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Heils geplante Bildungszeit: Erste Reaktionen der Arbeitgeber

Die Bundeskoalition plant, mit einem Weiterbildungsgesetz dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Das neue Gesetz soll Deutschland zur „Bildungsrepublik“ machen. Neben einer Ausbildungsgarantie und veränderten Einwanderungsregelungen, sieht es auch eine bezahlte Bildungszeit vor. Bereits im Koalitionsplan als Ziel festgehalten, hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Dezember 2022 einen Referentenentwurf vorgelegt, der in den kommenden Wochen von der Koalition abgesegnet werden soll. Kurz vor der Abstimmung diskutieren Politik und Wirtschaft verstärkt über das Vorhaben.

Die Pläne sind nicht neu und orientieren sich am Weiterbildungsmodell, das es bereits in Österreich gibt: Mitarbeitende sollen die Möglichkeit haben, sich für ein Jahr freistellen zu lassen, um sich weiterzubilden. Finanzieren können sie sich in dieser Zeit mittels eines sogenannten Weiterbildungsgeldes (von der Form her wie das Arbeitslosengeld), das sie von der Bundesagentur für Arbeit erhalten. Alleinstehende würden 60 Prozent ihres Gehalts bekommen, Beschäftigte mit Kindern 67 Prozent – so der aktuelle Plan. Alternativ können Beschäftigte auch Bildungsteilzeit nehmen, die sich dann über bis zu zwei Jahre strecken würde. Rund 771 Millionen Euro möchte die Bundesagentur für Arbeit bis 2026 für dieses Vorhaben ausgeben, weitere 190 Millionen sollen aus dem Topf des Bundeshaushalts kommen.

Info

Um das Weiterbildungsgesetz nun bekannter zu machen, hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil allerdings auch ein paar neue Informationen mit der Öffentlichkeit geteilt. Diese beziehen sich vor allem auf die Weiterbildung von Azubis. Sie sollen dabei unterstützt werden, auch Ausbildungen etwas weiter weg von ihrer Heimat zu beginnen. Dafür möchte der Bund anfallende Unterkunfts- und Mobilitätskosten übernehmen. Vor dem Beginn einer Ausbildung geht es aber zunächst darum, junge Menschen für diese Art der Weiterbildung zu motivieren. Das möchten die Politikerinnen und Politiker tun, indem sie in allen Schulen ab der 5. Klasse eine Berufsorientierung verpflichtend machen wollen.

Ein Jahr ist eine lange Ausfallzeit

Generell kommen die Pläne des Bundesministeriums auf Arbeitgeberseite gut an. Zweifel und Sorgen bestehen dennoch. So begrüßt der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft die geplanten Weiterbildungsregelungen. Auch Unternehmen profitierten angesichts des aktuellen Fachkräftemangels von der Weiterbildung, sagt Markus Jerger, Geschäftsführer des Verbands, den Zeitungen der Funke Mediengruppe zitieren. „Ein Gesetz, das eine Weiterbildungsauszeit bis zu einem Jahr ermöglicht, geht aber völlig an der betrieblichen Realität vorbei.“ Es sei unklar, wie der Ersatz für die ausfallenden Mitarbeitenden finanziert wird.

Das gibt auch Sven Meiselbach, Vize-Präsident der Vereinigung Sächsische Wirtschaft, gegenüber dem MDR zu bedenken. Er sieht zudem noch eine weitere Gefahr, der sich Arbeitgeber aufgrund der Bildungszeit gegenübersehen könnten: der dauerhafte Verlust von Beschäftigten. Schaue man sich die Statistiken in Österreich an, so seien ganze 45 Prozent der Menschen, die eine Bildungszeit genommen haben, nicht wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, sondern zu einem anderen Arbeitgeber gegangen. Ob sie das auch ohne Bildungszeit getan hätten, lässt sich aber natürlich schwer sagen.

Bildungsurlaub wird bislang kaum eingereicht

Schließlich bringen alle Förderungsgesetze nichts, wenn Menschen die Angebote nicht in Anspruch nehmen. „Es kommt darauf an, dass die Unternehmen die Möglichkeit ergreifen und in ihre Beschäftigten investieren“, heißt es vonseiten der Gewerkschaft Verdi. Um zu prognostizieren, ob die Bildungszeit tatsächlich in Anspruch genommen wird, kann ein Blick auf die „kleine Schwester“ der geplanten Bildungszeit helfen: der Bildungsurlaub. In allen Bundesländern bis auf Sachsen und Bayern dürfen sich Beschäftigte meist bis zu zehn Tage innerhalb zwei aufeinanderfolgender Jahre freinehmen, um sich weiterzubilden. Ihr Gehalt wird ihnen währenddessen gezahlt. Die Weiterbildungsmaßnahme zahlt der oder die Angestellte aber selbst. Wer die Kosten für die Bildungsangebote während der Bildungszeit übernimmt, ist noch unklar.

Wie das Magazin Der Spiegel berichtet, wird das Angebot Bildungsurlaub kaum angenommen. Nur etwa zwei Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen in Bildungsurlaub. Das könnte auch daran liegen, dass viele Angestellte gar nichts von ihrem Anspruch auf einen Bildungsurlaub wissen. Inwiefern die Bildungszeit den Bildungsurlaub ergänzt, oder ob sie ihn ersetzt, wird im Referentenentwurf nicht beschrieben. In Berlin wurde der Bildungsurlaub bereits im Herbst 2021 in Bildungszeit umbenannt.

Doch auch wenn viele Menschen in Deutschland die Bildungszeit für sich nutzen, bleibt abzuwarten, ob sie dabei hilft, den Fachkräftemangel zu verringern. Der Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche Bitkom kritisiert in diesem Zusammenhang die späte Einführung der Bildungszeit. „Das späte Inkrafttreten erst 2025 wird der aktuellen Notwendigkeit nicht gerecht und bleibt leider hinter ihrem Potenzial zur Abhilfe bei akutem Fachkräftemangel zurück“, heißt es in einer Stellungnahme des Verbands.

Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch Themen aus den Bereichen Recruiting, Employer Branding und Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit.