Loyalität gegenüber Arbeitgebern sinkt

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Der Arbeitsmarkt und die Arbeitskultur befinden sich derzeit weltweit in einem tiefgreifenden Wandel. Immer mehr Beschäftigte sind trotz ungewisser Zukunftsaussichten offen für einen neuen Job. Dabei legen sie zwar primär Wert auf eine angemessene Bezahlung, aber auch verstärkt auf die Vereinbarung von Beruf und Privatleben, wobei sich der Interessenschwerpunkt immer mehr auf das persönliche Wohlbefinden verlagert. Das ist der Tenor der Talent Trends-Studie 2023 der PageGroup. Dafür hat die Personalberatung zwischen November 2022 und Mitte Januar 2023 weltweit rund 69.500 Bewerber und Bewerberinnen sowie Kunden und Kundinnen befragt, davon über 28.000 aus Europa und 2.259 aus Deutschland.

Mehrheit der Deutschen offen für eine neue Arbeitsstelle

In Deutschland sind mehr als acht von zehn Beschäftigten (82 Prozent) bereit, ihre aktuelle Arbeitsstelle zu kündigen, wenn sie in einem anderen Unternehmen bessere Bedingungen vorfinden – im europäischen Durchschnitt sind mit 88 Prozent noch mehr Menschen dazu bereit. Von den Befragten hierzulande mit projektbezogenen Verträgen sind sogar 93 Prozent offen für einen neuen Job. Von allen Wechselbereiten hierzulande suchen 39 Prozent aktiv einen neuen Arbeitsplatz oder planen dies innerhalb der nächsten sechs Monate, während 43 Prozent unschlüssig sind, ob sie sich nach einer neuen Stelle umschauen sollen.

Die Dauer des Arbeitsverhältnisses spielt für die Wechselbereitschaft kaum eine Rolle, denn auch von jenen Beschäftigten, die erst letztes Jahr einen neuen Job angetreten haben, können sich rund 80 Prozent einen erneuten Jobwechsel vorstellen und ein Drittel sucht sogar schon aktiv. Ebenso wenig ausschlaggebend für den Wechselwillen sind Geschlecht und Alter – eine Ausnahme sind ältere Beschäftigte: von den über 60-Jährigen sind „nur“ 57 Prozent grundsätzlich bereit für einen Jobwechsel. Was die Hierarchiestufen betrifft, so fallen lediglich Mitglieder der obersten Führungsebene mit 64 Prozent deutlich unter den Durchschnitt aller Beschäftigten. Auch über alle Branchen und beruflichen Funktionen gibt es keine eklatanten Unterschiede und Mitarbeitende im Personalbereich liegen mit 82 Prozent genau im Schnitt.

Gehalt, Flexibilität und Karrierechancen als Haupttreiber für einen Wechsel

Welche Faktoren sind die wichtigsten Treiber für einen Jobwechsel? Kündigungsfaktor Nummer eins ist das Gehalt, das aus Bewerbersicht auch der wichtigste Punkt in einer Stellenanzeige ist. Auf Platz zwei und drei folgen Flexibilität und Karrierechancen in einem Unternehmen. Hinzu kommt jedoch ein immer stärkerer Wunsch der Mitarbeitenden nach einer effektiven Work Life Balance – ein weltweites Phänomen. 44 Prozent der deutschen Befragten (global 56 Prozent) bewerten die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als sehr wichtig. Für rund sieben von zehn Befragten haben mentale Gesundheit und Work Life Balance Vorrang vor dem beruflichen Erfolg. So würden fast zwei Drittel (61 Prozent) der deutschen Beschäftigten eine Beförderung ablehnen, wenn sie das Gefühl hätten, dass sie sich negativ auf ihr Wohlbefinden auswirken könnte.

Verschiebung von Prioritäten seit Corona-Krise

Die Corona-Krise hat offenbar mit dazu beigetragen, dass Menschen ihre Einstellung zu Karriere und beruflichem Erfolg neu bewerten und überdenken und offener für einen Jobwechsel geworden sind, sagt Goran Barić, Geschäftsführer der PageGroup Deutschland. Dabei handle es sich jedoch nicht um einen flüchtigen Trend. Auch die schlechteren wirtschaftlichen Aussichten spielen laut Studie paradoxerweise eine wichtige Rolle: Immerhin 43 Prozent der deutschen Befragten (58 Prozent in Europa) geben an, dass sie sich eher nach einem neuen Arbeitsplatz umsehen, wenn die Wirtschaft schlecht läuft. Sie reagieren also nicht mit konservativer Vorsicht, wie man vermuten könnte. Im europäischen Vergleich gehören die Deutschen allerdings in dieser Hinsicht zu den zurückhaltendsten, lediglich in den Niederlanden (39 Prozent) und Belgien (42 Prozent) ist der Anteil niedriger.

Trend hin zu emotionaler Entkoppelung der Arbeit?

Die Beziehung der Menschen zu ihrem Arbeitsplatz hat sich laut Studie allgemein verändert. Es finde ein tiefgreifender Wandel hinsichtlich Bedürfnissen und Anforderungen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen statt. Während einige andere Untersuchungen gerade noch den Wunsch der Beschäftigten nach Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit betonten, sieht es diese Studie so, dass eine emotionale Entkoppelung der Arbeit stattfindet und immer mehr Menschen ihre Tätigkeit leidenschaftslos ausüben und lediglich als Mittel zum Zweck und nicht mehr als Quelle persönlicher Entfaltung betrachten. Die vorher mit dem Beruf verbundenen positiven Emotionen würden nun durch andere ersetzt, die mit der Familie und Freunden verbunden seien. Die Arbeit eines Beschäftigten werde zunehmend auf den transaktionalen Austausch von Zeit und Fachwissen gegen eine angemessene Bezahlung vereinfacht, heißt es. Die Studie folgert dies daraus, dass Gehalt, Flexibilität und Karrierechancen ganz vorn auf der Liste stehen, wenn es um die Entscheidung für einen Job geht, während die Beziehung zu Kollegen und Kolleginnen nicht zu den drei wichtigsten Faktoren zählt und nur drei Prozent ein größeres Gefühl der Sinnhaftigkeit der Arbeit bei der Entscheidung für eine neue Stelle als wichtig angeben.

Die Empfehlung der Studie an Unternehmen lautet, ein gutes Angebot an Gehalt, Karriereförderung und Flexibilität zu bieten und eine gute Work Life Balance zu ermöglichen, um sich zukunftsgerichtet aufzustellen und für Fachkräfte attraktiv zu sein oder zu bleiben. Gleichzeitig hält Barić die Kultur langfristiger Bindung an ein Unternehmen für ein überholtes Konzept. Die Frage ist, ob der „transaktionale Austausch“ von Zeit und Fachwissen gegen Geld und die totale Trennung von Beruf und Persönlichkeit, die hier in den Raum gestellt wird, nicht in gewisser Weise seelenlos und mechanistisch gedacht und wirklich im Interesse der Beschäftigten ist.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.