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HR-Karrieren: So wird man Dax-Personalvorstand

Der CHRO, die CPO, oder wie auch immer der höchste Personaler oder die höchste Personalerin im Unternehmen heißt, hat heute deutlich mehr Einfluss als früher. „Er oder sie ist ein ganz wichtiger Co-Pilot im Unternehmen“, umschreibt es Claudia Schneider. Die Personalberaterin kümmert sich bei Heidrick & Struggles mit ihrem Team um die Besetzung von Top-Jobs in Finanz- und Personalabteilungen und hat jetzt eine Auswertung über die Karrieren der Personalverantwortlichen im Dax und MDax veröffentlicht. Sie spricht von einem immer häufiger beobachtbaren „Dreierkonstrukt“ aus CEO, CFO und Personalvorstand, das die wichtigen strategischen Entscheidungen trifft und so den Unternehmenserfolg überhaupt erst möglich macht.

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Nicht zuletzt die Auswirkungen der Corona-Pandemie hätten das gezeigt: „Da war der Personalvorstand eine zentrale Position, um das Unternehmen sicher und gut durch die Krise zu führen.“ Eine solche Relevanz hatte die Personalabteilung zuvor nicht. Und so verwundert es nur wenig, dass es in keinem anderen Vorstandsressort in den vergangenen zwei Jahren mehr Bewegung gab als in HR. Sage und schreibe 41 Prozent der HR-Leiterinnen und -leiter im Dax und 30 Prozent derer im MDax sind laut Schneiders Auswertung in den Jahren 2020 oder 2021 ins Amt gekommen. Viele der Neuberufungen verstärken nicht nur den Trend zu mehr Frauen in den obersten HR-Gremien – die Personalverantwortung liegt in mehr als der Hälfte der Unternehmen in Deutschlands ersten beiden Börsenligen in Frauenhand. Sie sind auch ein Symptom des veränderten Aufgabenprofils und der dafür nötigen Skills. „Generell sind die Anforderung an CHROs massiv gestiegen, die Pandemie hat auch hier einen maßgeblichen Einfluss gehabt“, sagt Schneider. Schließlich gehörten heute sehr viel mehr Aufgaben zum Personalbereich, von Homeoffice-Themen bis zur Diversity.

Das wiederum führe unter anderem dazu, dass die Personalchefinnen und -chefs immer besser für ihren Job qualifiziert sind, heißt es in der Studie. „Dabei ist aber nicht nur die Ausbildung gemeint, sondern das gesamte Paket an Erfahrungen, Hard und Soft Skills“, sagt Schneider. Dennoch hat die Personalberaterin mit ihrem Team Tendenzen und Trends ausgemacht, wie „typische“ Karrieren der Personalleitungen ablaufen, etwa, welche Fächer studiert und in welchen Jobs gearbeitet wurde. Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen die wichtigsten Ergebnisse vor.

Position im Unternehmen: Nur die Hälfte gehört zum Vorstand

Ana Mitrasevic ist Senior Vice President, People, bei Delivery Hero. (Foto: Delivery Hero)
Ana Mitrasevic ist Senior Vice President, People, bei Delivery Hero. (Foto: Delivery Hero)

Auf den ersten Blick widerspricht es der immer wieder beschriebenen höheren Relevanz von HR im Unternehmen: Lediglich 56 Prozent der HR-Chefinnen und -Chefs im Dax und sogar nur 38 Prozent ihrer Kolleginnen und Kollegen im MDax sind Teil des Vorstands in ihrem Unternehmen – und es werden laut Studie sogar immer weniger. „Die Zahlen zeigen allerdings nur die halbe Wahrheit“, sagt Personalberaterin Schneider. Denn die offizielle Hierarchie spiegele nicht immer eins zu eins die wahren Einflussverhältnisse im Unternehmen wider, wie man am Beispiel Delivery Hero sehen könne.

Dort sitzen mit CEO Niklas Östberg, CFO Emmanuel Thomassin und COO Pieter-Jan Vandepitte lediglich drei Männer im Vorstand, von denen keiner dezidiert für das Thema HR verantwortlich zeichnet. In direkter Berichtslinie zu Niklas Östberg gebe es mit Ana Mitrasevic allerdings eine fähige und im Unternehmen auch sehr einflussreiche Personalchefin. „Dort spielt HR bei Entscheidungen eine deutlich größere Rolle als in vielen größeren Unternehmen“, sagt Schneider. Die Fixierung auf Hierarchien, Posten und Titel sei „eine deutsche Spezialität“. Im angelsächsischen Raum, aus dem Mitrasevic, die vor allem von London aus arbeitet, ja auch kommt, sehe man so etwas entspannter. „Da geht es dann am Ende um die Gestaltungsmöglichkeit“, erklärt Schneider.

Ausbildung und Studium: BWL, VWL und Jura sind die beliebtesten Studienfächer

Dr. Thomas Ogilvie ist Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutsche Post DHL Group. (Foto: Deutsche Post DHL Group)
Dr. Thomas Ogilvie ist Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutsche Post DHL Group. (Foto: Deutsche Post DHL Group)

Die am häufigsten von heutigen HR-Verantwortlichen studierten Fächer überraschen nicht wirklich: Bei mehr als 40 Prozent steht ein wirtschaftswissenschaftliches Studium in der Vita, auf den weiteren Plätzen folgen Jura (19 Prozent) und Psychologie (7 Prozent). Während die BWL- und VWL-Vormacht auch in anderen Vorstandsressorts zu beobachten sind, machen Juristinnen und Psychologen, wenn überhaupt, meist in der Personalabteilung Karriere – wobei sich die Verhältnisse hier nach Einschätzung von Schneider in Zukunft verschieben dürften.

Insbesondere glaubt sie, dass in Zukunft weniger Juristinnen und Juristen an den Spitzen der Personalabteilungen stehen. Arbeitsrecht sei zwar traditionell ein großer und wichtiger Aspekt in der Personalarbeit, und das werde sich auch nicht ändern. „Aber andere Aspekte werden wichtiger“, ist sich die Personalberaterin sicher und nennt Stichworte wie Diversity, Nachhaltigkeit und Employer Branding. Vor allem aber lasse sich ein Thema wie Arbeitsrecht gut durch Dienstleister oder interne Expertinnen und Experten abdecken, bei strategischeren Themen sei das deutlich schwieriger.

Einen Doktortitel wie Deutsche-Post-DHL-Personalvorstand Dr. Thomas Ogilvie tragen übrigens nur 15 Prozent der untersuchten Personalchefinnen und -chefs. „Eine Promotion, gerade in traditionellen deutschen Konzernen, wird gerne gesehen, ist aber kein Karriere-Booster mehr“, heißt es dazu in der Studie.

Bisherige Positionen: „Schornsteinkarriere“ wird seltener

Renate Wagner ist im Vorstand der Allianz zuständig für die Ressorts Human Resources, Legal, Compliance sowie Mergers & Acquisitions. (Foto: Allianz)
Renate Wagner ist im Vorstand der Allianz zuständig für die Ressorts Human Resources, Legal, Compliance sowie Mergers & Acquisitions. (Foto: Allianz)

Nur knapp ein Drittel der Dax-CHROs hat die gesamte Karriere in der Personalabteilung verbracht. Häufiger anzutreffen ist eine solche „Schornsteinkarriere“ im MDax, wo 65 Prozent der HR-Leiterinnen und -Leiter in diese Kategorie fallen. Über die beiden ersten Börsenligen hinweg hat hingegen rund die Hälfte auch Erfahrungen in anderen Branchen gemacht und einen „breiten Erfahrungsschatz“ gewonnen, wie es in der Studie heißt.

„Gerade in unserer heutigen VUCA-Welt, in der sich alles schnell verändert, sind umfassende Businesskenntnisse wichtig“, glaubt Schneider, die deshalb den breiten, nicht rein auf die Funktion beschränkten Karriereweg für den sinnvolleren hält. Im Idealfall hätten Personalverantwortliche vorher schon einmal andere Bereiche verantwortet – so wie zum Beispiel Allianz-Personalvorständin Renate Wagner, die zwischen 2015 und 2019 die Life-&-Health-Sparte des Versicherers im Raum Asien-Pazifik leitete, bevor sie in die Personalabteilung wechselte. Auch Ilka Horstmeier, seit 2019 Personalvorständin bei BMW, gehört in diese Gruppe. Sie ist zwar seit 1995 im Unternehmen und begann ihre Karriere auch als Personalreferentin. Zwischenzeitlich war sie allerdings auch unter anderem Leiterin der Motorenproduktion in München und Leiterin des Werks Dingolfing.

Eine ähnliche Tendenz lässt sich laut Schneider auch zum Beispiel bei Finanzvorständen erkennen. „Auch dort ist international häufig eine breite Erfahrung in anderen Bereichen gewünscht“, sagt die Personalberaterin. „In Deutschland allerdings bislang eher selten.“

Bisherige Unternehmen: Jeder Achte hat nie das Unternehmen gewechselt

Ilka Horstmeier verantwortet im Vorstand der BMW AG das Personal- und Sozialwesen und ist Arbeitsdirektorin. (Foto: BMW)
Ilka Horstmeier verantwortet im Vorstand der BMW AG das Personal- und Sozialwesen und ist Arbeitsdirektorin. (Foto: BMW)

BMW-Personalvorständin Ilka Horstmeier gehört noch in einem anderen Punkt einer Minderheit unter den obersten Personalverantwortlichen in Dax und MDax an: Sie hat nie für ein anderes Unternehmen als BMW gearbeitet. Ähnliches können lediglich 12 Prozent ihrer Kolleginnen und Kollegen behaupten, unter anderem Thomas Ogilvie von der Deutschen Post und Michael Müller (noch) von Fraport. Ein Drittel der Top-Personalerinnen und -Personaler hat zwei oder drei Unternehmen in seiner Vita stehen, ein weiteres Drittel vier bis fünf. Das decke sich mit den Erkenntnissen auch in anderen Vorstandsressorts, heißt es in der Studie.

Die Mehrheit der Personalchefinnen und -chefs – knapp zwei Drittel von ihnen – hat sogar nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Branche gewechselt. Immerhin 24 Prozent der Dax-Personalchefinnen und -chefs haben dabei eine Vergangenheit als Beraterin oder Berater, alleine vier waren bei McKinsey (unter anderem Bayer-Personalvorständin Sarena Lin). Dass eine Vergangenheit im Consulting auch praktisch weiterhilft, zeigt das Zitat einer ungenannten HR-Chefin in der Studie: „Meine Strategie-Erfahrung hat mir geholfen, eine vorurteilsfreie Herangehensweise zu entwickeln, die es mir erlaubt, mich in andere Menschen hineinzuversetzen“, heißt es dort.

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Internationalisierung: Die Hälfte hat keine Auslandserfahrung

Dr. Ariane Reinhart kümmert sich im Continental-Vorstand um die Themen Human Relations und Sustainability und ist Arbeitsdirektorin. (Foto: Continental)
Dr. Ariane Reinhart kümmert sich im Continental-Vorstand um die Themen Human Relations und Sustainability und ist Arbeitsdirektorin. (Foto: Continental)

Der Kampf um die Talente ist heute ein internationaler“, sagt Claudia Schneider. Deshalb müssten auch die obersten HR-Verantwortlichen immer die „globale Brille“ tragen. Dabei könne intensive internationale Erfahrung helfen. Und in der Tat hat immerhin ein Drittel der untersuchten Managerinnen und Manager Auslands­erfahrungen sammeln können, weitere 13 Prozent sind nicht in Deutschland geboren. Rund die Hälfte allerdings hat bislang nur hierzulande gearbeitet. Dieses Verhältnis könnte sich allerdings ändern, nicht zuletzt, weil an vielen Stellen Entwicklungen und Trends aus dem angelsächsischen Raum langsam auch in Deutschland Fuß fassen – ob es jetzt um das Ende der Schornsteinkarriere geht oder die schwindende Fixierung auf formale Hierarchien.

Ein Beispiel für einen internationalen Lebenslauf, das in der Studie genannt wird, ist der von Dr. Ariane Reinhart, Personalvorständin von Continental. Sie war im Laufe ihrer Karriere für VW drei Jahre in Brasilien und für Bentley zwei Jahre in Großbritannien tätig.

Aussichten: Kronprinz ist selten der CHRO

Kate Gulliver wechselt im November vom Personalressort auf den CFO-Posten bei Wayfair. (Foto: Businesswire)
Kate Gulliver wechselt im November vom Personalressort auf den CFO-Posten bei Wayfair. (Foto: Businesswire)

Geht es um die Besetzung eines Vorstandsvorsitzes, wird in vielen Fällen jemand von außerhalb des Unternehmens geholt. Und selbst wenn es eine interne Lösung gibt, dann ist es oft der CFO, der befördert wird (siehe dazu auch Personalwirtschaft 5/2022). Hierzu liefert die Studie zwar keine Ergebnisse, Schneider bestätigt den Befund aber aufgrund ihrer Erfahrungen im Markt. „So etwas sehen wir in der Tat bei CHROs bislang nicht“, sagt sie. Das könnte daran liegen, dass in deutschen Konzernen oft noch Hard Skills und harte Zahlen zählen, wenn es um die Besetzung der CEO-Position geht. „Aber auch das könnte sich auf absehbare Zeit ändern“, glaubt sie.

International gab es entsprechende Karrieren schon häufiger. So war General-Motors-CEO Mary Barra vor ihrer Berufung Vice President HR bei dem Autobauer. Und in diesem Jahr wird beim Möbelversender Wayfair die bisherige Personalchefin Kate Gulliver zur CFO und CAO (Chief Administrative Officer) – eine Berufung, die bei der Bekanntgabe weitgehend als „Beförderung“ aufgenommen wurde.

Bislang sind solche Lebensläufe allerdings eher Ausnahmen, denn noch scheint mit dem Personalvorstand in aller Regel der Höhepunkt der Karriere erreicht.


Die vollständige Studie hat Claudia Schneider unter anderem auf Linkedin veröffentlicht:

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Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.