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Wie sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf umsetzen und messen lässt

Die Themen „Work-Life-Balance“ und „Vereinbarkeit von Familie und Beruf “ beschäftigen Unternehmen und Angestellte in ganz Deutschland. Doch nicht alle Unternehmen arbeiten so entschlossen an der Familienfreundlichkeit, wie sie es versprechen (und eigentlich vielleicht auch wollen). Beim Kunststoffverarbeiter DEBATIN in Bruchsal befassen sich die Geschäftsleitung und HR konkret mit den Bedürfnissen und Wünschen der Mitarbeitenden. Unter anderem hat die Firma eigens Kennzahlen zum Thema Familienfreundlichkeit erarbeitet.

DEBATIN beschäftigt sowohl White-Collar- als auch Blue-Collar-Workers, die teilweise in Schichten arbeiten. Fragen wie: „Ich habe einen Pflegefall in der Familie. Wohin kann ich mich wenden?“, „Mein Kind braucht Nachhilfeunterricht – wie finde ich einen geeigneten Lehrer?“ und „Wie soll ich nach der Elternzeit Schichtarbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen?“ kamen in den vergangenen Jahren vermehrt auf. Das war eine Herausforderung für das Personalmanagement: Es hatte zunächst keine Antworten auf diese Fragen – und musste zusätzlich zum Tagesgeschäft danach suchen.

Im Jahr 2014 hatte sich DEBATIN eine allmähliche Transformation verordnet, um sich stärker an Familien- und Lebensphasen zu orientieren. So entstand das Projekt „Mehr Vereinbarkeit!“. Kurz zuvor nahm ein neuer Geschäftsführer seine Arbeit auf, und eine Enkelin des Gründers stieg als Gesellschafterin in das Unternehmen ein. Beide sahen ebenfalls Bedarf, neue Angebote für Mitarbeitende zu schaffen und familienfreundlicher zu werden – sie unterstützten das Vorhaben.

Informationen verteilen

Zunächst schuf HR sogenannte Infopoints im Unternehmen. An diesen Flyerständern, die in der Kantine und im Verwaltungsbereich aufgestellt wurden, konnten sich die Mitarbeitenden zu jenen Themen der einzelnen Lebensphasen informieren, zu denen die meisten Fragen gestellt wurden, zum Beispiel Schwangerschaftsphase und Elternzeit, Pflege von Angehörigen und Rente. Das entlastete das Tagesgeschäft spürbar. Außerdem schulte HR Führungskräfte zu den Themen „Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben“, „wertschätzende Kommunikation“ und dazu, wie sie Mitarbeitende zur Selbstführung anleiten können. Das passierte in eintägigen Kursen, die teilweise mehrfach stattfanden und die HR mithilfe eines Dienstleisters umsetzte. Um das abstrakte Thema „Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben“ zu erschließen, lernten die Führungskräfte, welche Bedürfnisse Mitarbeitende in den unterschiedlichen Lebensphasen haben können.

Während das Führungspersonal geschult wurde, versuchte das Unternehmen, sein Netzwerk auszubauen, um Zugriff auf Informationen und Unterstützung durch Sparringspartner zu erlangen. Dafür vernetzte sich DEBATIN zuerst mit dem Bündnis für Familie Bruchsal, einer Organisation, die sich für familienfreundliche Lebens- und Arbeitsbedingungen im Ort einsetzt. Durch die hier geknüpften Kontakte zu anderen Unternehmen und zur Politik erhielt das Unternehmen nicht nur Best-Practice-Beispiele und Tipps, sondern konnte sich mit immer neuen Kontakten zu neuen Ideen austauschen. Über das Vernetzen und die Schulungen konnte HR Mitarbeitenden, die in akute Notlagen geraten waren, auch besser an professionelle Anlaufstellen vermitteln. Zum Beispiel an den Pflegestützpunkt Bruchsal.

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Arbeitsgruppen weisen den Weg

Natürlich ging es auch um die Erarbeitung konkreter Schritte, um die Mitarbeitenden in verschiedenen Lebenssituationen und -phasen zu unterstützen. Ab dem Jahr 2018 startete dann das sogenannte „Audit Beruf und Familie“. In seinem Rahmen bildeten Mitarbeitende aus allen Unternehmensbereichen – vom Produktionshelfer bis zum Geschäftsführer – gemischte Gruppen, die jeweils drei Jahre lang erarbeiteten und umsetzten, was es unter bestimmten Aspekten von Familienfreundlichkeit für das Unternehmen zu tun galt. Die meisten Teilnehmenden meldeten sich freiwillig, wenige erst nach einer persönlichen Ansprache seitens der Personalabteilung. Sie wurden für die Gruppenarbeiten freigestellt oder bekamen Zeitgutschriften. Die Ergebnisse dieser Gruppenarbeiten flossen in die Zielvereinbarungen der jeweiligen Teammitglieder ein. Zwei Beispiele für diese Ergebnisse:

Elternschaft

  • Die Gruppe erstellte ein Informationskit für werdende Eltern, das beispielsweise ein Gratulationsanschreiben, eine Broschüre und einen Rechner zum Elterngeld sowie einen Musterantrag für Elternzeit umfasst.
  • Sie erarbeitete einen Gesprächsbogen für Führungskräfte, sodass betroffene Teammitglieder sich zu Themen wie Elternzeit, Wiedereinstieg, Kontakthalten während der Abwesenheit im Betrieb und zu Fortbildungsmöglichkeiten informieren konnten.
  • Die Gruppe entschied, das Unternehmen solle werdenden Eltern ein Geschenk zur Geburt ihres Kindes und einen Zuschuss zur Kinderbetreuung zukommen lassen. Das Geschenk umfasst zum Beispiel Windeln, Babyöl und eine Nuckelflasche.
  • Man beschloss eine Förderung „aktiver“, also Care-Arbeit und Kinderbetreuung einschließender Vaterschaf.

Alter und Pflege

  • Die Gruppe erarbeitete Vorschläge zur Ausbildung von betrieblichen Pflegeguides durch die sogenannte Metropolregion Rhein-Neckar. Diese Guides sind Ansprechpartner und stellen bei Bedarf Kontakt zu Experten her.
  • Es wurde entschieden, die interne Kommunikation zu Pflegethemen zu verstärken (zum Beispiel wurde ein Rollstuhl als Eyecatcher in der Kantine aufgestellt, um für Krankheiten und Eingeschränktheiten zu sensibilisieren).
  • Die Gruppe entschied, den Mitarbeitenden regelmäßig Schreibwerkstätten zu den Themen Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht anzubieten.

Zwölf Kennzahlen des Fortschritts

Die Arbeitsgruppen und ihre Ergebnisse brachten das Projekt entscheidend voran. Nun ging es darum, nachzuhalten, ob das Unternehmen durch die Teamarbeiten familienfreundlicher würde. Um entsprechende Daten zu erhalten, nutzte die HR-Abteilung den „Fortschrittsindex Vereinbarkeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Der Index basiert auf zwölf Kennzahlen, erlaubt den Vergleich mit anderen Unternehmen und hilft auch bei der Kommunikation und Veranschaulichung der Fortschritte im eigenen Betrieb. Bei DEBATIN hatte man 2018 von dem Index erfahren. Damals hatte das BMFSFJ-Netzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ zu einem Austausch über „Verbindlichkeit und Messbarkeit einer familienfreundlichen Unternehmenskultur“ nach Berlin eingeladen.

Dabei wurde auch der Index vorgestellt und diskutiert, bevor er 2019 das erste Mal getestet wurde. DEBATIN nahm an der Erprobung teil und konnte einzelne Kennzahlen ermitteln sowie Verbesserungspotenziale in den Gruppenarbeiten identifizieren. Seither erhebt die Personalabteilung die Kennzahlen jährlich. Dafür werden jeweils ungefähr eine bis zwei Stunden aufgewandt. Danach erhält das Unternehmen Empfehlungen, wie es noch familienfreundlicher werden könnte. Die gesamte Auswertung wird bei DEBATIN von einer Projektgruppe, bestehend aus Geschäftsleitung, Betriebsrat und Personalwesen, analysiert. Wo sie es für nötig hält, legt die Gruppe direkt Maßnahmen fest, die innerhalb eines Jahres umgesetzt werden sollen.

Zugleich hat die Firma viel Zeit und Mühe investiert, um die Initiative kommunikativ zu begleiten und Führungskräfte und Mitarbeitende mit dem Tool und den Kennzahlen vertraut zu machen und in Workshops zu schulen. Denn die beste Auswertung und die abgeleiteten Maßnahmen können nur dann auf die Belegschaft und auch die Arbeitgebermarke wirken, wenn sie verstanden werden. So wird zum Beispiel die Auswertung der Daten über den „Jahresrückblick“ transparent gemacht, die jährlich erscheinende Firmenzeitung.

Das erste Mal datengetriebene Arbeit

DEBATIN ist ein mittelständischer Betrieb, der bis Projektbeginn nicht mit Kennzahlen rund um die Familienfreundlichkeit und Geschlechterfairness gearbeitet hatte. Die Erhebung ist durchaus umfangreich und bindet Ressourcen, aber sie lohnt sich. Durch den Index erfahren die Verantwortlichen, wo die Stärken des Betriebes in der Familien- und Lebensphasenorientierung liegen und wo Verbesserungsbedarf besteht. Die Daten machen eine Entwicklung sichtbar und lassen einen brancheninternen als auch -übergreifenden Vergleich zu. HR erhält dadurch einen Überblick über die Effekte der bisherigen Maßnahmen zur Familienfreundlichkeit – und Argumente, um die Geschäftsleitung für weitere Schritte zu gewinnen. Abgesehen davon beinhaltet der Fortschrittsindex eine „Quick“ genannte, abgespeckte Möglichkeit der Datenerhebung, die schon einen recht guten Überblick über die Unternehmenssituation liefert.

Nächste Schritte

Wie eingangs angedeutet: Die Lebensphasenorientierung bei DEBATIN ist kein „Projekt“ im Sinne eines zeitlich begrenzten Vorhabens, sondern eine Transformation. Und die ist nie abgeschlossen. Familienfreundlichkeit hört nicht bei Zuschüssen sowie Informationsmöglichkeiten und -angeboten auf, sondern will strukturell und kulturell im Unternehmen verankert und stetig aktualisiert werden. Die nächste Runde des Audits Beruf und Familie – das in Dreijahreszyklen arbeitet – steht an, und immer wieder muss das Unternehmen beispielsweise auf Gesetzesänderungen oder Wünsche von Mitarbeitenden reagieren.

Auch sollen mehr flexible Arbeitszeitmodelle insbesondere für Blue-Collar-Worker geschaffen werden. Und nicht zuletzt der Fachkräftemangel macht es nötig, die Arbeitsfähigkeit älterer Beschäftigter zu erhalten – „Silverworker“ sind hier ein Stichwort. Überdies rücken gesellschaftliche und teils damit verbundene persönliche Krisen (Pandemie) den Erhalt der psychischen Gesundheit in den Mittelpunkt. Damit einher geht die Notwendigkeit, die Ansprüche an Führung neu zu definieren und die lebensphasenunterstützenden Angebote und ihre Kommunikation anzupassen – es gilt, möglichst individuell auf die Mitarbeitenden und ihre Bedürfnisse einzugehen.

Das sind große Aufgaben. Vor allem, aber nicht nur für HR und Management. Denn dies ist beiden inzwischen klar geworden: Eine nachhaltige familien- und lebensphasengerechte Personalpolitik entsteht nur gemeinsam. Mitarbeiter, Betriebsrat, Personalwesen, Geschäftsführung, Gesellschafter: Wenn alle an einem Strang ziehen, lassen sich gute, tragfähige Lösungen finden, um die Menschen bei der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben zu unterstützen.

Alles zum Thema

Unser Juli-August-Magazin

Der Artikel erschien zuerst in unserem Juli-August-Magazin. Neben der Case Study zum Fortschritts-Index Vereinbarkeit hat sich diese Ausgabe der Personalwirtschaft mit dem Thema Ausbildung auseinandergesetzt. 

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