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Lego Serious Play als Teambuilding-Methode

Fünf Stunden mit Lego-Bausteinen spielen, um ein besseres Gespür für das neu entstandene Team zu bekommen und eine gemeinsame HR-Vision zu kreieren? Pauline Weiß, Team Lead Active Sourcing beim Buchhaltungssoftware-Anbieter sevDesk, war skeptisch. Testen wollte sie Lego Serious Play, so nennt sich der Gaming-Ansatz mit Lego, mit ihrem Team trotzdem. Denn die Erfinder der Methode, Vertreter von Lego und zwei Professoren für Managemententwicklung, versprechen: Denkprozesse gepaart mit körperlichen Bewegungen – insbesondere mit den Händen – führen zu einem besseren Verständnis für die Umwelt und ihrer Möglichkeiten. Zudem würden Themen durch das Bauen von metaphorischen Modellen begreifbar gemacht – eine Brücke kann beispielsweise für das Überwinden von Hindernissen stehen – und so Einsicht, Inspiration und Vorstellungskraft gefördert. Was vielversprechend klingt, zeigte bei dem sevDesk-Team tatsächlich seine Wirkung. Allerdings nur, weil einige Rahmenbedingungen beachtet wurden.

Das 35-köpfige HR-Team von sevDesk hatte sich überwiegend im vergangenen Jahr neu zusammengefunden. Wie bei vielen Unternehmen hinterließen Covid und Remote Work seine Spuren: Viele Mitarbeitende kannten sich nur über den Bildschirm, hatten sich noch nie im selben Raum aufgehalten und hätten dadurch nicht immer hundertprozentig gewusst, was der Kollege oder die Kollegin eigentlich genau macht, beschreibt Weiß die Ausgangssituation. Bei einem gemeinsamen Offsite im Allgäu sollte sich das ändern – unter anderem auch mit der Lego Serious Play-Methode. „Uns ging es darum, eine HR-Vision zu entwickeln – und ums Teambuilding“, sagt Weiß.

Geführtes Spiel

Praktisch für das Team war, dass ein Kollege die Methode bereits mehrfach angewendet hatte. So fungierte Thomas Schnell, Vice President People & Organizational Development, als Facilitator und führte seine Kolleginnen und Kollegen durch die einzelnen Aufgaben. Zunächst ging es darum, sich mit der Lego Serious Play Methode bekannt zu machen. Dafür schaute sich das Team ein How-to-Video an und sah sich die Bausteine genauer an. „Die Ausstattung ist ein bisschen anders, als die bekannten Bauklötze für Kinder“, sagt Weiß. Es gebe mehr Bauelemente für Türme, Brücken, Verbindungsteile wie Seile, Räder und Figuren und Pflanzen. „Man merkt, dass die Lego-Elemente mehr auf das Ziel des Spiels ausgerichtet sind – nämlich für Visions- und Strategieentwicklung“, so die Teamleiterin im Active Sourcing.

Ins Bauen eingestiegen sind die Teilnehmenden, indem sie sich in Subteams angeknüpft an ihre Tätigkeitsfelder auf der Arbeit gesplitet haben und jeder von ihnen eine Brücke oder einen Turm kreierte, um auszudrücken. Das Ergebnis wurde dann in kleinen Teams (fünf bis sechs Personen) vorgestellt. Denn vor allem die Präsentation helfe, ein Gespür für methaphorisches Arbeiten zu bekommen. „Wenn man beginnt, etwas hereinzuinterpretieren, wird Lego Serious Play erst richtig gut“, sagt Weiß. So könne beispielsweise ein Zahnrad für eine starke Zusammenarbeit stehen, und ein Turm für eine klare und ambitionierte Zielsetzung (#hochhinaus).

Im dritten Schritt sollte jeder und jede anhand der Lego-Elemente die Teamvision abbilden. Dabei konnten sie sich an von Fragen wie bspw. „Wie sieht meine Idealvorstellung für das Team aus?“ und „Wie kann ein Zukunftsbild von meinem Team aussehen?“ orientieren. Vom individuellen Bauen ging es dann aufs Teamlevel. Die einzelnen Bauten wurden metaphorisch dem Team vorgestellt und anschließend zu einer Teamvision zusammengeführt. Weißs Team hat dargestellt, wie Kandidatinnen und Kandidaten aus einem Teich geangelt werden, eine andere Gruppe sieht sich eher als Rollen, die sich durchs Unternehmen bewegen. Auffallend sei gewesen, dass niemand dasselbe gebaut hatte und es viele kreative Ansätze gegeben hätte. „Als wir unsere Ergebnisse gesehen haben, sind Sichtweisen deutlicher geworden, weil die Bauten als gute Metaphern dienten und wir besser kommunizieren konnten“, sagt Weiß.

Die richtigen Rahmenbedingungen

Eine zielführende Kommunikation beruht auf Ehrlichkeit und die kann oftmals nur erreicht werden, wenn der Performancedruck nicht überhandnimmt. „Bei Lego Serious Play sitzt die Führungskraft mit am Tisch. Wenn man zu viel Druck verspürt, etwas zu bauen, dass ihr gefällt, drückt man nicht mehr die eigene Wahrnehmung aus“, sagt Weiß. Die Methode funktioniere folglich besser für Teams mit einer offenen Kultur, in der möglichst selbstbestimmt gearbeitet wird. Auch solle bei der Präsentation der Bauten eher auf aktives Zuhören gesetzt werden, anstatt im Nachgang Platz für Feedback zu geben. Denn es gehe vor allem darum, einzelnen Wahrnehmungen Raum zu geben.

Im letzten Schritt wurden bei der Lego Serious Play-Session von sevDesk Teile der Subteam-Bauten zusammengesetzt, um eine finale HR-Team-Vision zu kreieren. Anhand dessen beschrieben Freiwillige die gesamte HR-Vision. Die Analyse wurde aufgezeichnet, damit sie als Video immer zur Verfügung steht. Denn die HR-Baute selbst sei zu groß gewesen, um sie vom Allgäu an den Standort in Offenburg zu transportieren.

Zeitaufwand bedenken

Durch die zahlreichen Aufgaben und anschließenden Präsentationen ergibt sich eine Herausforderung, die es bei Lego Serious Play zu bedenken gebe: Die Methode kostet viel Zeit, was sich wiederum auf die Motivation der Mitarbeitenden auswirken könne. „Beim Bauen selbst kommt man zwar in einen Flow, aber während der Präsentationen lässt die Konzentration nach einer Weile nach“, sagt Weiß. Dementsprechend sollten die Teams nicht zu groß sein, um keine Ermüdung hervorzurufen. Auch empfiehlt die Teamleiterin des Active Sourcing-Bereichs, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, um das Beste aus der Methode herauszuholen. „Man sollte sich komplett vom Arbeitsumfeld abkapseln, um der Kreativität freien Lauf zu lassen“, sagt Weiß. Für sevDesk bedeutete dies, Lego Serious Play in einer Eventhütte mit Kamin und Bergpanorama zu spielen.

Der Baukasten wird nach eigenen Aussagen nicht zum ersten und letzten Mal zum Einsatz gekommen sein. „Ich kann mir gut vorstellen, die Methode zur Prozessplanung zu verwenden“, sagt Weiß. Ob sich Lego Serious Play auch fürs Recruiting eignet? Da ist sich die Teamleiterin des Active Sourcing-Bereichs unsicher. Schließlich benötige man für die Methode Zeit, man sollte nicht unter Druck stehen und sich so wohl wie möglich fühlen – alles Dinge, die beim Bewerbungsgespräch nicht unbedingt gegeben seien.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.