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Teilzeit: Wenn Geschäftsführer auch mal verzichtbar sind

Wer bei slashwhy mit einer bestimmten Person des vierköpfigen Geschäftsführungsteams sprechen möchte, wird ihn oder sie nicht immer direkt erreichen. Denn zwei der höchsten Führungskräfte arbeiten in Teilzeit. Einer davon – der Gründer des Unternehmens – hat nun ein viermonatiges Sabbatical gestartet, in dem er mit seiner Familie durch Australien reist. Welche Strukturen gibt es beim 2016 gegründeten slashwhy, damit das funktioniert?

Generell führen wir unser Team aus rund 230 Mitarbeitenden agil, sagt Geschäftsführerin Christina Niemöller, die 30 Stunden pro Woche arbeitet. Diese Arbeitsform mache es einfacher, Leader in Teilzeit zu sein. Denn es verlagert die Entscheidungsfindung im operativen Bereich direkt in die Teams. Dadurch funktioniere der größte Teil des operativen Geschäfts ohne die Hilfe der Geschäftsführung. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel: „Junge Kolleginnen und Kollegen ziehen uns gelegentlich als Back-up, um Entscheidungen mit ihnen zu challengen oder ihnen dafür den Rücken zu stärken“, sagt Niemöller.

Einer ist immer erreichbar, nur eben kein bestimmter

Wenn sie oder andere Mitarbeitende Rede- oder Abstimmungsbedarf haben, sei immer einer aus der Geschäftsführung erreichbar. Über die Themen ihrer Kolleginnen und Kollegen auf der obersten Führungsebene seien die vier informiert und könnten meist einspringen. Denn die vier haben jeweils zwar einen Fokus – entweder schauen sie eher auf das Business und das Unternehmensprodukt oder auf die administrativen internen Bereiche –, haben aber alle auch das Ganze im Blick. Dadurch hänge das Weitertreiben von bestimmten Themen selten an einer speziellen Person aus der Geschäftsführung. Zudem biete die oberste Führung den Mitarbeitenden in sogenannten wöchentlichen Open-Door-Sessions rund 90 Minuten Zeit, um in den Austausch zu gehen und sich Rat einzuholen.

„Wir sehen uns als Führungskräfte vorrangig in der Rolle, die Teams dazu zu befähigen, selbst Verantwortung zu übernehmen“, sagt Niemöller. „Und wir setzen Rahmenbedingungen und treffen eher die strategischen Entscheidungen.“ Zur Selbstbefähigung analysiere einer oder eine aus der Geschäftsführung mit dem jeweiligen Mitarbeiter oder der jeweiligen Mitarbeiterin Fehler, und ihnen Handlungswege für ihre Arbeit aufzeigen, wenn sie selbst keine finden.

Obwohl Niemöller sowie der besagte Gründer und Mitgeschäftsführer Timo Seggelmann jeweils 30 Stunden pro Woche arbeiten, sprechen sie sich nicht ab, wann sie für slashwhy täglich im Einsatz sind. Generell gebe es im Unternehmen keine Kernarbeitszeiten. Und das, obwohl viele Mitarbeitende in Teilzeit tätig sind. Tendenziell scheinen Beschäftigte allerdings vormittags zu arbeiten. Denn: „Regelmeetings finden bei uns meist am Vormittag statt und werden damit nach Möglichkeit so organisiert, dass sich auch Teilzeitkräfte daran beteiligen können“, sagt Niemöller.

Was muss umgestellt werden, wenn der Geschäftsführer ins Sabbatical geht?

War ihr Kollege Seggelmann aus der Geschäftsführung bisher zwar teilweise zeitlich versetzt an ihrer Seite, ist er nun für vier Monate aus dem Slashwhy-Betrieb draußen. Er möchte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, erzählt er uns, andere Dinge erleben und Inspiration finden. Als er dem Rest der Geschäftsführung von seinem Plan erzählt hat, hätten diese sofort gemeint: „Es spricht nichts dagegen.“

Die Vorbereitung auf Seggelmanns Sabbatical sei dennoch intensiv gewesen. Es gab ein Strategie-Wochenende mit allen insgesamt rund 35 Führungskräften und Multiplikatoren. Dabei haben die Anwesenden analysiert, welche Maßnahmen bei slashwhy ergriffen werden müssen, damit ein Mitglied des Boards of Directors ein längeres Sabbatical machen kann oder wie das Unternehmen residiert werden kann, wenn jemand langfristig ausfällt. Planspiele zu verschiedenen Szenarien und eine Analyse von Seggelmanns Rolle aus verschiedenen Perspektiven seien dabei unter anderem hilfreich gewesen.

Ein Learning daraus, das konkret umgesetzt wurde: Einzelne Verantwortungen mussten neu verteilt werden. Als Gründer hatte Seggelmann bisher die alleinige Vollmacht über das Unternehmen. Sie wurde nun auch offiziell an die drei anderen aus der Geschäftsführung übertragen. Zudem wurden die anderen obersten Führungskräfte mit ins Handelsregister eingetragen, womit sie auch die Befugnis haben, sämtliche Verträge zu unterschreiben. Was sich erstmal „nur“ wie reine Formalien anhört, zieht wohl doch auch eine Veränderung für die Arbeit der restlichen Geschäftsführung mit sich.

Lernen müsse Seggelmann selbst allerdings auch erstmal, die Unternehmensbelange für vier Monate loszulassen. „Emotional war es ein langwieriger Prozess, mich für das Sabbatical zu entscheiden“, sagt er. „Das ist aber mein persönliches Thema und rational weiß ich, dass es die richtige Entscheidung ist.“ Im absoluten Notfall wäre er aber auch bereit dazu, ins Flugzeug zu steigen, nach Deutschland und zu slashwhy zukommen und auszuhelfen. Und vier Monate wären eine überschaubare Zeit.

Drastischere Umstellungen könnten gemacht werden

Für ein längeres Sabbatical von Seggelmann hätte das Unternehmen seine Strukturen noch einmal anders anpassen müssen. „Meine Rolle hätte sonst anders besetzt werden müssen“, sagt der Gründer. Wenn mehr Mitarbeitende – auch aus der Geschäftsführung – ein längeres Sabbatical nehmen möchten, müssten zudem, sofern es sich um Mitarbeitende im operativen Geschäft handeln würde, die angenommenen Aufträge gegebenenfalls angepasst werden, sodass in der betroffenen Zeitspanne weniger Projekte bewerkstelligt werden müssen.

Wer als Unternehmen für die Geschäftsführung Teilzeitarbeit und Sabbaticals möglich machen möchte, brauche folglich flexible Prozesse und eine Belegschaft, die Verantwortung übernehmen möchte und kann. Gleichzeitig müssen Veränderungen laut Seggelmann als Chancen und nicht als Angreifer des Status Quo angesehen werden. „Dass wir als Unternehmen Veränderungen lieben, ist in unserer DNA“, sagt der Geschäftsführer. „Das hilft, um unsere Arbeitsmodelle umzusetzen.“

Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch Themen aus den Bereichen Recruiting, Employer Branding und Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit.