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Immer mehr Mitarbeiter kündigen – Unternehmen müssen handeln

Unabhängig von der Branche kämpfen viele Unternehmen derzeit mit hoher Fluktuation. Aufgrund des Arbeitskräftemangels haben sie Schwierigkeiten, den Bedarf an Personal zu decken. Das zeigt die neue Studie „Mitarbeiterbindung 2030“, die F.A.Z. Business Media | research gemeinsam mit Cornerstone herausgegeben hat. Im Rahmen der Studie wurden insgesamt 201 Entscheider zu den Themen Mitarbeiterfluktuation, der Rolle von HR und möglichen Gegenmaßnahmen befragt. Zudem sprach das Expertenteam mit Karen Wefelmeyer und Karin Kießling (d&b audiotechnik), Jo-Anne Rossouw (Nestlé) und Natascha Gasser (Gebrüder Weiss) über die Herausforderungen im Hinblick auf Mitarbeiterbindung.

Bereits heute zeichnet sich ab, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren weiter zuspitzen wird. Neun von zehn befragten Personal- und Unternehmensentscheidern (88 Prozent) rechnen damit, dass der Aufwand, um den eigenen Bedarf an qualifiziertem Personal zu decken, bis 2030 stetig wachsen wird.

Talente können sich aufgrund des rasant wachsenden Angebots am Arbeitsmarkt heute häufiger ihren Arbeitgeber selbst aussuchen als noch vor wenigen Jahren. In Verbindung mit einer höheren Wechselbereitschaft – die Coronapandemie hat vielerorts dafür gesorgt, dass die Bindung zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern abgenommen hat – entscheiden sich daher mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für einen neuen Arbeitgeber.

Das spüren Unternehmen bereits: Knapp vier von zehn Befragten geben an, dass seit 2020 mehr Mitarbeiter das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen haben als zuvor – Tendenz steigend. Nur 45 Prozent der befragten Personaler und Unternehmenslenker im deutschsprachigen Raum beobachteten in den vergangenen zwei Jahren eine unveränderte Kündigungsrate.

Wichtig sei es, die Kündigungsgründe der Mitarbeiter zu kennen. Nur so könne es gelingen, die Fluktuationsrate zu reduzieren. Laut der Studie kündigen die meisten Talente, weil sie mit ihrem Gehalt und ihren Karrierechancen (jeweils 48 Prozent) nicht zufrieden sind. Weitere Kündigungsgründe sind: Unzufriedenheit mit den Führungskräften (37 Prozent), eine unausgewogene Work-Life-Balance (34 Prozent), zu wenig Gestaltungsspielraum bei der Arbeit (25 Prozent), eine schlechte Unternehmenskultur (17 Prozent) oder Unzufriedenheit mit den Aufgaben (14 Prozent).

„Ein zentraler Grund, warum Mitarbeiter in einer Organisation bleiben, sind die Menschen“

, sagt Natascha Gasser.

Entwicklungsmöglichkeiten bieten ist essentiell

Vor dem Hintergrund der zunehmenden freiwilligen Kündigungen müssen Unternehmen reagieren. Sie sollten in Mitarbeiterbindung und Employer-Branding investieren, aber auch Kommunikation, Führung und Onboarding hinterfragen und gut aufstellen.

Vor diesem Hintergrund überraschen die Studienergebnisse: Unternehmen betrachten den Ausbau interner Entwicklungsmöglichkeiten eher selten als dringende Aufgabe. Ebenso tauchen Skills-Gap und Weiterbildung auf der Liste aktueller Herausforderungen für die Mitarbeiterbindung relativ weit hinten auf.

Dabei sind Learning- und Weiterbildungsangebote ein entscheidender Baustein für erfolgreiche Mitarbeiterbindung. Sven Schrieber, Senior Account Manager Strategic Accounts bei Cornerstone, betont: „Skill-Management ist aus unserer Sicht sehr wichtig.“ Dass es dabei essentiell ist, die Talente als Individuen zu betrachten, bestätigt Karen Wefelmeyer in ihrem Interview für die Studie: „Wir müssen vielfältigere Angebote entwickeln , um auch im Arbeitsalltag dem Megatrend Individualisierung gerecht zu werden.“ Gasser stimmt dem zu und ergänzt: „Ein Angebot One fits all, ein Lernkatalog zum Aussuchen, das geht nicht mehr. Es ist wichtig sich andere Gedanken zu machen.“

Trotz der hohen Bedeutung des lebenslangen Lernens – von dem nach Gasser auch Führungskräfte nicht ausgenommen sind – priorisieren die befragten Entscheider anders. Sie sehen vor allem Handlungsbedarf in Sachen Kultur und Kommunikation. In 41 Prozent der befragten Unternehmen geht HR diese Aufgabe gezielt an, um die Belegschaft nachhaltig von der eigenen Organisation zu überzeugen. Sowohl Gasser als auch Schrieber geben zu, dass sie schon verschiedene Kommunikationskanäle ausprobiert und die Erfahrung gemacht hätten, dass nicht jeder Kanal funktioniert. „Wir versuchen immer wieder neue Kanäle. Was klappt, das klappt. Was nicht klappt, werfen wir über Bord“, berichtete Gasser.

„Mitarbeiter betrachten ihre Arbeitswelten heute sehr viel individueller als früher“

, sagt Karen Wefelmeyer.

Knackpunkt Führung

Auch auf die Rolle der Führungskräfte bei der Mitarbeiterbindung wirft die Studie einen Blick: Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Entscheider sieht Leadership als einen Hebel für eine bessere Mitarbeiterbindung. Daher setzt fast die Hälfte (49 Prozent) verstärkt auf Maßnahmen, mit denen die Führungskräfte zugunsten der Mitarbeiterbindung weiterentwickelt werden sollen, denn die Anforderungen an eine gute Personalführung haben sich aufgrund der digitalen Transformation und des hybriden Arbeitens in den vergangenen Jahren stark verändert. Gasser betont, welch wichtige Rolle Führungskräfte bei der Mitarbeiterbindung haben: „Karriere ist etwas ganz Individuelles. Die Führung steckt viel dahinter. Sie muss auch in die Richtung gehen, Coach zu sein, denn die beste Personalentwicklerin ist die Führungskraft. Sie kennt ihre Mitarbeiter.“

HR trägt strategische Verantwortung

HR hat hier die Rolle, so Schrieber, die Führungskräfte zu ihren veränderten Aufgaben zu befähigen und richtige strategische Impulse zu geben. Denn es gilt, sowohl bestehende als auch künftige Mitarbeiter nachhaltig vom eigenen Unternehmen zu überzeugen. Während HR in der Vergangenheit oftmals nur als interner administrativer Dienstleister galt, trägt die Personalabteilung hinsichtlich der Mitarbeiterbindung heute auch strategische Verantwortung und kann wertvolle Impulse bei der Strategieentwicklung geben. In 53 Prozent der befragten Unternehmen sichert sich HR damit bereits die Position als Business Partner.

Das ist wenig verwunderlich, denn gerade HR befindet sich unmittelbar an der Schnittstelle zu den Mitarbeitern. Somit mausert sich HR auch als Bindeglied zwischen Mitarbeitern und Führungskräften. In 38 Prozent aller befragten Unternehmen vermittelt HR bereits heute schon zwischen beiden Parteien. Auch begleitet es die Talente vom Bewerbungsprozess über das Onboarding und interne Weiterentwicklung bis zum Ausscheiden aus dem Unternehmen und übernimmt somit die Rolle eines Karriereberaters.

Und ganz besonders wichtig: Es ist HR, das Mitarbeiter am besten an das Unternehmen binden kann, sofern es gezielte Maßnahmen dafür ergreift. Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) haben das erkannt. Hier verstehen sich die Personalabteilungen als Enabler in Sachen Mitarbeiterbindung.

Kirstin Gründel kümmert sich als Redakteurin um das Portal Total Rewards sowie das F.A.Z.-Personaljournal.

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