Frage an die HR-Werkstatt: Mit welchen Talentstrategien können HR-Verantwortliche in der aktuellen Arbeitsmarktsituation punkten?
Es antwortet: Martin Tillert, Partner Director DACH bei G-P
Uns droht bis 2030 ein Defizit von fünf Millionen Fachkräften. Das zeigt eine Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Der anziehende Fachkräftemangel macht es für Unternehmen deshalb zur Priorität, neue Mitarbeitende zu finden und zu binden. Dafür brauchen Arbeitgeber eine hohe Attraktivität. Doch welche Aspekte genau sind heute essenziell, um Talente für sich zu gewinnen? Was können HR-Verantwortliche in der aktuellen Situation tun, um Angestellte langfristig an den Betrieb zu binden?
Für HR geht es jetzt mehr denn je darum, Anforderungen auf Arbeitnehmer- und Angebot auf Arbeitgeberseite in Einklang zu bringen. Ein Drahtseilakt: Nicht nur der demografische Wandel, auch die Digitalisierung erfordert ein strategisches Umdenken bei der Personalbeschaffung. Dabei erweisen sich globale und flexible Personalbeschaffung zunehmend als Teil der Lösung, aber auch der Fokus auf Karrieremanagement, Feedback und KI ist für HR hilfreich, um Talente zu gewinnen und zu binden.
Örtliche Flexibilität anbieten
G-P, Marktführer der globalen Beschäftigungsbranche, hat in seinem 2023 veröffentlichten Global Growth Report Perspektiven von Arbeitnehmenden und Arbeitgebern auf das Thema globales Arbeiten untersucht. Dafür hat das Unternehmen weltweit 2.500 Führungskräfte sowie 5.500 Beschäftigte befragt, davon 500 aus Deutschland. Es zeigte sich, dass es für 95 Prozent der deutschen Befragten infrage kommt, für eine globale Firma zu arbeiten. 40 Prozent finden dabei vor allem das ortsunabhängige Arbeiten reizvoll. 38 Prozent sehen in der Arbeit für einen global aufgestellten Betrieb das Potenzial, ihr persönliches Kompetenzprofil zu erweitern. Ebenso viele versprechen sich eine größere Flexibilität für ihren Arbeitsalltag.
(Örtliche) Flexibilität ist ein entscheidender Hebel für Organisationen, wenn es darum geht, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Das bezieht sich vor allem auf den Arbeitsort: Die hohen Lebenshaltungskosten veranlassen immer mehr Deutsche, sich über ihre Beschäftigungsmöglichkeiten im In- und Ausland Gedanken zu machen – oftmals ist ihr Arbeitsort damit weit von ihrem Zuhause entfernt und sie wünschen sich, remote arbeiten zu können. Wenn ein Beschäftigter vor diesem Hintergrund einen Wechsel in Erwägung zieht, kann ein Arbeitgeber dazu beitragen, das Teammitglied zu halten, indem er einen Employer of Record (EOR) hinzuzieht. Dieser kann helfen, die Komplexitäten eines Ortswechsels zu bewältigen, und so sicherstellen, dass das Team intakt bleibt und der Arbeitnehmende zufrieden ist.
Auf der anderen Seite ist es für Fachkräfte aus dem Ausland reizvoll, für namhafte deutsche Firmen zu arbeiten – entweder remote oder vor Ort. Das ist gut für HR-Verantwortliche. Denn so bekommen sie einfacher Zugang zu einem Talentpool von Millionen von Fachkräften weltweit. Allerdings wirken die Lebenshaltungskosten in Deutschland und bürokratische Aufwände rund um einen möglichen Familiennachzug auf viele abschreckend. Ebenso wird die deutsche Willkommenskultur oft bemängelt, wie erst im Sommer eine Studie der Expat-Organisation InterNations belegt hat. Bei der Befragung von 12.000 Expats weltweit landete Deutschland in Sachen Beliebtheit im Länderranking lediglich auf Platz 49 von 53.
Wer als Arbeitgeber seinen Mitarbeitenden örtliche Flexibilität anbietet, muss aber eines beherrschen: Teams effektiv aus der Ferne zu managen. Gleichzeitig wird auch durch örtliche Flexibilität das Unternehmen und damit auch die Anforderungen der Mitarbeitenden und Bewerbenden diverser. Für HR gilt es deshalb, anpassungsfähig und flexibel zu sein.
Zeitliche Flexibilität möglich machen
Vor allem – aber nicht nur – die jüngere Generation legt großen Wert auf mentale Gesundheit und Wohlbefinden und trennt oft stärker als vorangegangene Generationen zwischen Arbeit und Privatleben. Der Schlüssel zur Attraktivität für diese Arbeitssuchenden ist das Angebot flexibler Arbeitszeiten. Unternehmen, die diese Kriterien nicht erfüllen, werden es in Zukunft schwer haben, die besten Talente anzuziehen. Denn gibt ein Unternehmen Angestellten die Möglichkeit, so zu arbeiten, wie sie es möchten, erhöht dies die Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit. Letzteres wirkt sich positiv auf die Mitarbeiterbindung aus.
Lassen Sie die Beschäftigten über sich hinauswachsen!
Um Mitarbeitende aus der ganzen Welt anzuziehen und zu halten, müssen Personalerinnen und Personaler in ihren Jobausschreibungen Entwicklungsmöglichkeiten hervorheben. Global tätige Unternehmen sollten ihr Personal bei der Karriereplanung unterstützen, um ihre Einsatzbereitschaft zu erhöhen. Dazu gehört auch, Organigramme zu aktualisieren, um klare Zuständigkeiten zu definieren und so Leistungen besser verfolgen und Ziele klarer setzen zu können. Darüber hinaus lohnt es sich, in Coaching zu investieren. Dies hilft der Belegschaft, für globale Teams wertvolle Fähigkeiten wie Kommunikation zu verbessern und trägt so zur Teamleistung und Zufriedenheit bei.
In einer sich wandelnden Welt müssen Firmen auch das lebenslange Lernen fördern und ihre Angestellten dabei unterstützen, sich neue Fähigkeiten anzueignen und die bereits vorhandenen auf dem neuesten Stand zu halten. Dies ist zugleich ein politisches Thema: In Deutschland soll mit dem Weiterbildungsgesetz (2023) der Zugang zur Weiterbildung erleichtert werden, unter anderem durch eine Weiterbildungsgarantie. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, in die Aus- beziehungsweise Weiterbildung bestehender Mitarbeitenden zu investieren und weltweit Fachkräfte anzuziehen.
Kontinuierliches Feedback einholen
Personalverantwortliche sollten der Einbindung ihrer Beschäftigten auf allen Ebenen Priorität einräumen. Dafür gilt es, kontinuierlich Feedback einzuholen, um agil und flexibel auf die sich verändernden Bedürfnisse des Teams reagieren zu können. Regelmäßige Umfragen, Feedback-Meetings und Datenanalysen sind entscheidend dafür, diese Strategien zu verfeinern und an den langfristigen Unternehmenszielen auszurichten. Eine klare, transparente Kommunikation ist der Schlüssel zum Aufbau einer Kultur, die von Verantwortungsbewusstsein geprägt ist, in der sich die Mitarbeitenden gehört fühlen. Sie können sich so besser an der globalen Vision ihrer Firma orientieren und unabhängig von ihrem Standort hervorragende Leistungen erbringen.
Personalarbeit: Das Gleichgewicht zwischen Mensch und Ressource finden
In der heutigen Arbeitswelt dominiert der wachsende Bedarf an Flexibilität und Austausch die Erwartungen der Beschäftigten. Technologie ermöglicht es Personalleiterinnen und Personalleitern, ihre Aufgaben schnell und effektiv zu erfüllen. Sie bietet auch die Werkzeuge und die Unterstützung, die vor allem von der jüngeren Generation benötigt und erwartet werden. Durch eine transparente Kommunikation und eine integrative Kultur, die Fernarbeit und Flexibilität am Arbeitsplatz unterstützt, können Unternehmen Talente effektiver anziehen und halten. Dies ist von entscheidender Bedeutung, denn häufig hängt der Erfolg eines Betriebs vom richtigen Gleichgewicht zwischen menschlicher Zuwendung und technologischer Innovation ab.
Autor
Martin Tillert ist New-Work-Experte und Partner Director DACH bei G-P, einem Marktführer der globalen Beschäftigungsbranche.

