sobald einmal die Rangordnung klar ist, ordnen sie sich unter oder gehen. Frauen tun das nicht und arbeiten weiter, vergeben ihrem Feind allerdings nicht so leicht. Gleichzeitig meiden sie den Wettkampf.

Inwiefern?
Alexa Ahmad: Frauen bewerben sich nicht einfach so auf Jobs, weil sie Aufgaben meist nur übernehmen, wenn sie sich 100 Prozent sicher sind, dass sie diese ausführen können. Für sie muss man Fakten schaffen, à la ,Entweder machst du das oder wir suchen jemanden von außen‘. Männer dahingegen bewerben sich auf alles, was ihnen gerade einfällt. Für Frauen muss ich den roten Teppich ausrollen und sie aktiv immer wieder auf eine Beförderung ansprechen, sowie ihnen klarmachen, dass sie für diese Position gemacht sind.

Bei Ihnen im Unternehmen arbeiten rund 12 Prozent Männer. Wie leicht oder schwer fällt es ihnen, sich in die Frauenkultur zu integrieren?
Alexa Ahmad: Sagen wir mal so: Es ist gut, dass es eine kleine Gruppe von ihnen gibt. Einzelexemplare sind schwer zu halten, man muss sie im Duo oder Rudel zusammenbringen.

Warum?
Gisela Erler: Ein einzelner Mann wird von einer Gruppe von Frauen meist nicht gut behandelt. Er ist dann ein Fremdkörper und kann seine Stärken nicht immer gut ausleben.
Alexa Ahmad: Alleine schon, weil sie eine andere Sprache sprechen. Männer lieben normalerweise klare Ansagen, was bis wann zu tun ist. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ich stand  mit einer Kollegin und einem Kollegen in der Pause auf dem Flur. Wir haben dreimal das Thema gewechselt, aber unter anderem auch darüber gesprochen, was der Kollege zu tun hat. Er hat das Gespräch nicht als Arbeitsauftrag verstanden. Die Männer, die bei uns überlebt haben, mussten sich ein Stück weit unserer Sprachkultur anpassen.

Derzeit werden weibliche Attribute der Unternehmenskultur wie beispielsweise Agilität, Zusammenarbeit auf Augenhöhe und im Dialog immer beliebter. Können sich so mehr Frauen in Unternehmen willkommen fühlen und gefördert werden?
Gisela Erler: Wenn Männer manchmal so ähnlich arbeiten wie Frauen, heißt es noch lange nicht, dass Frauen hereinkommen. Da wird es Momente geben, die wieder eine männliche Kultur zum Vorschein bringen. Wir brauchen gute Frauen in Unternehmen, um andere Frauen zu bekommen.  

Info

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.